Ihr Klang ist noch derselbe. Um 18 Uhr setzen die Glocken im Backsteinturm der Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg zum Abendgeläut an. Erst zaghaft, dann immer lauter, durchdringender. Für einen Moment übertönen sie das Rattern der Hochbahn über der Schönhauser Allee, das Lachen der Kinder auf dem Spielplatz im Kiez.
Eigentlich lädt das Läuten die Christen im Viertel zum kurzen Innehalten im Alltag ein, zum stillen Gebet. Aber seit einer von ihnen 1750 Kilometer südöstlich von hier in einem Hochsicherheitsgefängnis eingesperrt ist, und keiner so recht weiß, warum und wie lange noch, seitdem ist noch nicht einmal das Abendgeläut, was es einmal war. Jetzt ist es ein Aufruf gegen das Vergessen.
Peter Steudtner: zweifacher Vater, Fotograf, Menschenrechtstrainer. Er war aktives Mitglied der evangelischen Kirchengemeinde, engagierte sich in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Er verließ sein Viertel immer wieder, um ehemaligen Kindersoldaten in Mosambik zu helfen, für Projekte in Israel und Kenia, Nepal. Er kam immer wieder zurück. Wohl keiner hier hatte sich ernsthafte Gedanken gemacht, als Steudtner Anfang Juli für ein Seminar nach Istanbul aufbrach.
Jetzt ist er einer von bis zu zehn Deutschen, die aus politischen Gründen in der Türkei inhaftiert sind. So wie dem „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel und der Journalistin Meşale Tolu wird Steudtner die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Ohne je ernsthafte Beweise vorgelegt zu haben, heißt es aus dem Auswärtigen Amt. Seit genau 40 Tagen ist Peter Steudtner jetzt in Untersuchungshaft.
Seine Freunde können nur mit dem Kopf schütteln
„Mir ging Peter immer ein bisschen auf die Nerven“, sagt Hansjörg Schößler, ein 63-Jähriger mit Ironie auf den Lippen. „Weil er immer so lieb war.“ Wenn seine Freunde hier daran denken, dass ausgerechnet Steudtner in den Augen der türkischen Justiz ein Terrorist sein soll, dann folgt heftiges Kopfschütteln, immer fällt das Wort „absurd“. Viele erzählen von seiner sanftmütigen Art, wie er als Mediator bei Konflikten in der Gemeinde vermittelte.
Hansjörg Schößler erinnern die politischen Verhaftungen in der Türkei an eine Zeit, die ihn an die Gethsemanekirche band. Eine metallene Infotafel gegenüber der Kirche gibt Aufschluss: Wer einen der Knöpfe darauf drückt, hört aus einem Lautsprecher, wie hier in den 80er-Jahren ein Sammelbecken für den friedlichen Protest gegen das DDR-Regime entstand. Oppositionelle trafen sich, knüpften Kontakte, organisierten sich. Im Oktober 1989 war die Kirche Tag und Nacht geöffnet, vor der Niederschlagung der Proteste am DDR-Nationalfeiertag konnten viele Demonstranten in die Gethsemanekirche fliehen. Die Mahnwachen unter dem Motto „Wachet und betet“, die brennenden Kerzen auf dem Vorplatz, all das wurde zum Symbol.

Die Gemeindemitglieder haben lange diskutiert, ob die Parallelen zum Protest gegen das DDR-Regime angebracht sind. Aber jetzt steht es da, in roter Schrift auf einem Banner über dem Portal der Kirche: „Freiheit für die zu Unrecht Inhaftierten in der Türkei!“ Und: „Wachet und betet“. Und das tun sie, jeden Tag, zum Abendgeläut, um 18 Uhr.
Erdogan wird sich kaum von ein paar betenden Christen umstimmen lassen
Es mag wie eine Geste der Hilflosigkeit wirken. Denn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wird sich kaum von ein paar betenden Christen umstimmen lassen. Aber Hansjörg Schößler sagt: „Wenn du gläubig bist, gibt es dir unheimlich viel Kraft, zu wissen, da draußen sind Leute, die für dich beten.“ Schößler war in der DDR selbst mehrfach inhaftiert.
Als um kurz nach 18 Uhr die Glocken verstummen, haben sich auf den Kirchenbänken 23 Menschen versammelt. Die meisten kommen täglich. Rentner, drei Abiturientinnen, ein Sozialtherapeut, ein Vater mit zwei Kleinkindern, Passanten. Auf dem Altar brennt eine Kerze. Darauf steht: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden.“ Sie beten hier für die Freilassung aller zu Unrecht Inhaftierten in der Türkei, das betonen sie. Und: Die Kirche ist offen für alle. Dass vor einigen Tagen drei türkische Musliminnen zur Andacht kamen, hat viele hier berührt.

Hannah-Maria Liedtke tritt vor den Altar, sie leitet die heutige Andacht. Psalm 103: „Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat.“ Dann ein Lied aus den Kindergottesdiensten. „Weil Peter das sicher kennt“, sagt Liedtke. Sie kennt Steudtner aus der Kinder- und Jugendarbeit. Heute wundert sie sich, warum es erst einen treffen musste, der ihr so nah steht, um sie aufzurütteln. Yücel und all die anderen, das waren nicht viel mehr als Nachrichten für sie. Dann ging das Leben weiter. Viele fragen sich hier: Haben wir es uns zu gemütlich gemacht, im beschaulichen Alltag in Prenzlauer Berg? Hätten wir uns an diesem symbolischen Ort nicht viel früher für politisch Verfolgte einsetzen sollen?
„Herr, sei Bote unserer Gedanken“
Fester Bestandteil der Andachten sind die Fürbitten. Die Gläubigen versammeln sich im Kreis, Einzelne treten hervor, zünden eine Kerze an. Dann sagen sie: „Herr, sei Bote unserer Gedanken, damit Peter weiß, dass wir an ihn denken.“ Sie kämpfen mit den Tränen, wenn sie für Meşale Tolu und ihren mitinhaftieren Sohn sprechen.
Pfarrer Christian Zeiske tritt in die Mitte. Er spricht über den abgelehnten Haftprüfungstermin für die Journalistin. „Bitte, auch wenn uns das hier runterzieht, lass unsere Freunde in der Türkei das ertragen, gib ihnen Mut.“ Er glaubt fest an die Kraft seines Freundes Steudtner. Steudtner geht beim Freigang im Gefängnishof joggen, bringt einem Mithäftling Englisch bei, lernt Türkisch von ihm – so hat es Zeiske gehört.
Manchmal erschrickt Zeiske über einen Gedanken. „Man lebt so sein Leben weiter, manchmal scheint die Sonne, man geht in ein Café. Und dann zuckt man zusammen, man erinnert sich: Einer fehlt hier.“ Dass Steudtner seiner Familie, seiner Gemeinde entrissen wurde, nennt Zeiske unerträglich.
Deutsch-türkischer Konflikt schaukelt sich hoch
Die ersten Reaktionen der Politik haben Zeiske imponiert. Der Außenminister brach seinen Sommerurlaub ab, die Kanzlerin fordert die sofortige Freilassung Steudtners. Verschärfung der Reisehinweise, von Investitionen in die Türkei wurde abgeraten. Aber Sanktionen? Stopp von Rüstungslieferungen? Kündigung von Finanzhilfen? Pfarrer Zeiske wünscht sich konkrete wirtschaftliche Maßnahmen von der Politik.
Dass die Inhaftierten nicht in Vergessenheit geraten, dafür sorgen die türkischen Politiker selbst. Nazi-Vergleiche, verschärfte Haftbedingungen, der Versuch, den deutschen Schriftsteller Dogan Akhanli über Interpol festnehmen zu lassen, all das rückt auch den Fall Steudtners immer wieder ins Bewusstsein. Und schaukelt den deutsch-türkischen Streit weiter hoch.
Über Steudtners Anwälte erhält seine Familie hin und wieder kurze Nachrichten. Und so erfuhr auch Zeiske, dass in einer Nachricht stand: „Freue mich über ,Wachet und betet‘. Grüße an die Gemeinde. Bin jeden Abend mit dabei.“


