Sleep Spray

Berliner Start-up entwickelt Spray zum Müdewerden

Frei verkäufliche Mittel gegen Schlafprobleme liegen im Trend. Nun setzt ein Unternehmen auf ein Mundspray mit Schlafhormonen.

Jungunternehmer Fabian Foelsch will Menschen zu gesundem Schlaf verhelfen - und verordnet Melatonin als Mundspray.

Jungunternehmer Fabian Foelsch will Menschen zu gesundem Schlaf verhelfen - und verordnet Melatonin als Mundspray.

Foto: Thomas Schubert

Fabian Foelsch weiß aus erster Hand, wie seine Kunden sich fühlen. Auch er litt in jungen Jahren unter Schlafproblemen – wie Millionen von Deutschen. Auch er quälte sich nach unruhigen Nächten müde durch den Tag. Was für einen Büroangestellten ungünstig wäre, erwies sich für den Leistungssportler damals als fatal.

Rund zwölf Jahre später hat der Arztsohn sportliche Höchstleistungen und die Schlafstörung hinter sich gelassen. Und leitet als Betriebswirt eine junge Firma, die Lösungen verkauft für diejenigen, die ihren Körper besser kontrollieren wollen. Die Firma heißt „Brain Effect“ und entwickelt Produkte für „Büroathleten und Alltagshelden.“ Für jeden also, der seine Leistungsfähigkeit steigern will, ohne dafür zum Doktor zu müssen. Es gibt vegane Energiepräparate, Pillen für mehr Konzentrationsvermögen und Mikrowirkstoffe für anhaltendes Wohlbefinden. Fabian Foelsch sitzt in der Unternehmenszentrale in Weißensee an seinem Schreibtisch zieht eines der neuesten Produkt aus der Schachtel: das „Sleep Spray“ – hochkonzentriertem Melatonin in einer Sprühflasche.

Krankenkasse sieht Schlafstörung als Volkskrankheit

„Wir wollen den Menschen zurückgeben, was der westliche Lebensstil uns raubt. Schlafprobleme beruhen zu 80 Prozent auf Problemen mit dem Melatoninspiegel“, erklärt der 32-jährige Start-up-Chef den Sinn der frei erhältlichen Arznei. Und beruft sich auf wissenschaftliche Studien. Künstliches Licht und ein unruhiger Biorhythmus seien dafür verantwortlich, dass der Körper nicht mehr genug von diesem Schlafhormon produziert. Wer schlafen will, öffnet den Mund, und befördert das „Sleep Spray“ – formell handelt es sich um ein Nahrungsergänzungsmittel – per Knopfdruck in den Rachen. Schmeckt nach Minze. Und soll müde machen. Zur Wirksamkeit eines solchen Mittels gibt es erst wenige medizinische Erkenntnisse. Angefragte Ärzte wollten sich dazu gegenüber der Morgenpost nicht äußern. Sie verwiesen darauf, dass dieses Spray einen ähnlichen Status hat wie handelsübliche Vitaminpräparate.

Schlecht schlafen, dass liegt bei deutschen Arbeitnehmern im Trend. 80 Prozent von ihnen haben fortwährend Probleme, nachts die nötige Ruhe zu finden, heißt es im aktuellen Gesundheitsreport der Krankenkasse DAK. „Die zunehmenden Schlafstörungen in der Bevölkerung sollten uns wachrütteln“, warnte DAK-Vorstandschef Andreas Storm bei der Präsentation. Laut der Untersuchung sollen Fehltage aufgrund von Schlafstörungen seit 2005 um 70 Prozent gestiegen sein.

„Sleep Economy“ verdient an Lösungen für Rastlosigkeit

Zugleich floriert das Geschäft mit der Ruhe. Immer neue Baldrianpräparate und sogar Cannabis-Tropfen sind ein Gegengewicht zu legalen Aufputschmitteln wie Mate-Getränken oder Energie-Drinks. In den USA spricht man bereits von einem ganz neuen Wirtschaftszweig, der von der Matratzenherstellung bis zur Ratgeberliteratur reicht: die „Sleep Economy.“ Und nun kommt „Brain Effect“ also auf die Idee und verabreicht Melatonin als Mundspray.

Ob Nahrungsergänzungsmittel, ausgeklügelte Diäten, spezielle Sportpraktiken oder Apps für Achtsamkeit oder Meditation – in Berlin floriert das Geschäft mit dem besseren Leben, wie in kaum einer anderen deutschen Stadt. Längst hat in der Szene der englischsprachigen Oberbegriff für alle Arten von Selbstoptimierung Einzug gehalten: „Biohacking.“ So wie sich ein Computerprogramm mit den richtigen Handgriffen austricksen lässt, so sollen sich auch die Funktionsweisen des menschlichen Körpers überlisten lassen.

Kritiker beklagen die Jagd nach falschen Idealen

Welche extremen Spielarten „Biohacking“ hervorbringen kann, sieht man in den USA, wo sich Männer Chips unter die Haut transplantieren lassen, um damit bargeldlos zahlen können. Ein Herr namens Rich Lee sorgte für Schlagzeilen, als er damit begann, mit Hilfe von Spritzen sein eigenes Erbgut zu verändern, um zum „Übermenschen“ zu werden. So regt sich gegen den Drang zur Selbstoptimierung auch Kritik. „Neuer Mensch oder arme Sau?“, titelte eine deutsche Wochenzeitung kürzlich über einem Beitrag zu immer krasseren Auswüchse des „Biohackings.“ Auch Buchautoren wie Klaus Werle sehen im Hang zur Selbstoptimierung „ein Rattenrennen“, bei dem es darum geht, zwanghaft die Idealvorstellungen einer Gesellschaft zu leben anstatt eigene Stärken zu verwirklichen.

In Berlin sind eher moderate Vertreter der Bewegung zu Hause. Eine bekannte Größe: der Berater, Blogger und Buchautor Max Gotzler, der sich als „professionellen Biohacker“ bezeichnet und Mitstreiter regelmäßig bei Kongressen versammelt, die „Flowfest“ heißen. Sein Hauptwerke in Buchform heißen „Optimiere dich selbst“ und „Die Superman Diät.“ Unter dem Namen „Flowgrade“ betreibt Gotzler einen Shop, in dem er Informationsmaterial und verschiedene Präparat verkauft. Vom Einbau von Implantaten unter Haut ist diese Geschäftsidee weit entfernt.

Firmengründer testet seine Produkte selbst

Auch Fabian Foelsch möchte mit „Brain Effect“ keine Cyborgs erschaffen, sondern Kunden mit kleinen Hilfsmitteln beim Erreichen ihrer Ziele helfen. Dass die Nahrungsergänzungsmittel tatsächlich wirksam sind, dafür soll die Expertise von Ärzten, Lebensmittelchemikern und Ernährungswissenschaftlern sorgen – all diese Berufsgruppen sind an der Produktentwicklung beteiligt. Aber die erste Gewissheit schafft etwas Simpleres: der Selbsttest.

Foelsch erprobt die Wirkung seiner Mittel am eigenen Körper. Davon unabhängig überprüft er die Qualität seines Schlafs mit Hilfe von „Tracking-Tools“ und befolgt alle gängigen Tipps, von pünktlichen Zubettgehen bis zur Vermeidung von Arbeit vor Bildschirmen zu später Stunde – denn deren blaues Licht gilt als Wachmacher. „Ich bin ein Schlaf-Nerd“, sagt Foelsch von sich.

Das Streben nach dem guten Leben soll auch in der Firmenphilosophie von „Brain Effect“ erkennbar sein. Über Kopfhörer können Mitarbeiter Klänge hören, die ihre Gedanken in optimistische Bahnen lenken. Regelmäßig beleben sie ihr Nervensystem mit Bädern im kalten Wasser des Weißen Sees. Und jeder hat Zugang zum selbst entwickelten Kaffee mit verringertem Säuregehalt. Nur zu fortgeschrittener Stunde mahnt Foelsch zur Vorsicht. Denn Koffein nach 17 Uhr, das ist nicht gut für den Schlaf.