Mieten in Prenzlauer Berg

75 Prozent teurer: Deutsche Wohnen saniert Mauerpark-Häuser

Die Siedlung an der Topsstraße soll 2019 modernisiert werden. Anwohner befürchten drastisch steigende Mieten und Verdrängung.

Schilder hoch: Die Mieterinitiative aus der Topsstraße wehrt sich in Pankower Bauausschuss gegen Pläne der Deutsche Wohnen.

Schilder hoch: Die Mieterinitiative aus der Topsstraße wehrt sich in Pankower Bauausschuss gegen Pläne der Deutsche Wohnen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Leben statt Luxus! Hände weg vom Hof! Wir bleiben! Die Botschaften auf den selbst gebastelten Protestplakaten sind kurz – die Ängste der Menschen, die sie nach oben halten, groß. Eine Mieterinitiative aus der Wohnanlage an der Topsstraße hat einem Sanierungsprojekt im kommenden Jahr den Kampf angesagt. Es geht um 256 Wohnungen aus den 30er-Jahren im Block zwischen Topsstraße, Schönhauser Allee und Eberswalder Straße im Besitz der Deutsche Wohnen. Ein Ensemble, das eine Modernisierung durchaus vertragen kann – da kommen die Bewohner und die Eigentümergesellschaft durchaus überein. „Aber das Ergebnis ist für die jetzigen Mieter kaum bezahlbar“, befürchtet Anwohnersprecher Rolf Gruber.

Auf dem Plan steht eine Herrichtung von Bädern und Küchen, der Einbau von Gegensprechanlagen und von neuen Holzkastenfenstern sowie der Austausch von Heizkörpern und Rohrleitungen. Ebenfalls von der Deutsche Wohnen beschlossen ist die Dämmung der Keller, der Anbau von neuen Balkonen und die Einrichtung von Aufzügen, mit denen auch die neuen fünf Dachgeschosswohnungen an der Topsstraße 25 erreichbar werden. Dort will man nach Fertigstellung 500 Quadratmeter vermieten. Innerhalb von zwei Jahren werden die letzten unsanierten Fassaden im Viertel am Mauerpark frisch gestrichen und die Häuser auf den Stand der Technik versetzt.

Noch sieht man den Bauten ihre niedrigen Mieten an. Auf der einen Seite der angegrauten Fassaden erstreckt sich der Jahn-Sportpark mit neu hergerichteten Fuß- und Basketballplätzen. Auf der anderen Seite ziehen sonntags Scharen von Touristen am runden Eckgebäude vorbei in Richtung Mauerpark. Die Siedlung galt als letztes preisgünstiges Refugium in einem Kiez mit deutlich zweistelligen Nettokaltmieten. Bis jetzt.

Rolf Gruber und seine Mitstreiter haben den Fraktionen in der Bezirksverordnetenversammlung ein Schreiben überreicht, verbunden mit der Bitte um Hilfe. „Wir fordern die Modernisierung so zu gestalten, dass es keine Verdrängung gibt. Es sollen nur energetisch sinnvolle Maßnahmen durchgeführt werden. Die Wohnanlage soll in kommunales Wohneigentum übergehen“, heißt es darin. Zugleich sollen „die prekären Zustände durch kaputte Heizungen, Fenster und Schimmel beseitig werden.“

Bezirksamt will den Einbau teurer Aufzüge verbieten

Rechtlich gesehen sind die Baumaßnahmen und die Kostenbeteiligung der Mieter durchaus zu vertreten. Elf Prozent der Kosten würden auf die Mieter umgelegt. Was gesetzlich möglich ist, wäre für etliche der Bewohner zu viel. Um bis zu 75 Prozent würden die Mieten steigen, hat die Initiative berechnet. Und das Bezirksamt kann nur wenig dagegen unternehmen.

„Auf die Kosten der Neubauwohnungen haben wir keinen Einfluss“, erklärt Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne). Für die Bestandsbauten sichert er zu: „Es wird keine Luxusmodernisierung geben.“ Da die Siedlung in einem Milieuschutgebiet liegt, kann der Bezirk zwar hochpreisige Ausstattungsmerkmale wie Fußbodenheizung oder Zweitbäder untersagen. Aber er kann zum Beispiel den Einbau von Aufzügen nicht verhindern. Die Milieuschutzsatzung sieht immerhin vor, dass die Deutsche Wohnen nur preisgünstige Lifts einbauen darf. So wären die Kosten, die auf die Mieter umgelegt werden, nicht ganz so hoch. Den Mietern gehen solche Eingriffe nicht weit genug. Sie befürchten, dass durch die steigenden Kosten die letzten einkommensschwachen Bewohner aus dem Kiez vertrieben werden.

Die Deutsche Wohnen widerspricht dieser Darstellung – und verweist darauf, dass im man April im mit dem Bezirk Pankow eine „Vereinbarung über den sozialverträglichen Ablauf von Sanierungsmaßnahmen“ für die Wohnanlage Topsstraße getroffen hat.

Deutsche Wohnen will individuelle Vereinbarungen mit Mietern abschließen

Darin sei zum Beispiel geregelt worden, dass im Fall der sozialen Härte die Miete nach der Modernisierung 30 Prozent des Nettohaushaltseinkommens der Mieter nicht übersteigen darf, erklärt Sprecherin Mira Schnittger. Außerdem sei „eine transparente Kommunikation vor, während und nach den Maßnahmen garantieret.“ In einem ersten Schritt habe man am 8. November mit den Mietern der Wohnanlage bei einer Informationsveranstaltung im Beisein des Baustadtrats und der Mieterberatung Prenzlauer Berg die Baumaßnahmen diskutiert.

„Der nächste Schritt sind nun die individuellen Gespräche, die Mitarbeiter unseres Unternehmens und einer von uns beauftragten Mieterberatung durchführen. Bei diesen Gesprächen werden alle Fragen und Wünsche des Mieters besprochen mit dem Ziel eine individuelle Modernisierungsvereinbarung abzuschließen. Hier wird auch noch einmal die zu erwartende Miethöhe aufgenommen, die den Mietern bereits in der Ankündigung mitgeteilt wurde“, versichert die Sprecherin der Deutsche Wohnen. Zur Abmachung gehört auch, dass die Mieter Umsetzwohnungen erhalten – möglichst wohnortnah. Da fünf Wohnungen in der Siedlungen baubedingt leer stehen, können sie zu diesem Zweck genutzt werden.

Wie auch immer die individuellen Modernisierungsvereinbarungen ausfallen – der Zeitplan für das Projekt steht bereits fest. Im Januar 2019 starten die bauvorbereitenden Maßnahmen. Und bis Mai 2021 dürfen die letzten Mieter in ihre Wohnungen zurückkehren. Wenn sie die Miete bezahlen können.

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