Ein genervtes Augenrollen. Schon wieder schwärme ich von Neukölln, schon wieder versteht mich keiner. Im Freundeskreis ist das ein Running Gag.
Ich mag die Sonnenallee. Die heulenden Motoren unnötig fetter BMWs, die Rufe der Gemüseverkäufer, das Gedrängel auf dem Gehweg, überquellende Mülleimer, den M41, der selten pünktlich kommt, dafür stets überfüllt ist. Die Sonnenallee ist international, pulsierend, laut. Du willst Großstadt? Du bekommst Großstadt. Am Hermannplatz akkumulieren sich gestresste Menschen und Wohnungslose. Menschen, denen das Leben hart zugesetzt hat. Eine Ratte quert den Weg. Ja, ich gebe zu, es ist dreckig.
Trotz Gentrifizierung muss die Mischung erhalten werden
Gleichzeitig bieten die Hasenheide und das Tempelhofer Feld Ruhe und Weite. Im Schiller- oder im Reuterkiez und am Landwehrkanal beginnt eine andere Welt: Cafés, Vintageläden, kleine Shops. Hier isst man mit Avocado belegtes Sauerteigbrot, trinkt den Cappuccino mit Hafermilch und bestellt den Whiskey Sour ohne Egg White. Und schaut von der Hobrechtbrücke in den Sonnenuntergang.

Es sind Gegensätze, die in Nordneukölln aufeinanderprallen – und symbiotisch funktionieren. Falafel und Ayran schmecken hier genauso wie Naturwein und neapolitanische Pizza. Der türkische Gemüsehändler gehört hier zum Gesamtbild, ebenso wie die fancy Barista.
Trotzdem will ich Neukölln nicht romantisieren. Der Bezirk hat Probleme: Armut, Drogen, Müll und Gentrifizierung. Die Mieten steigen. Menschen mit wenig Geld und eingesessene Läden werden verdrängt, weil Investoren Geld wittern. Neukölln ist so viel besser als sein Ruf. Noch. Der Bezirk befindet sich im Wandel, und das ist okay. Doch die Mischung macht Neukölln aus – und die muss erhalten bleiben.



