Ärztemangel

Terminstau beim Kinderarzt: Eltern müssen Vorsorge bezahlen

Formell gibt es genügend Kinderärzte. In Pankow wartet man über fünf Monate auf Untersuchungen - und bei Verzug muss man selbst zahlen.

Immer mehr Aufgaben, immer mehr Geburten, aber kaum personeller Aufwuchs: Kinderärzte arbeiten besonders im kinderreichen Pankow unter hohem Druck.

Immer mehr Aufgaben, immer mehr Geburten, aber kaum personeller Aufwuchs: Kinderärzte arbeiten besonders im kinderreichen Pankow unter hohem Druck.

Foto: gpointstudio via www.imago-images.de / imago images / Westend61

Sandra von Münster hat sich die Rechnung aufgehoben. Die Rechtsanwältin aus Pankow sieht sie als ein wichtiges Beweisstück an für einen Missstand, der auf dem Papier nicht existiert. Weil sie mehr als fünf Monate auf einen Termin für die U8-Vorsorgeuntersuchung ihrer Tochter warten musste, bat sie ihr Kinderarzt persönlich zur Kasse.

Denn Familien, die den Zeitrahmen für solche Routinebehandlungen zu weit überziehen, verlieren dadurch den Anspruch für eine Zahlung durch die Krankenkasse. Egal ob die Verzögerung durch eigene Versäumnisse zustande kam oder nicht.

Pankow ist überversorgt – aber alle Ärzte arbeiten am Limit

„Ich kann diese 50 Euro sicher verschmerzen – aber andere können es vielleicht nicht“, warnt von Münster. In ihrer Kanzlei in Prenzlauer Berg und im Bekanntenkreis seien ihr inzwischen etliche Fälle bekannt, in denen Eltern mit kleinerem Budget in der gleichen Situation die 50 Euro zwar ebenfalls gern bezahlen, aber unter hohem gesellschaftlichem Druck – „schließlich wollen sie sich nicht vorwerfen lassen, an der Gesundheit ihrer Kinder gespart zu haben.“

Als Ursache des Terminstaus in den Kinderarztpraxen sieht von Münster ein Missverhältnis zwischen jetzigen Gegebenheiten und dem Zuordnungsschlüssel der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin, der noch die Verhältnisse der 90er Jahre zugrunde legt. Nach diesem Schlüssel besitzt Pankow einen Versorgungsgrad von 135 Prozent – und ist damit nicht etwa von Kinderärztemangel betroffen, sondern sogar überversorgt.

Knapp 38 Arztsitze für über 71.000 Kinder

Nominell bräuchte Pankow nur 27,5 Arztsitze, der einwohnerstärkste Bezirk verfügt aber über 37,5. Dem gegenüber steht allerdings ein Rekord: Mit 71.472 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren leben in Pankow bedeutend mehr Heranwachsende als zum Beispiel im Bezirk Mitte, der mit 58.937 Kindern auf Platz zwei folgt und Neukölln, wo 53.697 Minderjährige leben. Am unteren Ende der Statistik liegen Spandau mit 42.411 und Treptow-Köpenick mit 41.641 Kindern.

Nach diesen Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung, die auf eine mehr als ausreichende Versorgungssituation hinweist, bleibt unter den Berliner Bezirken nur Neukölln hinter dem geforderten Versorgungsgrad von 100 Prozent zurück – mit 97,5 Prozent.

Die höchsten Versorgungsgrade liegen in Charlottenburg-Wilmersdorf (165,5 Prozent) und in Steglitz-Zehlendorf (184,5 Prozent) vor. Im südwestlichsten Bezirk ergibt sich die relativ komfortable Situation, dass sich 33,5 Ärzte um 48.036 Kinder kümmern können. Das Verhältnis sieht vor, dass jeder Kinderarzt in Berlin 2,405 Einwohner unter 18 Jahren abdecken muss, damit ein Grad von 100 Prozent erreicht wird.

Eltern müssen Termine lange im Voraus planen

Auf Nachfrage, wie sich die Bemessungsgrundlagen für Versorgungsgrade bei Kinderärzten aus den 90er Jahren aktualisieren ließen, verweist die Kassenärztliche Vereinigung Berlin erstens auf die Zuständigkeit des Gemeinsamen Bundesausschusses (GBA), der sich mit diesem Aspekt der Bedarfsplanung auseinandersetzen müsste.

Und betont zweitens die statistische Überversorgung Berlins. Weil also formell kein Missverhältnis vorliegt, werden sich Familien in Berlin mit der jetzigen Situation arrangieren müssen. Und sollten wichtige Termine im Zweifel über ein halbes Jahr im Voraus vereinbaren, wenn sie nicht Gefahr laufen wollen, auf den Kosten sitzen zu bleiben.

Neukölln will eigens Gesundheitszentrum gründen

Verglichen mit der Situation in Pankow steht Neukölln vor noch größeren Problemen. Laut Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) arbeitet der Bezirk derzeit daran, ein eigenes kommunales Gesundheitszentrum zu gründen.

„An diesem Standort sollen ambulante medizinische Leistungen von Kinder- Frauenärzten und Allgemeinmedizinern, Leistungen des Bezirksamtes sowie Leistungen freier Träger gebündelt, abgestimmt und gemeinsam erbracht werden. Es liegt dazu ein Konzept vor, das derzeit auf Umsetzung geprüft wird“, erklärt Liecke.

In der Praxis sei es für Familien in Neukölln sehr schwierig schwierig, überhaupt einen Kinderarzttermin zu erhalten. „Es gibt Fälle, in denen Familien nicht mehr aufgenommen werden. Von freier Arztwahl kann unter diesen Umständen keine Rede sein“, beklagt er.

„Die Angaben der Eltern sind realistisch“

Auch dem Bezirksamt Pankow sind solche Probleme der formell besser versorgten Familien wohl bekannt. Auch Gesundheitsstadtrat Torsten Kühne (CDU) sieht die Ausgangsbasis für das jetzige Modell als überholt an. „Aus hiesiger Sicht ist die Bemessungsgrundlage veraltet und spiegelt nicht den tatsächlichen Bedarf an Kinderärzten wieder“, sagt Kühne. „Die Angaben der Eltern sind realistisch“, erklärt er zum Terminproblem, das von Münster schildert.

„Das Bezirksamt Pankow hat diesen Missstand bereits mehrfach gegenüber der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung sowie der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung Berlin bemängelt. Eine ausreichende Abhilfe wurde jedoch nicht geschaffen.“

Kinderärzte nehmen keine neuen Patienten an

Für zusätzliche Probleme sorgt in der Praxis die ungleiche Verteilung der Ärzte in den Kiezen. In Pankow konzentriert sich die Versorgung auf Prenzlauer Berg, wo ein Großteil der 37 Ärzte praktiziert. Sandra von Münster, die in Weißensee lebt, war die räumliche Nähe völlig egal.

Sie fand in ganz Pankow keinen Kinderarzt, der ihr einen fristgerechten Termin für die U8-Vorsorgeuntersuchung binnen fünf Monaten geben konnte. Und selbst über ein Vermittlungsportal der Charité für Kinderärzte in allen anderen Bezirken fand sich kein Arzt, der von Münsters Tochter als Neupatientin annehmen wollte, berichtet die Mutter von ihrer Odyssee.

Nach fünf Monaten Wartezeit führte schließlich der Stammarzt die Vorsorgeuntersuchung verspätet durch. Und die Anwältin tat das, was sie Anfang des Jahres angesichts von 313 Kinderärzten in Berlin für absurd gehalten hatte: Sie zahlte die 50 Euro selbst.

Ärzte müssen immer mehr Aufgaben übernehmen

„Diese Probleme sind bekannt und werden ernst genommen“, erklärt eine Sprecherin der KV Berlin. Man stelle in der Tat höhere Kontaktzeiten zu Patienten, steigende Geburtenzahlen und ein Wachstum der Aufgaben bei Kinderärzten fest – dazu gehören auch neue Vorsorgeuntersuchungen.

Die Krankenkassen hätten der KV Berlin für das Jahr 2018 einen Betrag in Höhe von bis zu 2,5 Millionen Euro für bis zu zehn zusätzliche Zulassungen für Kinder- und Jugendärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater zur Verfügung gestellt.

Auf Grund ihres Versorgungsgrades hätten Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick und Spandau jeweils einen zusätzlichen Arztsitz bekommen, Reinickendorf zwei und Neukölln drei. Mit einer neuen Regelung, die im Juni 2019 in Kraft trat, soll es in Berlin künftig noch drei weitere Kinderarztsitze geben.

Mutter befürchtet zweiten Engpass nach dem Schulplatzmangel

Sandra von Münster, die Mutter dreier Kinder, kann diese Prognose nicht überzeugen. „Meine Befürchtung ist, dass bei den Ärzten das gleiche passiert wie bei den Schulplätzen. Da haben die Bezirke auch jahrelang gewarnt, dass die Zahlen für die Planung nicht der wirklichen Entwicklung bei den Geburten entsprechen. Und nun ist der Mangel da.“