Wer sich mit Fritz Heyn befasst, trifft ihn 90 Jahre nach seinem Tod als bärtigen Mann auf verblichenen Fotografien. Mit ernster Miene blickt dem Betrachter ein Vater von 13 Kindern, der Chef einer Stuhlrohrfabrik, ein sozial engagiertes Gemeinderatsmitglied von Pankow entgegen. Jüngere kennen den Industriellen auch als Namensgeber eines hippen Cafés in den früheren Räumen seiner Fabrik. Wer sich wirklich für Fritz Heyn interessiert, kann 50 Meter neben dem Café auch seine frühere Wohnung an der Heynstraße 8 besichtigen. Seit nunmehr 45 Jahren dient diese Residenz mit mächtigem Stuck, Deckengemälden und knarzendem Parkett als Schaustelle des großbürgerlichen Lebens um 1900. Das Bezirksmuseum Pankow hat den Zustand bis zur letzten Teppichkordel sorgsam konserviert.

Die Frage nach Antisemitismus steht im Raum

War Fritz Heyn ein Antisemit? Das ist eine völlig neue Frage, die sich jetzt aus einer Sonderschau ergibt. Unter dem Titel „Die Heyns – es stehen Fragen im Raum“ haben sich Studenten des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin darum bemüht, die angestaubte Dauerausstellung mit modernen Forschungsansätzen aufzupeppen. Maren Jung-Diestelmeier, eine der Kuratorinnen, entkräftet den Verdacht: „Nein, Heyn war kein Antisemit“, sagte sie bei der Eröffnung der Schau am Sonntag. In dieser Ausstellung gehe es nicht darum, jemanden der Judenfeindlichkeit zu überführen, sondern darum, zeitgenössische Phänomene im Berlin der Kaiserzeit anhand der Museumswohnung in Pankow zu erklären. „Wir wollen keine fertigen Ergebnisse präsentieren, sondern das Museum als ein Ort des Kontakts und der Auseinandersetzung nutzen“, erklärt Jung-Diestelmeier den Denkansatz.

Deshalb stehen die Fragen im wahrsten Sinne des Wortes im Raum – nämlich als Pappschilder in Grün. An Schautafeln erhält man dann passende Antworten und erfährt zum Beispiel, wie Kolonialismus und Antisemitismus das Berlin der Kaiserzeit prägten. Es gibt darauf Antworten, die Besucher erfreuen dürften – zum Beispiel, wenn er liest, dass sich Pankower Kaufleute der Benachteiligung jüdischer Kollegen entgegenstellten.

Museumswohnung bekommt interaktives Konzept

Der Fabrikbesitzer Fritz Heyn mit seiner großen Familie dient aus Sicht von Jung-Diestelmeier als „positive historische Identifikationsfigur“, dessen Leben maßgeblich von solchen Themen geprägt wurde. Längst nicht alle der Fragen sind wissenschaftlicher Natur und nicht auf alle bekommt man eine Antwort. Es gibt auch ganz banale Schilder etwa mit der Aufschrift: „Raucht Fritz Zigaretten der Marke Garbáty?“

Aus Sicht von Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke), der für den Bereich Kultur zuständig ist, bringt die neue Schau neben frischen Impulsen auch die Lösung für ein pragmatisches Problem. Denn die bisherige Betreuerin des Museums, Marina Rippin, geht nach langen Jahren in den Ruhezustand. Und weil man diese wandelnde Enzyklopädie nicht ersetzen könne, brauchte die Museumswohnung ein neues Konzept, meint Benn. Er lobt den interaktiven Ansatz der Studenten, weil dieser das Museum auf eine neue Stufe hebt: „Bisher war die Wohnung so etwas wie eine Puppenstube des 19. Jahrhunderts.“