Hohe Mieten für Ateliers

Artspring in Pankow: Drei Kunsthäusern droht das Aus

300 Ateliers öffnen am Wochenende die Türen beim wichtigsten Kunstfest in Berlins größtem Bezirk. Ein Gespräch mit Leiterin Julia Brodauf.

Julia Brodauf und ihr Team wollen Ateliers in den Blick rücken, die aus den Kiezen zu verschwinden drohen. Gemeinsam mit Jan Gottschalk hat Brodauf den Artspring vor drei Jahren gegründet.

Julia Brodauf und ihr Team wollen Ateliers in den Blick rücken, die aus den Kiezen zu verschwinden drohen. Gemeinsam mit Jan Gottschalk hat Brodauf den Artspring vor drei Jahren gegründet.

Foto: Thomas Schubert

Steigende Ateliermieten, drei sterbende Kunsthäuser und Verdrängung: Die Kunstszene in Pankow trotzt schwierigen Bedingungen. Und zeigt bei der Veranstaltungsreihe Artspring ihre Vielfalt. Am 1. und 2. Juni stehen Besuchern zum Höhepunkt des Kunstfrühlings an 300 Orten die Türen offen. In einem Pop-up-Store im Obergeschoss der Schönhauser Allee Arcaden können sich Gäste von einer Künstlerin porträtieren lassen und bekommen Tipps für Atelierbesuche. Wie es um die Kunst in Pankow steht, erklärt Julia Brodauf, die künstlerische Leiterin des Artspring, im Gespräch.

Wir treffen uns in einem Pop-up-Store im Einkaufszentrum. Wie gut vertragen sich Kunst und Kommerz?

In diesem Fall ganz gut. Das Einkaufszentrum ist ein Ort, an dem man die Nachbarn trifft. Und wir wollen mit ihnen in Kontakt treten. Ein Ort, der dazu da ist, um sich mit den Dingen des täglichen Bedarfs einzudecken, ist ein passender Standort für die Kunst.

Also ist die Kunst auch ein Produkt für den täglichen Bedarf?

Wenn es so ist, würde ich das begrüßen. Es ist auch mein ganz persönliches Anliegen, dass man sich mit der Kunst so alltäglich beschäftigt wie mit Musik oder Literatur. Jeder hat einen Lieblingsautor. Jeder 16-Jährige kennt die Biografie eines Popstars vorwärts und rückwärts. Aber ein aktueller Künstler von nebenan ist für die Leute oft sehr weit weg. Es fehlt an Berührungspunkten. Auf der anderen Seite stehen dann die Künstler, die zu den drei oder fünf Prozent gehören, die „es schaffen“, die im großen Kunstmarkt ankommen und von ihrer Arbeit gut leben können. Dem gegenüber stehen die Lebenskünstler, bei denen es anders kommt – und dazwischen gibt es wenig. Wenn ich einen zeitgenössischen Künstler bewundere, und eines seiner Werke kostet für mich so viel wie ein halbes Jahr Miete, ist das schwer zugänglich. Insofern ist das Nachdenken über den Kunstmarkt eine wichtige Frage der Zeit.

Zweifellos ist die Kunstszene im Bezirk von steigenden Mieten betroffen. Wie reagieren Künstler darauf?

Zum Beispiel, indem wir das Festival Artspring veranstalten. Tatsächlich ist die Sicherung der Atelierstandorte eines der Anliegen, das uns dazu gebracht hat, vor zwei Jahren das erste Mal den Artspring zu veranstalten. Diesmal sind drei Atelierhäuser dabei, bei denen wir leider sicher sein können, dass sie nächstes Jahr um diese Zeit nicht mehr existieren werden: die KunstEtagen Pankow, die Australische Botschaft Ost und das Atelierhaus in der Schönhauser Allee 69. Mein eigenes Atelier in der Goldleistenfabrik ist seit Februar um 50 Prozent teurer. Wegen solchen Problemen haben wir erkannt: Es ist wichtig, sichtbar zu werden. Und deshalb hatten wir die Idee, in die Ateliers einzuladen, um der Nachbarschaft im Bezirk zu zeigen, wo sie sind und was darin stattfindet.

Prenzlauer Berg ist als Kulturstandort wohl allgemein anerkannt. Wie geht es der Kunst im restlichen Pankow?

Es geht der Kunst auch in Prenzlauer Berg gar nicht so gut, weil es Ausstellungsorte und auch kommerzielle Galerien eigentlich kaum noch gibt. Die wohl aktivste Galerie ist nicht in Prenzlauer Berg, sondern in Weißensee. Umso wichtiger ist es, dass die Kunstschaffenden das Kunstpublikum auch offiziell in ihre Ateliers einladen können. Relativ zahlreiche Atelierorte gibt es im südlichen Weißensee, der sogenannten „Randlage Prenzlauer Berg“, oberhalb der Ostseestraße. Auch im Winsviertel ist in diesem Jahr bei Artspring relativ viel zu sehen. Im Kollwitzkiez sind Ateliers unbezahlbar. Im restlichen Pankow gibt es eher noch Freiräume. Aber das ist dann nicht besonders zentral gelegen.

Wohin könnte Artspring noch expandieren?

Wir denken da nicht geografisch, aber vielleicht organisatorisch. Was wir langfristig anstreben, ist eine Präsenz rund ums Jahr. Das heißt nicht, dass die Ateliers immer offen sein müssen. Aber der Pop-up-Store in den Schönhauser Alle Arcaden zum Beispiel geht in diese Richtung. Eigentlich möchten wir gerne einen Ort schaffen, wo Künstler sich untereinander organisieren, aber auch in Kontakt mit den Akteuren im Bezirk und dem Kunstpublikum treten können. Dafür gibt es Ideen.

Am Wochenende wollen 300 Künstler ihre Ateliers öffnen. Es ist der Höhepunkt von Artspring. Was darf man auf keinen Fall verpassen?

Für Besucherinnen und Besucher empfiehlt es sich natürlich, zu den großen Atelierhäusern zu gehen, weil man dort viele Künstler an einem Ort sieht. Und natürlich darf man die Atelierhäuser nicht verpassen, die man nur noch dieses Jahr sehen kann. Aber man darf es erst recht nicht verpassen, in den Ateliers in seiner Nachbarschaft vorbeizuschauen. Es ist doch spannend, zu sehen, war nebenan künstlerisch geschieht.

Pankow ist ein besonders kinderreicher Bezirk. Welche Ausstellung würden Sie speziell für Familien empfehlen?

Zum Beispiel die Kinderkunststation im Atelier von Katharina Grantner in der Rykestraße 17. Dort werden ab 11 Uhr Computerspiele selbst gemacht – ganz analog.

Info: Programm für den Höhepunkt des Artspring:

- Sonnabend und Sonntag, 1. und 2. Juni, jeweils 12 bis 20 Uhr: Offene Ateliers in Pankow. Programm im Internet unter https://www.artspring.berlin/3d-flip-book/1844/