Die Kinolandschaft ist in Bewegung, doch hinter den Kulissen bleibt vieles unsichtbar. Wer hat in der Vergangenheit Filme gemacht? Welche Geschichten von Frauen und FLINTA-Personen wurden erzählt, nur um später in den Archiven zu verstauben? Genau hier setzt eine Initiative an, die das filmische Erbe weiblicher und queerer Filmschaffender zurück ins Rampenlicht holt. Die Filmreihe „Feminist Time Travel“ feiert in diesem Jahr bereits ihre dritte Saison und beweist mit sechs Filmscreenings, dass feministische Kinogeschichte keine Neuerfindung der Moderne ist, sondern eine lange, oft übersehene Tradition besitzt.

Veröffentlichte Werke erneut zeigen
Die Wurzeln des Projekts liegen in einer starken Bewegung: ProQuote Film. 2014 von vier visionären Regisseurinnen als deutscher Verein ProQuote Regie gegründet, hat sich die Initiative seither umbenannt und fest etabliert. Drei engagierte Frauen brachten schließlich die spezifische Filmreihe ins Leben, initiiert und maßgeblich in die Wege geleitet von Svenja Heinrichs. Dank einer gesicherten Finanzierung für fünf Jahre befindet sich das Projekt nun im dritten Jahr und hat eine klare Mission. „Uns ist aufgefallen, dass gerade in der Filmlandschaft die Repräsentation von Werken fehlt, die schon sehr früh feministische Geschichten erzählt haben“,“, erklärt Filmproduzentin Irina Thiab. „Dass es schon Menschen und Flinta-Personen gab, die es geschafft haben, diese Kunst zu machen, Filme zu machen. Da wollten wir ansetzen.“

Das Konzept bietet Filmschaffenden eine wertvolle, zweite Chance, ihre Werke noch einmal auf der großen Leinwand zu präsentieren und intensiv mit dem Publikum über ihre Arbeit zu sprechen. Anfangs kuratiert von Stefanie Görtz, Leiterin des renommierten Frauenfilmfest Dortmund Köln, folgt jede Vorstellung einem festen Prinzip: Eine sorgfältige Kuration trifft auf einen prominenten Gast. So begeisterte zuletzt das Event rund um den Film „Blindgänger“, kuratiert von der Schauspielerin Anna Stieblich, bekannt als „Doris“ aus der Kultserie „Türkisch für Anfänger“. Ein weiteres Highlight ist die Vorführung von „Die Sirene“ im Neuköllner Wolf-Kino. Da die iranische Regisseurin, die heute in Frankreich lebt, und nicht persönlich anreisen konnte, übernimmt Co-Produzentin Vanessa Ciszewski und Irina Thiab das anschließende Publikumsgespräch.
Themen: Kino als demokratische Kunst, Sichtbarkeit, Film vs Serien
Bei „Die Sirene“ fiel die Wahl bewusst auf das Genre Animation. „Zum einen erreicht man durch Animation ein ganz neues Publikum und kann komplexe Geschichten verdaulicher erzählen. Gleichzeitig ermöglicht Animation die Darstellung von Szenen und Landschaften, wie den zerstörten Städten, die in einem Spielfilm extrem kostenintensiv wären.“ Einen weiteren Grund nennt Irina Thiab: „Weil die Geschichte so verdaulicher ist und viel mehr Leute erreicht. Gleichzeitig ist es für viele Filmschaffende real nicht möglich: Zerstörte Städte in einem Realfilm darzustellen, würde unnormal viel Geld kosten.“
Weil zwanzig Minuten Fragen und Antworten im Kinosaal oft nicht ausreichen, um komplexe Themen zu vertiefen, wurde die Reihe in diesem Jahr um den „Feminist Time Travel Podcast“ erweitert, von dem bereits die vierte Folge erschienen ist. Wer die Filmreihe live erleben möchte, hat in diesem Jahr noch zweimal die Gelegenheit dazu. Am 17. September zeigt der Filmrauschpalast in Moabit die Produktion „The Girls“ unter dem Motto „Sichtbarkeit“. Im Oktober folgt im Wolf-Kino ein spannender Diskurs unter dem Titel „Serie versus Film“, bei dem die Serie „House of Yang“ im Mittelpunkt steht. Ein Kinobesuch, der den Blick auf die Vergangenheit und die Zukunft des Films nachhaltig verändert.

- Thema „Kino als demokratische Kunst“: „Die Sirene“ (Berlinale Panorama 2023), Dienstag, 11. August, 18.30 Uhr, Tickets: Wolf Kino Neukölln, Weserstraße 59, 12045 Berlin
- Thema „Sichtbarkeit“: „The Girls“ (1968) von Mai Zetterling, 17. September, 19 Uhr, Tickets 8 Euro, hier erhältlich: Filmrauschpalast Moabit, Lehrter Straße 35, 10557 Berlin
- Thema „Serie versus Film“: Serie „House of Yang“ (2026, Folge 1–3, jeweils 25 Minuten), 21. Oktober, Zeit n. n., Wolf Kino Neukölln, Weserstraße 59, 12045 Berlin



