Stadtentwicklung

Wie viel Großstadt verträgt die Elisabeth-Aue?

Bis zu 5000 Wohnungen können auf Pankower Acker entstehen. Eine neue Initiative will die Blockade beenden, wirbt für einen Kompromiss.

5000 Wohnungen oder Reihenhäuschen und ein Park? Die Suche nach einer Lösung für die 70 Hektar große Elisabeth-Aue hat begonnen.

5000 Wohnungen oder Reihenhäuschen und ein Park? Die Suche nach einer Lösung für die 70 Hektar große Elisabeth-Aue hat begonnen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Mutterboden, Grashalme und blühende Sträucher, Landwirtschaft statt Großstadttreiben: Die Elisabeth-Aue im Herzen Pankows war immer schon ein weites Feld. Und in diesen Tagen ist sie wieder einmal Gegenstand von Gestaltungsideen und Planungsvisionen im großen Stil.

5000 Wohnungen können auf dem 70 Hektar großen Acker entstehen – so steht es im neu vorgelegten Stadtentwicklungsplan Wohnen des Berliner Senats für 2030.

Trotz der Vereinbarungen zur Nichtbebauung, die SPD, Grüne und Linke in ihrem Koalitionsvertrag ausgehandelt hatten. Damit wird der Pakt zur Freilassung der Aue langsam aufgeweicht – und das von beiden Seiten.

Elisabeth-Aue: Anwohnerinitiative will Schule und „Kleingartenpark“

Denn auch eine neue Anwohnerinitiative zeigt sich dafür offen, den Status quo der ländlichen Leerstelle zu ändern. Sie bringt das Feld als Standort für eine neue Schule und einen „Kleingartenpark“ ins Spiel – und im kleinen Maßstab auch als Fläche für neue Wohnhäuser.

„Wichtig ist uns aber, dass es bei einer ortsüblichen Bebauung bleibt“, sagt Sprecher Lars Bocian. Ortsüblich heißt, dass gebaut wird wie in den angrenzenden Siedlungen von Französisch Buchholz: Viergeschosser am Blockrand und dahinter Reihen- oder Einfamilienhäuser.

Auf 5000 Wohnungen wird man damit nicht annähernd kommen - aber das hält die Initiative ohnehin für illusorisch. „Wir haben hier eine Straßenbahn und eine größere Straße. Die Verkehrssituation lässt das nicht zu“, warnt Bocian.

In der Initiative sind der Bürgerverein Französisch Buchholz und der Pankower Bezirksverband der Gartenfreunde ebenso vertreten wie der Verein Buchholzer Laubfrosch und eine örtliche Schule, die der Anmeldezahlen kaum noch Herr wird.

In der Umfeld entstehen auch ohne die Aue mehr als 13.000 Wohnungen

Was diese Gruppen in jedem Fall ablehnen, ist eine „Vollbebauung“, wie sie der neue Stadtentwicklungsplan des Senats in Aussicht stellt. In den Plänen der Anwohner ist der Acker in mehrere Abschnitte unterteilt. Im Süden, am Rosenthaler Weg, sollen sich in einer langen Zeile die Wohnungen, eine neue Oberschule, aber auch Ärztehäuser und Büros konzentrieren.

Nördlich davon folgt als weites grünes Band der Kleingartenpark: eine Mischung aus konventioneller Kolonie und urbaner Parklandschaft. Und ganz im Norden soll ein kleiner Wald die Elisabeth-Aue begrenzen. „Es ist das richtige Signal, dass dieser Vorschlag aus der Mitte der Bevölkerung kommt und nicht von oben verordnet wird“, sagt Initiativenmitglied Helmut Jansen.

Gegenbeispiel zum Blankenburger Süden

Damit könne die Aue ein Gegenbeispiel zum benachbarten Blankenburger Süden werden, wo Anwohner eine neue Großsiedlung mit 6000 Wohnungen energisch bekämpfen. Auch wegen knapp 7000 geplanten Wohneinheiten in Karow und Buch droht im Norden von Pankow ein Bevölkerungswachstum, bei dem die Akzeptanz der Anwohner in Frage steht. Die Bürgerinitiave aus Französisch Buchholz geht auch deshalb mit eigenen Ideen in die Offensive.

Ein Ansatz, der den Planern in der Landes-SPD gefällt. „So wird das Schwarz-Weiß-Denken durchbrochen. Das ist hoch interessant“, lobt Daniel Buchholz, der stadtentwicklungspolitische Sprecher der Sozialdemokraten im Abgeordnetenhaus, den neuen Impuls.

Lob von der SPD für Mittelweg

Er betont, dass die SPD immer ein Gegner des Schritts war, die Pläne für ein neues Quartier auf der Elisabeth-Aue stillzulegen, so wie es die Grünen und die Linke wünschten. Der neue Anlauf für die Planung eines Quartiers sei insofern logisch, weil der Planungsstopp nur für die aktuelle Legislaturperiode verhandelt wurde.

Neben einer Totalbebauung und gar keiner Bebauung könne es sehr wohl einen klugen Mittelweg geben. Eine genaue Zahl von Wohnungen für einen Kompromiss nennt Buchholz zwar nicht. Sie müsse aber im vierstelligen Bereich liegen.

CDU setzt Bedingungen für Bau von 5000 Wohnungen

Auch die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus sieht es mit Wohlwollen, dass wieder über eine Gestaltung der Aue gesprochen wird.

„Wir sind unter der Voraussetzung der Beteiligung der Anwohner und unter der Voraussetzung, dass die Verkehrsanbindung vor Bau der Wohnungen geplant und gebaut wird und nur unter diesen Bedingungen für eine Bebauung mit bis zu 5.000 Wohnungen“, erklärt Bauexperte Christian Gräff.

Dass Anwohner die Statusänderung der Aue aus dem Stadtentwicklungsplan ablesen müssen, nennt Gräff „eine Frechheit.“

Grüne lehnen Bebauung der Aue weiterhin ab

Mit den Grünen wird eine Bebauung des Feldes weiterhin nicht zu haben sein, wie die Pankower Abgeordnete Daniela Billig betont. „Die großflächige Bebauung der Elisabeth-Aue wäre für Klima- und Umweltschutz fatal. Das benachbarte Landschaftsschutzgebiet wäre gefährdet. Die fehlende Verkehrsanbindung würde das Verkehrsaufkommen in Berlin und Pankow durch den motorisierten Individualverkehr deutlich erhöhen“, äußert sich Billig.

Selbst eine Schule auf der Aue bewerten die Grünen eher kritisch, weil sie „als erste Stufe der großflächigen Bebauung angesehen wird.“ In der Pankower Bezirkspolitik gibt man sich ähnlich zurückhaltend. Auch deshalb, weil das Bezirksamt die Spitzenergebnisse der AfD in Pankow mit teilweise über 30 Prozent bei der vergangenen Wahl mit dem Protest gegen die Pläne zur kompletten Bebauung der Aue in Verbindung bringt.

Warum die Laubenpieper für eine kleine Siedlung mit Kleingartenpark sind

Die landschaftsplanerischen Konzepte, die nach und nach für alle Regionen von Pankow erstellt werden, zielen darauf ab, die Kaltluftkorridore und damit auch die Aue zu schützen.

Schon aus stadtklimatischen Gründen will Viola Kleinau vom Pankower Bezirksverband der Gartenfreunde den Erhalt des Grüns auf der Aue für unerlässlich. Die Aue einfach nur Acker bleiben zu lassen, hält der Verband trotzdem für falsch. Deshalb engagieren sich auch die Laubenpieper für die neue Idee einer kleinen Siedlung mit einem Kleingartenpark, der einen Ausgleich bietet zu Gärten, die andernorts in Pankow wegfallen werden.

Das Nebeneinander von traditionellen Lauben und öffentlichen Parkflächen könnte auch das Problem der Pflege lösen, meint Kleinau. Die Kleingärtner würden das Erholungsgebiet in Eigenregie instand halten und so den Staat entlasten. „Außerdem könnten wir ein Zentrum für Umweltbildung errichten und Kindern die Natur näher bringen“, erklärt die Verbandsvorsitzende. So hätte die Nähe von neuen Wohnungen, Schule und Natur gleich dreifach Sinn.