„Tatort“, „Homeland“, „Sommer vorm Balkon“ oder „Die fetten Jahre sind vorbei“ – der Prenzlauer Berg gehört zu den begehrten Drehorten Berlins. Von Dienstag an aber übernimmt die beliebte Filmkulisse selbst die Hauptrolle. Das Museum Pankow zeigt eine Reihe mit Dokumentarfilmen über den Kiez aus der Zeit zwischen 1955 und 2009. Das Besondere: Regisseure und Protagonisten sind zu den Filmabenden eingeladen und werden erzählen, wie es nach Drehschluss weiterging.

So wie Manuela Perleberg. Die heute 65-jährige, frisch pensionierte Lehrerin half früher regelmäßig in der Kohlenhandlung ihrer Eltern an der Gleimstraße 51. Mutter Renate Uhle (85), ein echtes Berliner Original, führte den Betrieb nach der Erkrankung ihres Mannes. Sie ist die Hauptfigur der preisgekrönten Dokumentation „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann“, die am Eröffnungsabend als Hauptfilm zu sehen ist. Regisseurin Heike Misselwitz zeigt den Alltag in dem Familienbetrieb im Jahr 1989 und das Porträt einer nahezu ausgestorbenen Branche.

Nach Schulschluss half die Lehrerin im Laden

Manuela Perleberg unterrichtete damals an der 8. Polytechnischen Oberschule „Hermann Tops“ vis à vis der Kohlenhandlung. Nahezu täglich ging sie nach Schulschluss in den Laden, um die Mutter zu unterstützen. Abends habe sie dann Hefte korrigiert und den Unterricht vorbereitet, erzählt die zweifache Mutter und dreifache Oma. „Das war natürlich anstrengend. Aber die Zeit war einfach anders.“

Zeitzeugin Manuela Perleberg
Zeitzeugin Manuela Perleberg© Joerg Krauthoefer | Joerg Krauthoefer

Die Kohlenhandlung war ein Kieztreff. Man kannte sich. „Viele Elterngespräche habe ich im Laden geführt“, erzählt Manuela Perleberg. Und die Kohlenträger – die meisten vom Typ rauer Geselle – hätten in kalten Wintern den alten Leuten im Viertel kleine Kohlebündel die Treppen hoch in die Wohnungen gebracht. Damals wohnten noch viele alte Menschen im Gleimviertel. „Heute ist der Prenzlauer Berg ja total verjüngt“, weiß Manuela Perleberg.

„Zwei prunkvolle neue Häuser“ haben Kohlenhandlung ersetzt

An der Kopenhagener Straße habe eine Freundin gewohnt. Sie musste wegziehen, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnte, beklagt die Rentnerin. Und auf dem Gelände der mütterlichen Kohlehandlung an der Ecke Gleim- und Ystader Straße stehen heute „zwei prunkvolle neue Häuser“. Ex-Inhaberin Renate Uhle hatte schon Jahre vorher ein Haus in Blankenburg bezogen, in dem sie bis heute lebt.

„Meine Mutter hat sehr gern gearbeitet, und sie wollte auch nicht zumachen“, erinnert sich Tochter Manuela an die Schließung der Kohlehandlung im Jahr 1992. Dabei gehörte das Geschäft in DDR-Zeiten zu den Großen in Berlin, belieferte auch die meisten Kinos in Ost-Berlin. Sie selbst habe der Mutter zur Aufgabe des Geschäfts geraten, weil nach der Einheit überall die Häuser modernisiert und die Kohleheizungen auf Öl und Gas umgestellt wurden, betont Manuela Perleberg. „Wir wären sonst auf ein totes Pferd gesprungen.“

„Eltern stellen heute hohe Anforderungen an die Schule“

Der Wandel ist für die ehemalige Kiezbewohnerin, die jetzt im Märkischen Viertel wohnt, weil sie dort zuletzt unterrichtet hatte, „eine Medaille mit zwei Seiten“. An den Schulen zum Beispiel sieht sie heute ganz andere materielle Möglichkeiten als in der DDR. „Wir hatten ja damals nicht einmal Blaupapier.“ Wenn sie Kollegen in ihrer alten Schule, der heutigen Grundschule am Falkplatz, besucht, stellt sie fest: Die Kinder sind viel lernbereiter als ihre damaligen Schüler und die Eltern aus der Szenekultur stellen sehr hohe Anforderungen.

Mit den Kindern aus dem Gleimviertel und den sozialen Verhältnissen, aus denen sie kommen, beschäftigt sich auch der neueste der Dokumentarfilme in der Prenzlauer-Berg-Reihe. In „Am Gleimtunnel“ (2009) hat Regisseur Torsten Löhn Grundschüler mit und ohne Migrationshintergrund beiderseits des Gleimtunnels Filme aus ihrem Umfeld machen lassen, aber auch die Kinder und ihre gemeinsame Arbeit porträtiert. Seine Einschätzung damals: Der Gleimtunnel, der eigentlich eine Unterführung ist, habe die Menschen aus Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen eher getrennt als verbunden. „Das ist anders geworden“, sagt Löhn, der seit 2008 selbst an der Gleimstraße wohnt, heute. „Ich kenne jetzt viele Familien, die von Prenzlauer Berg nach Wedding gezogen sind, wohl schon wegen der Mieten“, hat der 51-jährige Regisseur und Drehbuchautor bemerkt. „Gleichzeitig wohnen jetzt in Prenzlauer Berg viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund als damals.“ Während der Dreharbeiten, erinnert sich Löhn, habe sich „das Bewusstsein der Kinder sehr verändert“. Zwei Mädchen hätten sich sogar angefreundet.

Defa-Stiftung und Film-Universität in Babelsberg haben geholfen

Löhns Film „Am Gleimtunnel – hüben und drüben“ soll auch Kanzlerin Angela Merkel schon gesehen haben. In der Reihe „Der Prenzlauer Berg im Dokumentarfilm“ zeigt ihn das Museum Pankow am 2. Februar. „Zum Prenzlauer Berg gibt es unheimlich viel“, sagt Museumssprecher Stephan Müller. Bei der Recherche habe vor allem die Defa-Stiftung, aber auch die Film-Universität Babelsberg geholfen.

An vier Abenden laufen so insgesamt zehn Filme über den Stadtteil. Jede Veranstaltung startet mit einer filmischen Kiezfahrt: Zum Auftakt am Dienstag läuft ein Video über eine Fahrt mit der Hochbahn zwischen Senefelderplatz und Vinetastraße im Jahr 1990. An den anderen Abenden fährt der Zuschauer im Wartburg durch den Helmholtz- oder den Kollwitzkiez – und kann auch eine kurze Zeitreise machen. Denn der Filmemacher war zweimal auf Tour durch den Helmholtzkiez: in den Jahren 1983 und 1999.

19.+26. Januar 2016, 2.+9. Februar 2016, Beginn jeweils 20 Uhr in der Aula des Museums Pankow, Prenzlauer Allee 227/228 in Prenzlauer Berg. Eintritt frei. www.prenzlauerbergfilm.de