Prenzlauer Berg

Sonntagsverbot: Anwohner kämpfen für ihren Kiezsupermarkt

Damit Händler Van Dan Le in Prenzlauer Berg auch sonntags öffnen darf, gibt es eine Online-Petition mit mehr als 2300 Unterschriften.

Seit 19 Jahren im Geschäft: Van Dan Le und Thi Hong Thuy Nguyen bangen um ihre Existenz

Seit 19 Jahren im Geschäft: Van Dan Le und Thi Hong Thuy Nguyen bangen um ihre Existenz

Foto: Thomas Schubert / BM

Berlin. Laut dem Schild an der Decke ist er „der Kaufmann von nebenan“, aber hinter den deckenhoch gestapelten Waren kann man Van Dan Le leicht übersehen. Der klein gewachsene Mann mit Wurzeln in Vietnam liebt seine Arbeit. Und sagt Sätze wie: „Das ist meine Medizin. Ohne Arbeit würde ich krank werden.“ Sonntags allerdings ist Malochen in seinem Kiezsupermarkt an der Ecke Hu­felandstraße und Bötzowstraße verboten. Seitdem das Pankower Ordnungsamt zur Kontrolle anrückte, müssen sich Herr Le und seine Frau Thi Hong Thuy Nguyen tatsächlich an das Berliner Ladenschlussgesetz halten. Auch wenn es den Kaufmann schmerzt. Denn der Sonntag gilt im Lebensmittelmarkt „LEKR“ – benannt nach Herrn Le und einem alten Freund, Herrn Kranz – als besonders umsatzstark.

Im Bötzowviertel waren es die Leute gewohnt, auch am siebten Tag der Woche zur Not noch Wein und Windeln einholen zu können, wenn sie es an einem der sechs anderen vergessen hatte. Herr Le war immer da. Und bestellte Waren, die gerade nicht vorrätig waren, über Nacht. Mehr als 2300 Menschen haben nun binnen weniger Tage in einer Onlinepetition bekräftigt, dass sie das Angebot des gebürtigen Vietnamesen sonntags nutzen wollen – auch wenn das dem jetzigen Ladenschlussgesetz widerspricht. Zu den Unterstützern zählen sogar Prominente wie Michi Beck von den Fantastischen Vier.

Initiator der Kampagne ist Stefan Gehrke, der für eine Kommunikationsagentur arbeitet – und Herr Le im Internet eine Stimme gibt. Er meint: Wenn es beim Ladenschluss am Sonntag bleibt, könnte das Geschäftsleute wie Van Dan Le die Existenz kosten. Dieser Mann sei ein vorbildliches Beispiel dafür, wie sich Menschen in Ost-Berlin nach dem Wegfall von Industriearbeitsplätzen neu orientierten. Als Jugendlicher kam der Sohn vietnamesischer Obstbauern in die DDR, studierte in Thüringen Kybernetik, zog nach Berlin. Dort arbeitete er bis zur Schließung als Ingenieur im Elektroapparatewerk Treptow. „Herr Le hat nach der Wende keine Zigaretten verkauft“, sagt Gehrke, „sondern eine Existenz gegründet.“

Handelsverband hält Gesetz für überholt

Damit Kiezhändler im harten Wettbewerb des Einzelhandels eine Chance haben, plädieren Gehrke und seine Mitstreiter für einen Kompromiss: „Wir meinen, inhabergeführte Kiezgeschäfte ohne Angestellte sollten sonntags öffnen dürfen, wenn sie dafür an einem Wochentag schließen. Es geht darum, dass solche Läden gleichgestellt werden mit Shops, die für Touristen geöffnet haben dürfen, zum Beispiel Märkte in Bahnhöfen.“

Bei der Onlinepetition soll es nicht bleiben. Stefan Gehrke hat den Wunsch der Anwohner auch als Eingabe in die Bezirksverordnetenversammlung Pankow eingebracht. Dort wird der Kompromissvorschlag bald diskutiert.

Aber kann es wirklich eine Ausnahme für Kiezläden geben? Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg, hält das für unmöglich und sagt: „Wir können beim Ladenschluss nicht nach Betriebsformen unterscheiden. Das wäre verfassungsrechtlich bedenklich.“ Ansonsten steht der Handelsverband sehr wohl auf der Seite von Händlern, die über ihre Ladenöffnung frei entscheiden wollen. „Geschäftsleute sind selbst in der Lage, zu bestimmen, wann sie für den Kunden da sein müssen“, meint Busch-Petersen. Das deutsche Ladenschlussgesetz sei ein „Anachronismus“ und in Zeiten des Onlinehandels nicht mehr zu halten. Für den Verband ist klar: Alle Läden müssen sonntags öffnen dürfen.

Anders sehen das Gewerkschaften und Kirchen, die auf einen arbeitsfreien Sonntag bestehen – aus Rücksicht auf Arbeitnehmerrechte und christliche Glaubensgrundsätze. An bestehende Gesetze muss sich auch die Senatsverwaltung für Wirtschaft halten, selbst wenn Grünen-Senatorin Ramona Pop Spätverkaufsstellen künftig mehr Freiheit einräumen möchte. Sie will sich mit den Öffnungszeiten befassen und sagt: „Spätis gehören zur Kiezkultur.“

Für alle Berliner „Spätis“ gilt: Sie dürfen sonntags von 13 bis 20 Uhr öffnen und Bedarfsartikel für Touristen anbieten, wie Stadtpläne, Zeitungen, Andenken oder Tabak. Auch Lebensmittel zum sofortigen Verzehr dürfen ebenfalls in den Regalen liegen, aber keine Lebensmittel zur Zubereitung.

Ein Spätkauf sei der Lebensmittelmarkt „LEKR“ aber nicht, betont Gehrke. Vielmehr handle es sich um eine Art Gemischtwarenladen, wie er in Berlin seit der Gründerzeit typisch ist. In einem Viertel voller Freiberufler und Künstler solle man den Menschen auch in Sachen Handel ihre Freiheit lassen.

Am heutigen Sonntag, ab 15 Uhr wollen sich Van Dan Le und seine Frau in der Bötzowstraße 23 mit einem Glühweinumtrunk vor der verschlossenen Ladentür bei ihren zahlreichen Unterstützern bedanken. Und im Beisein von Politikern offen über ihre Situation sprechen. „Trotzdem wird es keine Demonstration“, betont Stefan Gehrke. So unwahrscheinlich eine Ausnahmegenehmigung für einzelne Kiezläden auch sein mag – wenn das Schicksal von Herrn Le genügend Aufmerksamkeit erregt, könnte es ein Denkanstoß sein. Ein Impuls für ein anderes Ladenschlussgesetz für Berlin.

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