Bei einem tragischen Unglück sind zwei Graffiti-Sprayer in Wittenau von einer S-Bahn überrollt und getötet worden. Die 18 und 19 Jahre alten Männer verunglückten in der Nacht zum Montag im Bereich einer Brücke an der Schorfheidestraße. Die genauen Umstände des dramatischen Geschehens sind bislang noch weitgehend unklar.

Nach den bisherigen Untersuchungen und den am Unglücksort aufgefundenen Beweisstücken ereignete sich das Unglück gegen Mitternacht. Die jungen Männer, beide stammen aus Berlin, waren auf die Bahntrasse geklettert und hatten damit begonnen, Graffiti zu sprühen. Wegen solcher Taten waren sie bereits früher aufgefallen. Dann näherte sich ein Zug der S-Bahnlinie S1. Ob sie ihn nicht bemerkt oder es nicht mehr geschafft haben, sich in Sicherheit zu bringen, ist unklar. Die Bahn, die Richtung Wannsee unterwegs war, erfasste die Männer und überrollte sie. Dies geschah, ohne dass es jemand gesehen hat.

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Zwei Graffitisprüher in Wittenau von S-Bahn überfahren

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    Zugführer hat niemanden im Gleisbereich gesehen

    „Der Zugführer sagte später aus, er habe ein mehrmaliges Rumpeln vernommen“, teilte eine Sprecherin der Polizei am Montag mit. Die Bahn wurde daraufhin automatisch abgebremst und vom Zugführer ganz gestoppt. Menschen hatte er zuvor im Gleisbereich nicht gesehen. Der Mann stieg aus, um der Ursache für das Rumpeln auf den Grund zu gehen. Dann machte er die schockierende Entdeckung: Unter dem Zug befanden sich die Männer. Sie waren vermutlich durch den Zusammenstoß mit dem Zug auf der Stelle tot.

    Der Mann verständigte per Notruf Polizei und Feuerwehr. Die für die Bahnanlagen zuständige Bundespolizei setzte einen Hubschrauber ein, von dem aus die Unglücksstelle ausgeleuchtet wurde, sodass die Feuerwehr die Verunglückten bergen und die Kriminalpolizei mit Ermittlungen und der Spurensicherung beginnen konnte. Die Beamten stellten fest, dass es im Bereich der Brücke nach frischer Farbe roch. Unter der Brücke waren nach Polizeiangaben auch frische Tags, also Farbschmierereien, erkennbar. „Zudem lagen neben den Gleisen mehrere Farbdosen und ein Rucksack mit Sprayerutensilien“, teilte die Polizeisprecherin weiter mit. Daher werde derzeit von einem Unfall ausgegangen. Die Getöteten sollen heute obduziert werden.

    Während des Einsatzes musste aus Sicherheitsgründen der Strom an der S-Bahnstrecke abgeschaltet werden. Erst nach zwei Stunden konnte der Zug von einem Ersatzfahrer zum nächsten Bahnhof gesteuert werden. So lange saßen die etwa 50 Fahrgäste fest. Sie vorher zu Fuß über die Gleise zu geleiten, wäre nach Angaben der Polizei in der Dunkelheit zu gefährlich gewesen. Die S-Bahn setzte während der Streckensperrung Busse als Ersatz ein.

    Farbschmierer flüchtet vor Polizei auf Kesselwaggon

    Zwischen Betroffenheit und Unverständnis schwanken am Montag die Reaktionen in der Nachbarschaft des Unglücksortes am Rande des Märkischen Viertels. Viele haben im Laufe des Vormittags von den Todesfällen erfahren, manche hörten in der Nacht auch den Hubschrauber. Bekannt sei die Bahnbrücke keineswegs für derartige Vorfälle, sagt Dimitros Spanos. Der griechischstämmige Berliner arbeitet seit zehn Jahren in der Taverna, deren Terrasse fast an den Bahndamm grenzt.

    Auch Anwohnerin Regine Glawe, die seit 20 Jahren ein Einfamilienhaus auf der anderen Seite der Gleise bewohnt und am Mittag nach dem Unglück den Fußweg vor ihrem Garten fegt, hat so etwas noch nie erlebt. „Allerdings, dunkel genug ist es ja abends, und hier sind auch wenig Leute unterwegs.“ Die Bahnstrecke ist oben auf der Brücke durch Metallzäune gesichert. Die seien allerdings leicht zu überwinden, und einige Meter weiter gebe es gar keinen Zaun mehr, sagt die 25-jährige Mandy Schareina, die mit der Familie spazieren geht. „Aber eigentlich wohnen hier sowieso vor allem ältere Menschen“, sagt Renate Schareina (78). Die Jugend trifft sich auf der Skaterbahn nahe dem Märkischen Zentrum. Ein 24-Jähriger schüttelt, auf den Vorfall angesprochen, nur den Kopf. Warum seien die Jungs nicht nebenan in den Park gegangen, fragt er: „Da kann man legal sprühen.“

    Doch Graffiti-Sprayer gehen große Risiken ein. Dadurch ist es wiederholt zu Unfällen gekommen. Nur kurz nach dem Unglück in Wittenau hatte die Bundespolizei einen weiteren Einsatz wegen eines Sprayers. Er war im Bahnhof Greifswalder Straße ertappt worden. Auf seiner Flucht kletterte er sogar auf einen Kesselwaggon. Da er sich auf einem Abstellgleis ohne Oberleitung befand, ist ihm nichts geschehen. Die Polizei warnt immer wieder davor, auf Waggons zu steigen, da es zu Stromschlägen durch Oberleitungen kommen kann. In der Nacht zum Sonntag wurde in Reinickendorf ein weiterer Sprayer festgenommen. Zwei Komplizen konnten entkommen. Sie sollen in der Uranusstraße zwei Graffiti gesprüht haben. Berlin gilt in der Szene als besonders attraktiv. Sogar aus dem Ausland kommen Sprayer, um hier ihre Spuren zu hinterlassen.

    Christine Eichelmann und Rüdiger Finke