Vogelgezwitscher statt Straßenlärm, mondäne Atmosphäre statt beschmierte Brandwände – es mag Vorzüge haben, in Grunewald zur Schule zu gehen und so dem Stress der Innenstadt zu entgehen. Eine Familie aus Prenzlauer Berg empfindet das als Zumutung. Ihr sind die Reize des Lernens im Villenviertel nicht so wichtig wie ein kurzer Schulweg. Nach den Sommerferien soll ihr Sohn Tim auf ein Gymnasium nach Grunewald wechseln und dabei eine Strecke bewältigen, die einen beträchtlichen Aufwand mit sich bringen könnte: 16,7 Kilometer hin und 16,7 Kilometer zurück. Dieses Pensum hat die Mutter Josefine Nowack genau ermittelt. Laut BVG-App könnte Tim bestenfalls 42 Minuten, nachdem die Tür des Elternhauses hinter ihm ins Schloss fällt, im Grunewalder Klassenzimmer sitzen. Bei ersten Versuchen dauerte es aber länger.

„Mein Sohn hat das Gefühl, versagt zu haben“

„Mein Sohn hat das Gefühl, versagt zu haben, trotz bester Gymnasialempfehlung. Wie sollen wir ihm da Lust auf den Start in die Oberschule machen?“, fragt Nowack. Ihren Ärger hat sie in einem Brief an Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) und Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU) in Worte gefasst. Als hier geborene Einwohnerin von Prenzlauer Berg habe sie den Bezirk Pankow immer familienfreundlich empfunden. Jetzt trifft sie die Enttäuschung über die schwierige Schulplatzsituation umso härter.

Wie die Anmeldezahlen für die einzelnen Oberschulen in Berlin aussehen, dazu gibt die Senatsschulverwaltung keine Auskunft. Der Grund: Die Gefahr, dass „undifferenzierte Negativlisten“ von unbeliebten Schulen entstehen, sei zu hoch, teilte die Verwaltung zuletzt mit. Dass Pankow große Schwierigkeiten hat, Kinder mit Schulplätzen zu versorgen, ist aus Sicht des Landeselternausschusses aber kein Geheimnis. „Dort ist es schon fast normal, dass solche Fälle vorkommen“, sagt der Vorsitzende Norman Heise zu Tims Schicksal.

Bezirk Pankow hat zu wenig Schulplätze

Dass nächstes Schuljahr wohl mehrere Pankower Kinder nach Grunewald pendeln müssen, nennt er „völlig abstrus“. Es sei aber auch nicht verwunderlich. Denn der Bezirk habe einfach zu wenige Schulplätze für zu viele Kinder. In Grunewald, das zu Charlottenburg-Wilmersdorf gehört, sei es genau umgekehrt. Auf Konferenzen würden sich die Bezirke zu Ausgleichsmöglichkeiten beraten, berichtet Heise.

Wie weit ein Kind zur Schule pendeln darf, darüber haben Gerichte entschieden. Die Fahrzeit für eine Strecke soll eine Stunde nicht überschreiten – damit liegt der Gymnasiast Tim mit seinen 42 Minuten noch im Rahmen. Er hätte wohl bis nach Dahlem-Dorf vermittelt werden dürfen.

Und wie reagiert Bürgermeister Benn auf den Brief? Er und Schulstadtrat Torsten Kühne wollten den Fall bislang nicht kommentieren. Tim wiederum wird nach dem Sommer tatsächlich mit Straßen- und S-Bahn zur Schule pendeln müssen. 33,4 Kilometer hin und zurück.