Nach Sensationsfund

Wie Berlins „Indiana Jones“ die Mauer rettet

Christian Bormann erlangte durch den Fund eines Stücks Mauer weltweite Berühmtheit.

Christian Bormann ist seit dem Mauerfund in Schönholz auch in Amerika und Asien bekannt.

Christian Bormann ist seit dem Mauerfund in Schönholz auch in Amerika und Asien bekannt.

Foto: Thomas Schubert / BM

Berlin. „Indiana Jones“, wie ihn Steven Spielberg als Filmfigur zeichnet, trägt Safari-Hüte, findet sagenhafte Schätze am Amazonas und schlägt nebenbei Bösewichten ein Schnippchen. Schenkt man der amerikanischen Presse Glauben, hat auch Berlin einen „Indiana Jones“ hervorgebracht.

An einem düsteren Januartag steigt er aus einem alten Smart, hebt im Nirgendwo am S-Bahnhof Schönholz einen Bauzaun aus den Angeln. Und sieht sie sich an: die Entdeckung seines Lebens. Ein Stück der Berliner Ur-Mauer aus dem Jahre 1961 im Niemandsland des früheren Grenzgebiets. 80 Meter lang und stark verfallen, aber ein Unikat. Der Abenteuer-Archäologe von Berlin heißt Christian Bormann, lebt in Pankow und ist geradezu süchtig nach den Mysterien der Stadtgeschichte.

„Ich habe mich schon als Kind einmal durch Pankow gewühlt“, scherzt der 38-Jährige. So fand er in der Schönholzer Heide eine der drei Musketen des Königs Friedrich, die diesem einst geraubt wurde. Und Bormann stolperte eines Tages über ein Stück Metall, das aus dem Boden ragte. Es war tatsächlich die verlorene Muskete. Baujahr 1640. Heute liegt sie im Museum Pankow. „Was ich finde, verschenke ich“, sagt Bormann. „Deswegen lässt man mich buddeln. Notbergung nennt sich das.“

Doch der 22. Januar 2018 veränderte sein Leben. Ein Eintrag auf seinem privaten Blog „Pankower Chronik“ setzte sich mit dem Verfall einer Mauer am Bahnhof Schönholz auseinander. Die kannte Bormann schon seit 20 Jahren. Aber mit diesem Eintrag nahmen auch die Medien von ihr Notiz. Kurz darauf ging die Meldung vom Fund eines der ältesten, bislang unbekannten Stücke der Berliner Mauer um die Welt. Erst schrieb die Berliner Presse, dann die „New York Times“, dann die „Washington Post“. „Ich habe binnen weniger Tage 50 Interviews gegeben“, erinnert sich Bormann.

Schnell war ein Spitzname gefunden. „Indiana Jones von Berlin“ – diesen Ehrentitel wird Christian Bormann nicht mehr los. Dabei vergleicht er sich in seinen glücklichsten Momenten mit einer anderen fiktiven Figur: „Wenn ich einen Schacht sehe, in dem etwas Geschichtliches stecken könnte, da werd’ ich zu Lucky Luke.“ Dem Fantasie-Cowboy, der schneller als sein Schatten zieht.

Seine Begeisterung kostete ihn den Job

Das Schönholzer Mauerstück hat Bormann inzwischen Hunderten von Besuchern gezeigt. Koreanern, Kanadiern, auch Kölnern. Doch seine Begeisterungsfähigkeit kostete ihn seinen Job. Das Fahrradgeschäft, in dem Bormann arbeitete, wollte es nicht mehr hinnehmen, dass er so viel Zeit und Energie investiert und vielleicht nicht mehr mit letzter Hingabe Damenräder und Luftpumpen verkauft. Inzwischen hat der Hobby-Archäologe aber wieder einen neuen Job. Einen Arbeitgeber, der die Neugier nach Feierabend akzeptiert. Mehr verrät er nicht. Für den Bestandsschutz „seiner“ Mauer war dem Geschichtsfreund kein Dienstweg zu weit. Damit die Brache durch einen Zaun abgeriegelt wird, schrieb er sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel. Als zuständig erwies sich dann Reinickendorfs Baustadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU). Sie will den Fund in geordneten Bahnen der Öffentlichkeit zugänglich machen und als „authentischen Lernort für Kinder“ entwickeln.

In Pankow wird Bormanns Forscherdrang von Sozial- und Familienstadträtin Rona Tietje (SPD) gefördert. Dank Geldern, die der Bezirk organisierte, konnte er gemeinsam mit dem „Qualitätsverbund Netzwerk im Alter“ seinen ersten Reiseführer herausgeben. Er heißt „Pankow damals & heute“, ist in einer Auflage von 5000 Exemplaren erschienen und kostenlos im örtlichen Buchhandel oder im Rathaus Pankow erhältlich.

Aber die Mauer von Schönholz bleibt Bormanns heiliger Gral. Freilich war der Wert dieses Fundes am Anfang überhaupt nicht sicher. Ein erstes Gutachten des Landesdenkmalamts Berlin, das die Mauer als ein Stück Bahnanlage deklarierte, entpuppte sich als falsch. Eine zweite Untersuchung war eindeutig: Sie gab Bormann recht mit seiner Annahme, dass dies ein Stück der Berliner Ur-Mauer von 1961 ist. Dann stellte sich die Frage, ob sich der verfallende Wall auf Pankower Boden oder im Hoheitsgebiet von Reinickendorf befindet. Wegen eines Gebietstauschs nach der Wende ist Letzteres der Fall. Und so ist Bormanns Mauer heute der einzige Teil des Grenzwalls im Gebiet eines West-Bezirks.

Solche Besonderheiten können die meisten Schaulustigen nicht nachvollziehen. Touristen gingen nach der Entdeckung im Januar 2018 den gleichen Impulsen nach wie die Souvenirsammler nach 1990. Jeder wollte ein kleines Stück Mauer ergattern, bevor sie ganz verschwindet. „Vor allem die Koreaner sind ganz wild darauf, Steine mitzunehmen. Sie zeigen sie ihren Landsleuten, in der Hoffnung, dass es auch in ihrem Land eine Wiedervereinigung gibt“, sagt Bormann.

Wirrwarr der Zuständigkeiten um das Mauerstück

Das sei ein verständlicher Wunsch – trotzdem ließ er die Schönholzer Mauer mit einem Zaun schützen. Bis der Zaun vor dem Grenzwall stand, gab es ein typisches Berliner Zuständigkeitspro­blem. Das Pankower Ordnungsamt lehnte Streifengänge ab, weil die Mauer auf Reinickendorfer Boden steht. Für Reinickendorf hört der Bezirk aber formell am S-Bahnhof Schönholz auf. „So ging der Mauerdiebstahl der Steine munter weiter“, erinnert sich der Finder. Schließlich sagte die Polizeidirektion 1 zu, das Gelände zu bestreifen – weil sie für beide Bezirke zuständig ist. Kurz danach stand auch der Zaun. Inzwischen sichert eine Art stählerne Klammer die Mauer vor weiterem Verfall. Als Nächstes wird das verwilderte Gelände beräumt, damit die Stiftung Berliner Mauer dort ein Konzept für die Präsentation des Fundstücks umsetzen kann.

Trotz seiner Kenntnisse und seiner Akribie erfuhr Bormann immer wieder Zurückweisungen von gestandenen Archäologen. Einem Autodidakten wie ihm mochte kaum jemand glauben, wenn er eine Entdeckung machte. „Aber diese Sache“, sagt Bormann – und meint den Mauerfund – „die war der Türöffner.“ Schließlich wurde er sogar Mitglied von „Arch International“, einer renommierten amerikanischen Vereinigung von Forschern. Einige arbeiten an den ägyptischen Pyramiden, andere an buddhistischem Eigentum. Bormann arbeitet in seinem Kiez. Mit einem Architekturstudium hat es nie geklappt. Nun kam die Anerkennung auf anderen Wegen. Der „Indiana Jones von Berlin“ lächelt zum Abschied jungenhaft, steigt in seinen alten Smart und fährt davon. Es gibt noch viele Schätze, die fernab der Museen vor sich hinrotten. Und Bormann will sie finden.

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