Wandel in Alt-Pankow

Wie der Florakiez von Familien und Kreativen erobert wurde

Statt Baulücken und DDR-Eliten Cafés und teure Immobilien: in Alt-Pankow ist der neue Zeitgeist angekommen – inklusive Schattenseiten.

Daniela Tübel und Christian Gröschel betreiben das Lokal Fritz Heyn und setzen beim Interieur auf hippes Industriedesign.

Daniela Tübel und Christian Gröschel betreiben das Lokal Fritz Heyn und setzen beim Interieur auf hippes Industriedesign.

Foto: Thomas Schubert

Berlin.  Die Handlungsanweisung ist kurz und skurril. „Nimm Dir ‘ne Katze und setz dich“, empfiehlt ein Schild Neuankömmlinge an der Tür. Wer das „Fritz Heyn“ zum allerersten Mal betritt, den treiben eigentlich nur Hunger und Durst. Hier handelt es sich um eine Mixtur aus Café, Bar und Showroom für Design in den Produktionsräumen einer ehemaligen Stuhlrohrfabrik.

Es ist ein Ort, der das Gestern und das Heute überkreuz setzt und mit diversen Nutzungsarten spielt. Der riesige alte Schornstein der Backsteinbaracke dient heute nur noch als Ständer für die Weihnachtsgirlanden. Fabrikgründer Fritz Heyn, der Ende des 19. Jahrhunderts den industriellen Aufbruch Pankows sozialverträglich zu gestalten versuchte, ist der Namenspate für ein vom Dachbalken bis in die Ziegel im Retro-Industriedesign verhafteten Lokal. Selbst die Katzen, die man hier streicheln soll, gehören zum Konzept.

Wo sich Til Schweiger fotografieren lässt

Wer etwas über den Wandel im Florakiez erfahren will, der lässt sich hier nieder auf ein Bier. Ein Street Art-Porträt Fritz Heyns grüßt Besucher am Tor. Im Grunde ist das ein Gewerbehof, wie es ihn hier immer schon hier gab, erklärt Christian Gröschel.

Mit seinen Geschäftspartnern sorgte der Inhaber der Designfirma „Inco Media“ aber ab 2014 dafür, dass die Heynhöfen, damals eine der unansehnlichsten Ecken im Florakiez, Esprit bekamen. Man gründete eine Gesellschaft, richtete die brüchigen Gebäude her. Zusammen mit dem Fotografen Tino Pohlmann eröffnete Gröschel im hinten Bereich einen Betrieb für professionelle Film- und Fotoproduktion – die „Heynstudios“, in denen auch schon Persönlichkeiten wie Til Schweiger vor der Kamera posierten.

Neben der Medienwirtschaft hat auf dem Gelände auch traditionelles Gewerbe seinen Platz: man nehme nur die Theaterschneiderei oder die Motorradwerkstatt namens „Eisenschwein.“ „Der Gedanke ist, dass sich die vielen kleinen Betriebe gegenseitig befruchtet“, erzählt Gröschel, der als gebürtiger Köpenicker nach Pankow zog. Als die Höfe an der Heynstraße 2015 mit frischer Optik und dem hippen Lokal „Fritz Heyn“ an den Start gingen, war das ein Signal.

Steigende Mieten treffen auch kleine Geschäfte

So wie hier, begann an vielen Orten im Florakiez, dem einst beschaulichen Stadtviertel zwischen Garbatyplatz, Schönholzer Heide und S-Bahnhof Wollankstraße, ein Paradigmenwechsel. Die geschichtliche Substanz des alten Pankow hat sich seitdem an immer mehr Orten mit dem neuen Berliner Zeitgeist vermengt.

Wo früher DDR-Eliten zu Hause waren, tummeln sich heute junge Familien und Kreative, die der Enge und dem Mietniveau des Prenzlauer Berg entfliehen wollen. Doch ihre Ansprüche an Wohnverhältnisse bringen sie mit. Nur wenige hundert Meter nördlich von den Heynhöfen verwandelte der Nürnberger Investor Terraplan die Alte Mälzerei Anfang der 2010er Jahre in eine Wohnanlage mit Industrieloft-Charakter.

Anstelle von Brachen und Kleingärten entstanden quer durchs Viertel Neubauten mit ausladenden Balkonen und Tiefgaragen. Aber in dem Zug, wie sich im beschaulichen Florakiez eine trendbewusste und kostspielige Lebensart breit macht, verschwinden auch Bewohner und Läden, die nicht mehr in dieses Muster passen.

Ein bis heute heiß diskutiertes Beispiel: Das Aus der Feinbäckerei Gabriel nach 121 Jahren. Seitdem der kleine Familienbetrieb in einem Ladenlokal 2017 an der Florastraße schließen musste, blieb das Schaufenster leer. Es ist anzunehmen, dass Fabrikchef Fritz Heyn dort früher persönlich seine Schrippen kaufte.

Soeben hat wenige Häuser weiter ein alteingesessenes Schlossergeschäft den Ausverkauf beendet. Nun sind solche leeren Lokale ein Indiz dafür, dass steigende Mietforderungen nicht Familien auf Wohnungssuche betreffen.

Auch an der Breiten Straße direkt am Rathaus Pankow sind die Auslagen mancher Geschäfte seit Monaten leer. „Die steigenden Gewerbemieten sind ein großes Problem – nicht nur im Florakiez, sondern auch darüber hinaus“, bestätigt Wirtschaftsstadträtin Rona Tietje (SPD) die Misere mit kleinen Läden. Man habe für das Alt-Pankower Zentrum eine Förderkulisse im Programm „Aktive Zentren“ bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung beantragt, um die Handelsfunktion zu stärken. „Leider wurde dies abgelehnt. Wir sind derzeit intern in der Abstimmung, wie man eventuell eine Förderung aus einem anderen Programm akquirieren kann“, berichtet Tietje. Ansonsten seien die politischen Einflussmöglichkeiten begrenzt.

Wohnungsverkäufe zu Preisen von mehr als einer halben Millionen Euro

Aber es gibt auch Gegenbeispiele, die zeigen, wie selbst kleinen und schwierig gelegenen Gewerberäumen ein neues Leben beschieden sein kann. Gleich neben dem Rathaus Pankow floriert in den früheren Bankfiliale das Restaurant „Roji – Taste of Japan.“ Mit qualmenden Sushi-Platten und einer aus Japan importierten Inneneinrichtung lockt der 30-jährige Wirt Hoang Minh Tuan Nguyen ein Publikum nach Pankow, dass sich ansonsten in Szenelokale in Berlin-Mitte verköstigen lässt. Im Eingang parkt ein Reiskarren, am Tresen grüßt Godzilla, die Toilettenkabinen sind mit Kunstwerken ausgehängt. „Roji bedeutet ,der Weg zum Teehaus’. Wir haben den Laden so gestaltet, dass er wie ein Durchgang wirkt in eine andere Welt“, sagt Nguyen. So hat der Restaurantbesitzer den Übergang zu etwas Neuen, das Thema des Florakiezes, zu einer kulinarischen Erzählung gemacht.

Während die Gastronomieszene im Florakiez noch Potenzial hat, muss anderes Kleingewerbe dem Wohnungsbau weichen. An der Wollankstraße 116 ließ ein Investor Anfang des Jahres den Flachbau mit einer Reifenhandlung niederreißen – und baut hier unter dem Arbeitstitel „Neue Florahöfe“ hintereinander drei Gebäude mit großformatigen, quadratischen Fensterfronten und Wohnungspreisen von bis zu 610.000 Euro. Gleich schräg gegenüber errichtet der Entwickler Project Immobilien „Kiez & Gloria“ - ein fünfgeschossiges Wohnhaus mit sandfarbener Fassade und Quadratmeterpreisen von rund 5400 Euro. Und am Bahnhof Wollankstraße zwängt sich in eine der letzten Baulücke das neue Geschäftshaus „Les Ateliers Nouveaux“ mit Flächen für Architekten, Fotografen oder Designer.

Händler und Ärzte setzen Wachdienst gegen Obdachlose ein

Einen harten Kontrast zum neuen Premiumprogramm des Immobiliengewerbes bilden Zeitgenossen, die gar keine Wohnung haben, aber trotzdem im Florakiez leben. In der Suppenküche des Franziskanerklosters trifft man Frührentner und Rumänen. An Bahnhof Pankow wird gebettelt und getrunken. Der örtliche Supermarkt und das Ärztehaus am Garbatyplatz teilen sich seit einem Jahr die Kosten für einen privaten Wachdienst, der unerwünschte Gäste auf Abstand hält. Das war nicht immer so. Und soll so auch nicht bleiben, sagt Stadträtin Tietje.

Eine Anfrage der Berliner Morgenpost hat nun dazu geführt, dass Tietje Straßensozialarbeiter zum Bahnhof Pankow schickte, um den Gestrandeten Hilfe anzubieten. „Klar ist aber auch: man kann die Menschen dort nicht vollständig vertreiben - dies hielte ich für falsch“, betont Tietje. „Solange niemand belästigt und keine Ordnungswidrigkeiten begangen werden, haben auch sie das Recht sich im öffentlichen Straßenraum aufzuhalten wie jeder andere auch.“

Als Kinderbuchautorin Cally Stronk vor acht Jahren in den Florakiez zog, galt hochpreisiges Baugeschehen im Florakiez eher als exotisch und die Obdachlosenszene war noch überschaubar. „Damals saßen ich mit Freunden in einer Brache, die heute bebaut ist, und sprachen über unsere Projekte. Irgendwann wurde dort ein großer grauer Klotz gebaut“, erinnert sich Stronk. Die Autorin von Werken wie „Leonie Looping“ stammt aus Steglitz-Zehlendorf und fand in Pankow ihre kreative Heimat. Für die die Schriftstellerei sei es ein guter Ort – weil ähnlich gesinnte Pankower dazu neigen, Netzwerke zu bilden und sich zu unterstützen, meint die Autorin.

„Man lebt hier wie in ein Dorf. Und das im besten Sinne“

Viele Brachen mögen inzwischen verschwunden sein – aber Stronk sieht auch Anzeichen dafür, dass es für Kultur- und Naturerlebnisse weiterhin genügend Raum gibt. In der Bibliothek des Bürgerparks zum Beispiel. Nach Jahren des Siechtums übernehmen ab dem 20. März ehrenamtliche Bibliothekare den Betrieb. Auch Cally Stronk wird Kindern vorlesen, während am Himmel Flugzeuge im Anflug auf Tegel über die Köpfe donnern. Das Fauchen der Flieger gehört zum hiesigen Lebensgefühl ebenso dazu wie Kinderflohmärkte und das sonntägliche Flanieren zwischen den großen Torbögen des Bürgerparks und Schloss Schönhausen.

Stronks Mann Christian Friedrich hätte früher nicht gedacht, als Neuköllner im Florakiez heimisch zu werden. „Ich bin durch Cally hier gelandet, die schon hier wohnte“, blickt der heutige Vorsitzende des Bürgerparkvereins auf seine Entdeckung von Alt-Pankow zurück – „am Anfang war es fast so etwas wie eine Fernbeziehung.“ Vielleicht sei das Leben in Neukölln aufregender gewesen, aber der Florakiez zeigte Friedrich, was dort an Entspannung fehlte. Schließlich zog ihn die Liebe endgültig an den Ort, wo er heute die Medienagentur „Friedrich und Freunde“ betreibt. „Man lebt hier wie in ein Dorf. Und das im besten Sinne“, beschreibt er das Lebensgefühl im Florakiez, das der Anonymität Berlins keinen Platz lässt.

Damit die letzten kleinen Läden, die dem Viertel Charakter verleihen, am Leben bleiben, haben Cally Stronk und Christian Friedrich ihr Kaufverhalten bewusst verändert. „Ich achte mehr denn je darauf, den Handel in Pankow zu stärken. Ich versuche alles hier vor Ort zu kaufen. Sonst verschwindet der Kiezcharakter“, warnt Friedrich. Sein Lebensmotto „Machen statt motzen“ ist eine Agenda für die bewusster Lebensführung.

Invasion der Kiez-Cafés nicht zu stoppen

Nicht motzen kann man im Quartier über die Anzahl der Cafés. Im kleinen Florakiez wollen inzwischen nicht weniger 12 Lokale das öffentliche Wohnzimmer der Freigeister, Familien und Gourmets sein. Zuletzt hat das „Genüsslich“ an der Ecke Flora- und Heynstraße eröffnet und sich sogleich als Veranstaltungsort für Festivitäten, Lesungen und Konzerte etabliert. Wie viele Cafés sind genügend? Ab wann wird die Eröffnung von immer neuen Wohlfühllokalen zur Invasion?

Die Dichte sorgt für Konkurrenz – und bei denen, die das Viertel aus der DDR-Zeit mit mit seinen zweckmäßigen Geschäften kannten, für Verwunderung. Ein Platzhirsch am Bürgerpark vor den Toren des Bürgerparks: das „Stück vom Glück“ mit nostalgischer Möblierung im Souterrain und großer Sitzlandschaft auf der Terrasse. Zu den ältesten Cafés gehört das „Paula“ in der Florastraße, das sich nebenan gegen den jungen „Florentiner“ und das „Bärencafé“ am Bahnhof Pankow wehren muss.

Auch das „Fritz Heyn“ in den Heynhöfen serviert Kaffee und Kuchen, spielt aber zugleich mit dem Image einer rustikalen Kneipe. Für Christian Gröschel, den Erben des seligen Kiezpatrons Fritz Heyn, steht das Lokal zwischen den Kategorien. „Wir wollten ein Schaufenster schaffen“, sagt der Familienvater. Ein Blicköffner soll es sein zwischen den Gewerbetreibenden und dem Alltag in einem kleinstädtischen Kiez, den die Vorzüge und Schattenseiten des Berliner Zeitgeists eingeholt haben.

„Es ist gut, dass es in Pankow Durchmischung und frische Ideen gibt“, wertet er die Entwicklung optimistisch. „Das befruchtet den Stadtteil.“ Als Gröschel wieder in den „Heynstudios“ verschwindet, jagt ein Airbus über den Schornstein der alten Fabrik hinweg. Im Florakiez wissen sie nicht so recht, ob sie am Fluglärm verzweifeln sollen. Vielleicht ist der Krach im Zweiminutentakt das Letzte, das die Mieten davon abhält, auf das Niveau von Mitte und Prenzlauer-Berg zu klettern.