Armut in Berlin

Warum 40 rumänische Obdachlose am Bahnhof Pankow leben

Wohnungslose sorgen für Konflikte am Garbatyplatz. Drei Sicherheitsdienste kümmern sich um die Szene. Ein Sozialarbeiter erklärt die Situation.

Der Sozialarbeiter Dana Saky (r.) und sein Team vom Träger Horizonte versorgen rumänische Obdachlose mit frischer Kleidung.

Der Sozialarbeiter Dana Saky (r.) und sein Team vom Träger Horizonte versorgen rumänische Obdachlose mit frischer Kleidung.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Dana Saky ist ein Mann, der die Zwickmühle versteht. Als Sozialarbeiter des Trägers „Horizonte“ hat er fast täglich mit den Obdachlosen zu tun, die am Bahnhof Pankow seit zwei Jahren die Konstante sind im Strom von Zehntausenden Pendlern. Zum harten Kern gehören etwa 40 Personen, vor allem rumänische Männer, wie Saky herausgefunden hat. Hier suchen sie Schutz und Geselligkeit, hier treffen sie sich täglich bei Trinkgelagen, hier erfahren sie wegen Alkoholismus und Wildpinkeln scharfe Ablehnung – und finden anderseits soziale Angebote auf hohem Niveau.

Zum Beispiel die Suppenküche der Franziskaner. Ein Ort, der nun auch als Anlaufstelle diente für Politiker, Polizisten, Sicherheitsexperten der BVG und S-Bahn. Und für zwei Mitarbeiterinnen des örtlichen Drogeriemarkts, die mehrfach mit dem Besuch angetrunkener Männer umgehen mussten. Sie alle versammelten sich auf Einladung der Abgeordneten Stephan Lenz (CDU), Andreas Otto und Stefan Gelbhaar (beide Grüne) regelmäßig bei einem Runden Tisch, um über ein Problem zu beraten, das viele von denen umtreibt, die am Umsteigebahnhof die Armut stets vor Augen haben.

BVG will den Raum am Bahnhof unbequem machen

„Pankow ist das Tor zu Europa“, beschreibt Dana Saky die Situation. Vor allem Wanderarbeiter aus Rumänien seien in der Hoffnung auf ein besseres Leben hierhergelangt. Aber jetzt kommen sie vom Garbatyplatz nicht mehr fort. Sie hätten nicht den gleichen Anspruch auf Sozialhilfe wie einheimische Obdachlose und seien von manchen Hilfsmöglichkeiten ausgeschlossen.

Die Rumänen könnten unter Umständen doch Einlass bekommen in einer Notunterkunft. Aber das wollen sie laut der Schilderung der Sozialarbeiter keinesfalls. „Sie stört, dass man hier morgens sehr früh aufstehen muss“, berichtet Saky. Trotz des harten Schicksals: Die Hoffnung, vielleicht doch wieder zeitweilig Arbeit auf einer Baustelle zu finden, sei Grund genug zu bleiben. Auf der Straße in Pankow.

S-Bahn, BVG und Geschäfte setzen auf eigene Sicherheitsleute

Wer beim Runden Tisch länger zuhört, dem bietet sich ein zwiespältiges Bild. Einerseits betonen Polizei, BVG und S-Bahn, dass sich eine leichte Besserung der Lage einstellt und die Beschwerden von Passanten zurückgehen. Zugleich fällt auf, welcher Aufwand seit Monaten getrieben wird, um die Situation zu beruhigen. So haben nicht nur die BVG und die S-Bahn täglich jeweils eigene Sicherheitsteams im Einsatz, sondern auch die Gewerbetreibenden am Garbatyplatz.

Damit stehen drei Mannschaften 40 Obdachlosen gegenüber. „Der Security haben wir zu verdanken, dass jetzt bei uns im Laden Ruhe ist“, meint eine Mitarbeiterin der Drogerie. Bevor Sicherheitsleute und Sozialarbeiter zur Stelle waren, habe es oft Besuch von betrunkenen Obdachlosen gegeben, die sich Brennspiritus kaufen wollten, um günstig an Hochprozentiges bekommen. „Wenn die das trinken, könnte es Tote geben“, befürchtet die Frau drastische Konsequenzen. Im Notfall ruft sie jetzt in solchen Situationen bei den Sozialarbeitern an, die dann herbeieilen, um den Fall zu regeln.

Bahnhofsgegend kein Kriminalitätsschwerpunkt

Hanno Becker vom Polizeiabschnitt 13 kennt die Konflikte aus erster Hand, hält sie aber für beherrschbar. „Es überschreitet nur sehr selten die Grenze zu einer Straftat. Aus kriminalistischer Sicht erkennen wir keine Negativtendenzen“, erzählt er seine Sicht auf den Alltag am Bahnhof Pankow. Gemessen an den vielen Tausend Menschen, die sich hier von morgens bis abends auf der Durchreise befänden, sei die Gegend weit davon entfernt, um in Berlin als „Hotspot“ zu gelten. Bei Straftaten, vor allem beim Fahrraddiebstahl, verzeichne man eher eine rückläufige Tendenz – auch weil eine mobile Wache der Polizei häufig am Garbatyplatz Präsenz zeigt.

Einig sind sich alle Teilnehmer des Runden Tischs, dass wildes Urinieren an der Bahnböschung und zwischen den doppelstöckigen Fahrradständern momentan das größte Ärgernis darstellt. Wer hier abends sein Rad abholt, muss aufpassen, wohin er tritt: wegen der Pfützen – und Kothaufen. „Das ist ein Riesenthema“, sagt Jörg Pruss, der Sicherheitschef der S-Bahn Berlin. „Es scheint ein Ding der Unmöglichkeit, den Bereich der Fahrradabstellanlagen sauber zu halten.“

U-Bahnfahrer wurden von Obdachlosen belästigt

Auch der BVG-Vertreter am Runden Tisch berichtet von Zwischenfällen in der Vergangenheit. So seien die Fahrer an der Endstation der Linie U2 beim Schichtwechsel von Obdachlosen belästigt worden. „Jetzt ist es etwas ruhiger“, sagt der BVG-Mann. Damit die Bahnhofshalle nicht mehr so einladend sei, habe man Kästen abgeräumt, die als Sitzmöglichkeit dienten – „wir sehen zu, dass wir den Raum unbequem machen.“

So sind alle Beteiligten hin und her gerissen zwischen der Sicherstellung des täglichen Betriebs und dem Wunsch, den Obdachlosen zu helfen. In Kürze soll nun ein Duschmobil des Sozialdienstes katholischer Frauen am Garbatyplatz vorfahren, um die Hygiene zu verbessern. Außerdem erhalten die Obdachlosen mehrsprachige Flyer mit einer Liste von Hilfsmöglichkeiten. „Wir müssen für eine menschenwürdige Situation sorgen. Und wir müssen es Berlinern ersparen, dass sie über Obdachlose steigen“, nennt der Abgeordnete Stephan Lenz das Ziel.

Ein Anfang vom Ende des Elends wäre es wohl schon, wenn sich die gestrandeten Osteuropäer wieder ausweisen könnten, glaubt Sozialarbeiter Dana Saky. Aber ihnen in der Botschaft Papiere zu besorgen, sei aussichtslos – „das läuft dort katastrophal.“ Von Rumänien kann Pankow keine Hilfe erwarten.