Das Recht der Kinder auf Platz zum Spielen ist etwas, das Familien in Pankow jetzt öffentlich einfordern. Sie gehen dafür buchstäblich auf die Straße – so wie bei der Demonstration am Sonnabend in der Gneiststraße. 150 Anwohner äußerten dort den Wunsch, den Verkehr zugunsten des Spielvergnügens von Kindern auszusperren. Als Veranstalter hatten die Arbeitsgemeinschaft Verkehr der Baugenossenschaft Bremer Höhe und der Grünen-Kreisverband Pankow zeigen wollen, „dass eine Wohnstraße mehr sein kann, als nur eine schnelle Durchfahrt für Berufspendler, Transporter und Taxis. Die zwei Stunden alternative Straßennutzung haben wieder einmal klar gemacht, dass auch Verkehrsstraßen ein lebendiger Ort sein können, an dem Kiezleben stattfindet“, erklärt Patrizia Flores, die Initiatorin der Aktion. Sie sagt: „Wir fordern mehr Raum für Fußgänger und Radfahrer, für Flaneure und spielende Kinder und werden auch mit weiteren Aktionen dafür sorgen, dass Straßen anders erlebt werden können.“
Eltern fordern Mut zur Durchsetzung von Spielstraßen
Tatsächlich geht der Protest von Familien in Prenzlauer Berg schon am Mittwoch weiter. Dann demonstrieren Eltern und Kinder von 15 bis 17 Uhr in der Gudvanger Straße für eine temporäre Sperrung dieser Durchfahrt in Höhe der Hausnummern 16 bis 22. Formell ist ein solches Projekt an dieser Stelle seit vier Jahren beschlossene Sache - und wurde auch schon erprobt. Nach einem ersten Versuch des Models an diesem Ort zeigte sich aber: Nicht alle Anwohner wollten ihre Autos aus dem Sperrgebiet fahren – so landete der Streit um Platz zum Spielen auf der Fahrbahn vor Gericht.
Dann gab es im Juni 2017 zwischen Bezirksamt Pankow und klagenden Anwohnern eine außergerichtliche Einigung vor dem Verwaltungsgericht Berlin. Nun sollte nur noch einmal im Monat zwischen 14 und 18 Uhr gespielt werden. Umgesetzt habe das Bezirksamt Pankow dieses Vorhaben aber bisher nicht, beklagt Matthias Groh, der Sprecher der örtlichen Elterninitiative.
Ursprünglich war gefordert, dass die Gudvanger Straße von Mai bis Oktober immer dienstags von 10 bis 18 Uhr für den Autoverkehr gesperrt und zum Spielen freigeben wird. „Bis heute ist völlig unklar, wann es endlich losgehen kann. Die Initiative ruft das Bezirksamt Pankow auf, endlich tätig zu werden“, sagt Groh. Deshalb fordern er und seine Mitstreiter die Umsetzung mit Hilfe der Kundgebung am Mittwoch. Es gehe darum, Flächen von Nebenstraßen tagsüber, wenn weniger Parkplätze benötigt werden, zum Spielen zu nutzen. Abends könnten die Flächen dann wieder zum Parken zur Verfügung stehen.
Auch für einen ursprünglich angedachten Start der temporären Spielstraße in der Gudvanger Straße in diesem Mai gebe es bisher keine Signale vom Bezirk, bedauert Groh. Es gebe bisher überhaupt kein Signal vom Bezirksamt an die Initiative, dass es zu einer Umsetzung kommen soll, beklagt der Elternsprecher.
Stadtrat will rechtliche Prüfung abwarten
Auch der zuständige Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) will den Plan umsetzen, möchte aber zunächst eine rechtliche Bewertung der temporären Spielstraße zum Abschluss bringen. Es laufe derzeit „eine Prüfung, inwieweit die verkehrliche Anordnung erteilt werden kann“, sagte er am Montag auf Anfrage. Zuvor hatte die Bundesregierung dem Bezirk in eine Einschätzung mitgeteilt, unter welchen Bedingungen das Vorhaben möglich ist. „Ich gehe nun davon aus, dass es so schnell wie möglich zu einer Anordnung und danach zur Beschaffung und Anbringung der Zusatzschilder kommt, kann aber im Moment noch keinen Termin nennen“, erklärt Kuhn.
Dass es grundsätzlich an intakten Spielmöglichkeiten in Pankow fehlt, führt der Stadtrat auf mangelnde personelle und finanzielle Ressourcen zurück. Zuletzt waren 160 von 220 öffentliche Spielplätze in Pankow sanierungsbedürftig, sieben komplett gesperrt, 13 teilweise. Bei 76 Anlagen bestand dringender Handlungsbedarf. 24 Millionen Euro Investitionsstau, kein eigener Bauhof, keine Handwerker, die kleine Schäden schnell beheben könnten – das sind laut Kuhn die Auslöser der Misere. Eine Verbesserung der Lage könne es mit vereinzelten Finanzspritzen vom Senat und der dünnen Personaldecke nicht geben.



