Tiere in Berlin

Heizung kaputt: Verein „Hunde für Handicaps“ trotzt der Not

Tierfreunde in Buch planen ein Training für Behinderten-Begleithunde. Nach einem Rohrbruch sind die Räume seit Jahren kalt.

Begleithunde wie Yoshi und Quincy erleichtern Behinderten das Leben. Die Vereinsvorsitzende Sabine Häcker will das Vereinsheim auf einen Stand bringen, welcher der menschlichen und tierischen Würde entspricht.

Begleithunde wie Yoshi und Quincy erleichtern Behinderten das Leben. Die Vereinsvorsitzende Sabine Häcker will das Vereinsheim auf einen Stand bringen, welcher der menschlichen und tierischen Würde entspricht.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Immerhin: das Licht funktioniert noch. Sabine Häcker tappt nach dem Schalter. Yoshi, Quincy und Quero, drei hechelnde Gefährten, folgen ihrer Nase und beschnüffeln die Ecken der Räume, die als Sitz des Vereins „Hunde für Handicaps“ gelten.

Aber diese Bezeichnung für die alten Baracken an der Wiltbergstraße in Buch wirkt fast wie ein Hohn. Die Heizung defekt, das Wasser abgestellt, ein Rohrbruch seit Jahren nicht repariert. Und der Vermieter? Will sich nicht kümmern. „In der Praxis ist es so, dass wir die Behinderten-Begleithunde an anderen Orten ausbilden müssen“, sagt Häcker, die als Vereinsvorsitzende den Ausnahmezustand verwalten muss.

Dabei trägt die 75 Mitglieder starke Gruppierung keinerlei Schuld an der Misere – das Anwesen auf dem Boden einer stillgelegten Schule aus der DDR-Epoche befindet sich derzeit im Besitz des Landes Berlin. So lange mit der maroden Schule auf dem Grundstück nichts geschieht, wird es sich kaum lohnen, die teuren Reparaturen an den benachbarten Vereinsgebäuden in Auftrag zu geben. Und ein Flicken des Schadens mit Geld aus der eigenen Kasse? Das kommt für die Mitglieder nicht in Frage, so lange man keine Sicherheit hat, langfristig an diesem Standort zu bleiben. Die Kündigungsfrist: nur wenige Wochen.

Bis auf weiteres hat „Hunde für Handicaps“ umgeplant und seine Trainings in private Gärten oder Wohnungen verlegt. Wenn der Verein Vierbeiner wie Yoshi, Quincy und Quero darin schult, wie sie auf Zuruf Gegenstände apportieren, Türen öffnen, Lichtschalter bedienen und Waschmaschinen ausräumen, dann geschieht es zum Wohl von hilfsbedürftigen Menschen.

Blindenhunde bezahlt die Krankenkasse, Behindertenbegleithunde nicht

Begleithundehunde für Rollstuhlfahrer, Einarmige oder Kleinwüchsige unterliegen in Berlin aber keineswegs den gleichen Regularien wie diejenigen, die der Staat Blinden zur Seite stellt. „Wir haben uns als Selbsthilfeorganisation gegründet“, beschreibt Häcker die Sonderstellung. Behinderte und nicht Nichtbehinderte, eine Handvoll Bürger aus neuen und alten Bundesländern taten sich 1991 zusammen, um eine Versorgungslücke zu schließen.

Während Blindenhunde seit den 80er Jahren von der Krankenkasse als „Hilfsmittel“ bezahlt werden, gilt es die tierischen Begleiter für Menschen mit allen anderen Handicaps privat zu finanzieren. Rund 20.000 Euro kostet die Ausbildung, rechnet Häcker vor, wobei die Fachleute des Vereins immer ein festes Tandem aus Hund und Frauchen oder Herrchen aneinander gewöhnen. Bezahlt wird diese Summe allein über Spenden.

Das Leben eines Behinderten-Begleithunds beginnt zumeist im Welpenalter, wenn eine Patenfamilie für die Grundlagen der Erziehung sorgt. Sobald die Tiere gesundheitlich und charakterlich ihre Eignung bewiesen haben, gelangen sie in die Ausbildung und durchlaufen zuletzt eine Abschlussprüfung. Alternativ können Behinderte auch ihre eigenen Hunde schulen lassen. Dann ist zumindest die Vertrautheit schon da. Vom Zeitungholen bis zum Schnürsenkelbinden – für jedes Bedürfnis gibt es das passgenaue Hundetraining. In der Praxis gilt dabei das Prinzip des pawlowschen Hundes: erwünschtes Verhalten wird mit Leckerlis und Lob verstärkt.

Vor 28 Jahren gegründet gegründet, ist das Projekt in Berlin und Brandenburg inzwischen eine Institution. Doch die Geschichte von „Hunde für Handicaps“ gleicht, was die Suche nach einem Stammsitz betrifft, einer Odyssee. „Im Schnitt sind wir alle zwei Jahre umgezogen“ erinnert sich Häcker, die eine eigene Hundeschule leitet, Erfahrungen als Tierärztin vorweisen kann und im Verein ehrenamtlich Trainings veranstaltet.

Immer wieder musste man die Kisten packen und ins nächste Provisorium ausweichen. In den 2000er Jahre landete der Verein schließlich auf dem früheren Schulgelände an der Wiltbergstraße. Am perfekten Ort. Wäre da nicht der Wasserrohrbruch gewesen. „Wenn wir kein Wasser haben, haben wir auch keine Toiletten und keine Heizung. Und das ist für Menschen mit Behinderungen, die mehr als eine Stunde Anfahrtsweg in Kauf nehmen, ein echtes Problem“, beklagt die Vorsitzende. „Das ist nicht zumutbar.“

Pankower CDU fordert Planungssicherheit für „Hunde für Handicaps“

Auch wenn die Vereinsarbeit trotz der Havarie bislang dank des besonderen Engagements der Mitglieder funktioniert – auf Dauer soll das marode Vereinsheim wenigstens den Mindestansprüchen genügen. Das meint der Vorsitzende der Pankower CDU-Fraktion Johannes Kraft. Er hat als Bezirksverordneter einen Einwohnerantrag des Vereins übernommen und will dafür sorgen, dass Bezirksamt und Senat die Kernforderung erfüllen.

Die ist im Grunde ganz einfach: Dem Verein soll die bisherige Fläche an der Wiltbergstraße langfristig zur Verfügung stehen. Und wenn dies unmöglich sei, solle das Bezirksamt geeignete Ersatzflächen zur Verfügung zu stellen, heißt es im Antrag. „,Hunde für Handicaps’ ist der erste Verein in Deutschland, der die positive Kraft und die vielfältige Unterstützung durch Hunde für Menschen mit Behinderung erkannt, entwickelt und strukturiert angeboten hat“, stellt Kraft den Wert der Initiative heraus.

Aus Sicht der CDU-Fraktion geht es zunächst darum, dem Verein überhaupt erst einmal Sicherheit zu geben, dass er an Ort und Stelle bleiben kann. Nach den vielen Umzügen in den vergangenen Jahren könne man nicht erwarten, dass er Geld aus der Vereinskasse dafür verwendet, um ein Vereinsheim zu reparieren, das er womöglich bald wieder verliert, argumentiert Kraft.

Dass derzeit die Rahmenplanung für die Neugestaltung von Buch-Süd läuft, sei eine Chance die Zukunft des Vereins abzusichern. Bislang sieht die Rahmenplanung vor, Standorte für rund 1600 Wohnungen südlich des S-Bahnhofs zu bestimmen und die Freiflächen als „grünes Band“ herauszuarbeiten. Womöglich ließen sich bei der Gelegenheit auch Fördergelder beschaffen, um „Hunde in Handicaps“ zu unterstützen, meint der Christdemokrat.

„Für uns wäre es das Optimum, wenn wir hier bleiben könnten“, sagt auch Sabine Häcker. S-Bahnhof und Autobahn sind ebenso nah wie das Gelände der Bucher Moorlinse für den tierischen Bewegungsdrang. Yoshi, Quincy und Quero fühlen sich hier in ihrem Element. Jetzt geht es um die Herrichtung der Räumlichkeiten, die zum echten Vereinssitz werden sollen – und um die Würde von Mensch und Tier.

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