Tierschutz in Pankow

Rettung in Sicht: Das Altenheim für Tiere zieht um

Der Gnadenhof in Blankenburg stand kurz vor der Auflösung. Jetzt fand sich für Berlins Tierhospiz in letzter Minute eine Lösung.

Bereit für den Umzug: Altenheim-Gründer Dirk Bufé und Geldhauben-Kakadu Bella

Bereit für den Umzug: Altenheim-Gründer Dirk Bufé und Geldhauben-Kakadu Bella

Foto: Thomas Schubert

Berlin. „Hallo!“ kreischt Bella, als Dirk Bufé an die Voliere tritt. „Hallo Bella“, antwortet der Gründer des Altenheims der Tiere mit sanfter Stimme. Seine blonde Irokesenfrisur passt zum Schopf des Gelbhauben-Kakadus – ein Tier, das klug und anhänglich ist, aber im Alter von 30 Jahren praktisch nicht mehr vermittelbar. So wie Bella geht es auch 300 anderen Vögeln, 33 Hunden und 15 Katzen im Altenheim für Tiere. Wegen des hohen Anteils an geflügelten Bewohnern nennt sich die Einrichtung in Blankenburg auch Vogelgnadenhof. Wer hier landet, wird liebevoll umsorgt. Und bleibt bis zum Tod. Aber so nobel das Anliegen von Dirk Bufé und seinen Mitstreitern, alten Tieren ein würdiges zu Hause zu geben, auch sein mochte – zulässig war es nicht.

Im Jahre 2012 entschied das Bezirksamt Pankow: Auf dem Gelände der kleinen Villa in Blankenburg an der Burgwallstraße kann das Tierhospiz nicht bleiben. Die Haltung von derart vielen Vögeln und Hunden vertrage sich nicht mit den Anforderungen für ein Wohngebiet, entschied der damalige Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne). „Das war eine bittere Nachricht“, erinnert sich Bufé. „Uns wurde aber ein Ausweichgrundstück angeboten.“ Und der Plan klang durchaus schlüssig. Mitten im Bürgerpark Pankow, wo bereits Ziegen, Fasane und Hühner leben, sollte der Gnadenhof einen neuen Sitz beziehen. Dem Trägerverein des Altenheims gefiel die Lösung – einer Anwohnergruppe in Pankow allerdings nicht. 2016 war der Widerstand so groß, dass der Umzug platzte.

Fachfirma errichtet Neubau in Buchholzer Gewerbegebiet

„Wir dachten: Das war’s. Wir lösen uns auf“, blickt Vereinsgeschäftsführer Hartmut Benter zurück. Genau wie Bufé arbeitet er als Postbote und investiert seine ganze Freizeit in die Pflege von verhaltensauffälligen Papageien und ergrauten Hunden, die ihre Halter knapp überlebt haben. Vor allem die exotischen Vögel – manche Arten werden über 70 Jahre alt – können den Verlust ihrer Bezugsperson nur schwer verkraften. Sollten diese Geschöpfe nun erneut umziehen? Ins Berliner Tierheim, das ohnehin schon an seinen Kapazitätsgrenzen arbeitet? Der Hilferuf des 512 Mitglieder starken Vereins hallte durch die politischen Fraktionen und die Medien. Und wurde nun erhört.

Plötzlich fanden das Bezirksamt und das Berliner Immobilienmanagement (BIM) doch noch ein Ersatzgrundstück in einem Gebiet, wo Papageien-Rufe und Hundegebell garantiert niemanden stören. Kakadudame Bella und die anderen Tiere ziehen 2019 ins Gewerbegebiet Am Posseberg in Französisch Buchholz. Spätestens im Frühjahr sollen die Formalitäten mit der BIM besiegelt sein. Ein Unternehmen, das sich auf Tierbehausungen spezialisiert hat, wird dann in Absprache mit dem Trägerverein einen Neubau errichten. Die Investitionen dürften das spendenfinanzierte Altenheim der Tiere zwar belasten – aber sie sichern seine Existenz. „Damit sind wir gerettet“, jubelt Bufé. Spätestens bis Weihnachten 2019 soll der Umzug abgeschlossen sein.

Dann wird mit einer Fläche von 4000 Quadratmetern mehr als doppelt so viel Platz vorhanden sein als bisher. Trotzdem hat die Tierliebe schon aus Personalgründen auch weiterhin Grenzen. "Unser Telefon klingelt 20 bis 30 mal pro Woche", berichtet Harmut Benter. Die Situation ist immer die gleiche: Wenn die Halter von Haustieren gestorben sind, versuchen Angehörige, ihnen ein neues Zuhause zu verschaffen. Wenn es um exotische Tiere wie Schlangen oder Echsen geht, lehnt das Altenheim generell ab. Bislang belaufen sich die monatlichen Kosten auf 8000 Euro. Eine Summe, die Vereinsmitglieder und Spender zuverlässig bereitstellen können.

57-jährige Amazone aus Reinickendorf ist die älteste Bewohnerin

Worum es den Ehrenamtlichen Helfern geht, hat viel mit der Situation im Berliner Tierheim zu tun. Hier haben Bufé und Benter früher ehrenamtlich gearbeitet. Sie wollten es nicht mehr mit ansehen, dass die jungen Tiere eine neue Chance bekommen und die alten, schwer vermittelbaren Artgenossen für immer in einer Einrichtung bleiben, die eigentlich nur eine Durchgangsstation sein sollte.

Also entschlossen sich die beiden mit einer Handvoll Mitstreiter, 2006 zur Gründung des Altenheims. Sie wollten einen Ort schaffen, der ein Zuhause für die Heimatlosen sein soll. Vor allem für die langlebige, sensible Vögel. "Unsere älteste Bewohnerin ist eine Amazone namens Randy. Sie ist 57 und gehörte einem Ehepaar aus Reinickendorf. Als die Frau 105 Jahre alt war und der Mann 103, haben sie Randy von uns abholen lassen", erzählt Bufé. Manche Bewohner kamen aber schon als Welpen an - zum Beispiel die beiden Deutschen Doggen Ronaldo und Ronja. Unbekannte hatten die Tiere auf einem Parkplatz ausgesetzt. Heute begrüßen die riesigen, verschmusten Doggen Besucher des Altenheims am Zaun.

Dass sich gegenüber der zukünftigen Heimat in Buchholz ein Tierkrematorium befindet, war nicht unbedingt geplant. Aber hier landen früher oder später alle Bewohner des Gnadenhofs. Bestattungen auf einem der privaten Berliner Tierfriedhöfe kommen für das Altenheim nicht in Frage – „viel zu teuer“, winkt Benter ab. Die Urnen der Verstorbenen sammelt er in einem Regal im Katzenhaus, sorgsam beschriftet mit den Namen dahingeschiedenen Gefährten. Im Gnadenhof hält man die Treue auch nach dem Tod.