Neubauquartier

Zaun im früheren Todesstreifen stört Mauerpark-Anwohner

Petition gegen die „Gated Community“: Das neue Quartier „So Berlin“ ist vom Mauerpark abgeriegelt. Investor und Senat liegen im Streit.

Geteilte Stadt: Zwischen Pankow und Wedding ragt ein Zaun mit Stacheldrahtrollen empor, den Investor und Behörden trotz monatelangen Verhandlungen nicht öffnen können.

Geteilte Stadt: Zwischen Pankow und Wedding ragt ein Zaun mit Stacheldrahtrollen empor, den Investor und Behörden trotz monatelangen Verhandlungen nicht öffnen können.

Foto: Thomas Schubert

Berlin.. Näher am Mauerpark wohnt niemand. Die neuen Bewohner der neuen Siedlung „So Berlin“ am Lichtburgring in Gesundbrunnen könnten die international bekannte Grünanlage als ihren Vorgarten betrachten – wäre da nicht der Zaun. Auf dem früheren Grenzstreifen zieht sich vom Gleimtunnel bis zur Ringbahn eine schroffe Metallbarriere entlang, die an der südlichen Ecke gekrönt wird von einer Rolle Stacheldraht. Pankow und Gesundbrunnen sind ausgerechnet an der alten Narbe Berlins wieder geteilt.

Anwohnern fordern Öffnung des Zauns an mehreren Stellen

Was dieser Zaun im ehemaligen Todesstreifen soll? Einer Gruppe von Anwohnern des Neubauquartiers um den Berliner Markus Schwarz will sich der Sinn nicht erschließen. Sie hatte eine Online-Petition initiiert, und die Situation einer „Gated Community“, also einer eingezäunten Wohngemeinschaft, wie sie in Städten mit kritischer Sicherheitslage zu finden ist, zu beenden.

„Der Zaun soll zeitnah an mehreren Stellen geöffnet werden, um eine freie Bewegung der Menschen zu erlauben“, lautet die Forderung der Bewohner. Es handle sich um „eine alte Grenze, die heute Menschen voneinander abgrenzt und eine Art ungewollte ,Gated Community‘ schafft“. Derartige Grenzzäune seien gerade in der einst geteilten Stadt Berlin „nicht mehr zeitgemäß“, beklagten zuletzt 300 Unterstützer der Petition. Doch auch nach dem Ende der Unterschriftensammlung, adressiert an die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr, ist keine Zaunöffnung in Sicht.

Tatsächlich sehen sich die Groth-Gruppe als Erbauer der Siedlung mit 700 Wohnungen und die beiden Bezirke Pankow und Mitte auf der Seite der Anwohner. Aber das Ende des Zaunstreits scheitert bislang am Durcheinander der Zuständigkeiten und an bürokratischen Hürden. Auch die Senatsverkehrsverwaltung kennt das Problem seit Langem und drängt ebenfalls auf eine Lösung.

„Die Anbindung zwischen Neubauquartier und Mauerpark ist nicht zufriedenstellend“, sagte Sprecherin Dorothee Winden auf Anfrage. Zuständig seien in erster Linie die beiden Bezirke. Man sehe die Verantwortung aber auch beim Projektentwickler. „Leider hat sich die Groth-Gruppe nicht in der Verantwortung gesehen, über den eigenen Grundstücksrand hinaus für seine Bewohner eine vernünftige Anbindung herzustellen“, kritisierte die Senatsverwaltung.

Groth-Gruppe hatte die Zaunöffnung schon vorbereitet

Ganz anders sieht das die Groth-Gruppe. Man habe praktisch seit der Grundsteinlegung des Quartiers auf eine Öffnung des Zauns gedrängt, betonte Sprecherin Anette Mischler. Obwohl die Beteiligten bei einem Runden Tisch übereinkamen, am Bereich des Kinderbauernhofs „Moritzhof“ eine Durchwegung zu schaffen, ist die Umsetzung gescheitert.

„Wir haben nicht nur die Anschlüsse auf unserem Grundstück hergestellt, sondern darüber hinaus auch angeboten, landschaftliche Höhenunterschiede so auf dem Anschlussgrundstück anzupassen, dass man gleich in einer baulichen Maßnahme den Weg hergestellt hätte. Es ist uns bisher nicht gelungen“, erklärte Mischler.

„Kaum nachzuvollziehen, warum hier nicht eine schnelle Lösung gefunden werden kann“

Der Kern des Problems aus Sicht der Groth-Gruppe: An der geplanten Durchwegung befindet sich der Zaun auf einer Fläche der Deutschen Bahn. Aber Groth sollte für dieses fremde Grundstück einen Bauantrag stellen. Dies habe die Senatsverwaltung so gewünscht. In das fremde Eigentum einzugreifen, sieht der Immobilienentwickler aber als illegal an. „Wir verstehen das Anliegen der Anwohner völlig. Und von außen betrachtet, ist es verständlich und kaum nachzuvollziehen, warum hier nicht eine schnelle Lösung gefunden werden kann“, bedauerte die Unternehmenssprecherin. Der Zaun an sich sei von Anfang an da gewesen und gehöre der Bahn.

Von Mitte nach Pankow nur durch den Gleimtunnel

Trotz des Streits hatten die Anwohner um Markus Schwarz gehofft, dass es noch in diesem Jahr eine offizielle Lösung gibt. Durch eine Öffnung der Bezirksgrenze würden Wege, die „durch den gerade für Kleinkinder hygienisch unzumutbaren Gleimtunnel führen“, gangbar gemacht, lautete eines der Argumente. Bewohner und Anwohner hätten die Chance, den Moritzhof und den angrenzenden Park zu nutzen. Die Fußwege aus Prenzlauer Berg nach Gesundbrunnen könnten attraktiver und die neue Kita besser zu Fuß zu erreichen sein, heißt es in der Petition.

Inzwischen hat die Anwohnergruppe aber resigniert. Sie schreibt: „Da sich bei der Frage einer Zaunöffnung drei Verwaltungen, der Bezirk Pankow, der Bezirk Mitte jeweils als Flächeneigentümer und der Bund als Anteilseigner der Deutschen Bahn, koordinieren müssen, ist eine Öffnung vor 2020 nicht zu erwarten.“

Neuer Rad- und Fußweg soll die Groth-Siedlung anbinden

Eine inoffizielle Lösung hat sich inzwischen aber ergeben: ein Loch im Zaun. Wer es geöffnet hat, lässt sich nicht ermitteln. Aber die Lücke wird von allen Beteiligten toleriert. Einen offiziellen Durchgang zwischen Gesundbrunnen und Prenzlauer Berg wird es wohl erst im Zuge der Aufwertung des Mauerparks geben. In einer Machbarkeitsstudie ist laut Senatsverkehrsverwaltung ein zusätzlicher Fuß- und Radweg vorgesehen. Dann gilt es zu vermeiden, dass die neue Trasse an einem Grenzzaun, den niemand will, endet.