Mini-Häuser in Pankow

Wie „Little Homes“ Obdachlosen die Angst vorm Wohnen nehmen

Ein Kölner Verein baute bisher 16 Buden für Berliner Wohnungslose. Jetzt fand der erste von ihnen in Pankow eine richtige Bleibe.

Berlin. An einem zugigen Dezembertag fällt die Tür zum letzten Mal ins Schloss. Und Henry, ein stämmiger, glatzköpfiger Mann mit roter Nase, nimmt Abschied von einer Bude, die er bis eben sein Zuhause nannte. Hinter ihm liegen fast zwei Jahre in einem „Little Home.“ Sein erstes Dach über dem Kopf nach fünf Jahren auf der Straße. Die Bude auf Rädern gehörte mit ihren drei baugleichen Nachbarhütten unter der Autobahnbrücke am S-Bahnhof Pankow-Heinersdorf zu den ersten Behausungen dieser Art in Berlin.

Dass Henry Anfang 2017 einziehen durfte, das ist eine Fügung, die er abergläubisch begründet. „Ich musste lange auf dem Boden schlafen. Auf hartem Beton. Da habe ich eine Münze gefunden, die Glück bringt“, erzählt der frühere Bauarbeiter. Aber Glück allein reichte natürlich nicht. Es brauchte auch den guten Willen von Sven Lüdecke und seinem Verein „Little Homes.“

Der ist mit nichts anderem befasst, als hölzerne Mini-Häuschen für Obdachlose zu zimmern. Für Menschen wie Henry. 2017 eröffnete unter der Pankower Autobahnbrücke in Berlin die erste Siedlung aus „Little Homes.“ Vier Lauben für vier leidgeplagte Männer. Als einen der glücklichen Bewohner benannten Lüdecke und sein Team Henry. Eine paar Holzplanken auf Euro-Paletten, eine Matratze, ein Regal und ein provisorisches Klo – das war nun sein Zuhause. „Am feuchten Winkel“ steht auf dem Straßenschild an der Ecke. Hier gibt es nichts außer einem Park und Ride-Parkplatz, einem Stromkasten und ein paar Werbetafeln. Im Sekundentakt rumpeln Lastwagen über die Brücke und erzeugen auf dem Platz darunter einen dumpfen Hall.

Henry fand einen Job als Gärtner

Jetzt ist diese Episode in Henrys Leben zu Ende – er hat einen Mietvertrag bei einer städtischen Wohnungsgesellschaft unterschrieben, darf in Karow zum ersten Mal seit Jahren eine richtige Wohnung einrichten. Eineinhalb Zimmer, 50 Quadratmeter, rund 500 Euro Miete. Der gebürtige Pole hat Glück gehabt. Mal wieder. Aber auch diesmal kam zum Glück noch etwas anderes hinzu. Der 63-Jährige war in der Zwischenzeit auch fleißig, fand einen Job als Gärtner, lernte ein geregeltes Leben. Aus Sicht von Sven Lüdecke ein Idealfall. Denn das Leben in den „Little Homes“ soll eine Zwischenstufe sein bis zur endgültigen Befreiung aus der Obdachlosigkeit.

Genau darauf arbeitet der Vereinsvorsitzende mit seinen Helfern hin. Am Anfang ist das Prozedere immer gleich: „Nachdem wir einen Bewohner für ein Little Home ausgesucht haben, bekommt er von uns einen Schenkungsvertrag“, sagt Lüdecke. „Und wenn er eine feste Wohnung gefunden hat, muss er das ,Little Home' einem anderen schenken.“

Natürlich sei so eine Bude keine Meldeadresse – „aber es ist ein Dach über dem Kopf. So wie wir abends nach Hause gehen, so haben die Wohnungslosen mit ihrer Bude einen Ort, an dem sie die Tür hinter sich schließen können“, sagt Lüdecke. Derzeit kommt der Verein mit dem Bau der Hütten kaum hinterher – und die Warteliste der möglichen Bewohner ist lang. 15.000 Bewerber sind derzeit deutschlandweit notiert. Nach intensiven Gesprächen werden einige wenige ausgewählt, die sich an bestimmte Regeln halten müssen. Alkohol und Drogen sind Tabu. Dass diese Regeln auch in der Praxis gelten, überprüft in Berlin die Caritas, die das Projekt mit Sozialarbeitern begleitet. Auch Polizei und Ordnungsamt machen unter der Brücke regelmäßig Halt, um nach dem Rechten zu sehen. „Die Kontrollen erfolgen unangemeldet“, betont Lüdecke. „Wenn es Beanstandungen gibt, wird der Verein informiert.“ Aber selbst die Müllabfuhr unterstützt das Projekt und holt einmal pro Woche den in Säcke verpackten Unrat der Bewohner ab. So läuft das in allen "Little Homes." 65 Exemplare stehen derzeit in Deutschland, 16 in Berlin – darunter die vier unter der Brücke in Pankow.

Zimmern auf dem Baumarkt-Parkplatz

Auch das Bezirksamt kümmert sich zumindest sporadisch um das Wohl der Budenbewohner und lässt die Lebenssituation beobachten. „Das Projekt hat bei unseren Sozialarbeitern bisher einen guten Eindruck hinterlassen“, berichtet Sozialstadträtin Rona Tietje (SPD). „Die Little Homes sind ein innovativer Weg, Eigeninitiative von Wohnungslosen zu fördern und ihnen Perspektive zu geben.“ Man sei mit dem Verein regelmäßig in Kontakt und für die Aufstellung weiterer Buden offen. Wenn es nach einem Antrag der Grünen-Fraktion in der Pankower Bezirksverordnetenversammlung geht, könnte die Unterstützung künftig noch weiter gehen. Darin fordern die Grünen, dem Kölner Verein in Pankow eine Werkstatt zur Verfügung zu stellen, in der sich die „Little Homes“ effektiver zusammenbauen lassen. Weil aber im Bezirksamt Pankow ohnehin Platznot herrscht, ist die Eröffnung einer Werkstatt in einem freien Gebäude laut Tietje noch nicht in Sicht.

Bisher hämmern die Helfer von Sven Lüdecke unter freiem Himmel auf einem Baumarkt-Parkplatz an der Storkower Straße. Dann bringen sie die Behausungen mit einem Transporter an Orte, die eine Freigabe des jeweiligen Bezirks haben. Dass die Buden auf Rollen stehen, geschieht aus formellen Gründen. Es vereinfacht die Genehmigung. Außerdem lässt sich das 2,40 Meter lange und 1,20 Meter breite Zuhause einfach wegfahren, wenn es nicht mehr erwünscht ist.

Insgesamt 65 Mitglieder zählt der Verein mit Sitz in Köln und Aktivitäten in acht weiteren Städten. In der Metropole am Rhein gab es auch die Initialzündung für das Vorhaben. Vor einigen Jahren sah Sven Lüdecke am Hauptbahnhof mit an, wie eine obdachlose Frau unsanft aus einem Zug hinausbefördert wurde. Der Dame spendierte Lüdecke einen Kaffee, nahm sie schließlich auf seiner eigenen Fahrkarte mit. Und dachte sich: Wenn Wohnungslose wenigstens eine einfache Bleibe hätten, wären sie den Widrigkeiten des Stadtlebens weniger ausgeliefert.

Angst vor dem geregelten Leben bleibt ein Problem

Eigentlich ist Lüdecke Fotograf. Doch seit Erfindung der „Little Homes“ reist der Vereinsvorsitzende durch die ganze Republik, um den Bau der Buden zu planen und die Wohnungslosen zu treffen. Inzwischen produziert der Verein die Häuschen in der vierten Generation – mit Chemex-Toilette, Matratze, 1,90 Meter Deckenhöhe. Stückpreis: 1050 Euro. Bauzeit: eineinhalb Tage. Selbst bei Frost soll es im Inneren der Lauben nicht kälter sein als 15 Grad. Um die Finanzierung zu regeln, läuft eine Spendenkampagne im Online-Portal „Betterplace.“

Henry brauchte nur seinen Glücks-Cent und einen bisschen Überredung, bis feststand: Ich ziehe ein. Wie viele Obdachlose plagte sich auch Henry mit einer irrationalen Angst, in einem geschlossenen Raum zu leben. Und je mehr er sich an ein Leben zwischen vier Wänden gewöhnte, desto leichter bewältigte er den Alltag. Schließlich trat er einen neuen Job bei einem Gartenbaubetrieb an und bekam auch eine Wohnung. Er ist der 24. "Little Home"-Bewohner Deutschlands, der die Straße hinter sich lässt.

Ist Henry nun gerettet? Sven Lüdecke weiß, dass er bei den Menschen, denen seine Sorge gilt, immer mit Rückfällen rechnen muss. Auch einen Wohnungslosen, der sich gefangen hat, der wieder Mitglied einer Krankenkasse ist, kann jederzeit die Panik packen. Die Angst vor dem geregelten Leben. Vielleicht hilft Henry die Selbstbestimmung, zu entscheiden, wem er sein Little Home vermacht. Noch weiß er es nicht. Sven Lüdecke sagt: „Das ist allein seine Entscheidung. Dieses Home gehört ihm.“

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