Gebrauchte Spritzen, Spuren von Drogenkonsum in Parks: Das ist es, was Eltern Sorgen bereitet und Anwohnende nervt. Doch Menschen, die Drogen nehmen, gibt es nun mal. „Ziel ist, dass sie als gleichberechtigte Mitnutzende des öffentlichen Raums wahrgenommen werden“, sagt Robert Lager, Sozialarbeiter beim Suchthilfeträgers Fixpunkt. Eine Aussage, die aufhorchen lässt – denkt man an die vielen Drogenrückstände auf Berlins Grünflächen und Spielplätzen.

Doch genau da setzt das sogenannte „Peer-Projekt“ an, das Lager leitet: Konsumierende und abstinente Menschen sammeln im Rahmen des Projekts die Spritzen, die andere unachtsam liegengelassen haben. Mit Greifarmen und Eimern ziehen sie los, um Neuköllns Parks von möglicherweise infektiösem Drogenbesteck zu befreien. Dabei entstehen Kontakt zur Nachbarschaft und ein Abbau von Vorurteilen, ein Miteinander auf Augenhöhe.

„Peer“, das heißt übersetzt „Gleichgestellter“ oder „Ebenbürtiger“. Das Projekt allerdings hat seinen Namen, weil es den Peer-to-Peer-Ansatz verfolgt: Menschen, die in dem Projekt teilnehmen, bekommen Wissen vermittelt und geben es an die Zielgruppe (andere Konsumierende) weiter. Wissen über sicheren, hygienischen Konsum, aber auch über sensible Orte, an denen keine Drogen konsumiert werden sollen.

Projektradius wird ausgeweitet

Sitz des Projekts ist in Nord-Neukölln, Lessinghöhe. Direkt am Ort des Geschehens. Wer in der Umgebung unterwegs ist, für den gehören Spritzenfunde zum Alltag. Rund 200 Nadeln und Spritzen werden nach Angaben des Projekts an Einsatztagen durchschnittlich gesammelt.

Zum Einsatzgebiet gehören die bekannten Orte der Neuköllner Drogenszene: der Körnerpark, die Thomas- und Lessinghöhe und der Jakobi-Friedhof. In diesem Jahr kommen der Anita-Berber-Park und die Hasenheide, der alte Jakobi-Friedhof am Hermannplatz sowie weitere Orte im Süden wie die Buschkrugallee hinzu.

Peer Projekt Neukölln
Dreimal so viele der benutzten Spritzen werden mit wiederaufgesetzter Schutzkappe gefunden, berichtet Lager: „Das zeigt, dass ein Großteil der Konsumierenden um Rücksicht bemüht ist.“© FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Wenn die Peers bei ihrer Arbeit mit Eimer und Greifer, erkennbar als Fixpunkt-Ehrenamtliche, durch die Parks Neuköllns streifen, erleben sie viel Dankbarkeit unter den Anwohnenden, schwärmt Lager. Außerdem ist das Fixpunkt-Team Ansprechpartner „für die Sorgen der Nachbarschaft“.

Mit 13 Kinder- und Jugendeinrichtungen in der Gegend sei man im Austausch. Denn eine weitere Aufgabe der Peers ist es, Piktogramme auf den Boden zu sprühen. Die einfachen Darstellungen sollen Abhängige darauf hinweisen, an bestimmten Orten keine Drogen zu konsumieren. Weil sich dort eben zum Beispiel Kinder- und Jugendeinrichtungen befinden.

Für die Teilnehmer bedeutet das Projekt eine Tagesstruktur

Zusätzlich werden die Teilnehmenden durch Sozialberatung unterstützt. Viele sind zusätzlich von Obdachlosigkeit, psychischen Erkrankungen oder Armut betroffen. Und haben mit Problemen wie einer fehlenden Krankenversicherung oder einem fehlenden Aufenthaltsstatus zu kämpfen.

Im vergangenen April ist das Projekt vom Körnerpark in den nahegelegenen Gemeinschaftsgarten „Rollberg Paradise“ an der Lessinghöhe umgezogen. Hier teilt sich das Sucht-Projekt das Gelände mit Akteuren wie einem Schulgarten, einem Nachbarschaftsgarten und einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung.

Peer Projekt Neukölln
Mit Greifzangen und Abwurfbehältern ausgestattet, ziehen die Projektteilnehmenden bei ihren Säuberungsaktionen los. © FUNKE Foto Services | Joerg Carstensen

Dass die Gartensaison nun in den Startlöchern steht, freut Lager. Es bedeutet wieder mehr Momente der Begegnung in dem Gemeinschaftsgarten. Und darin sieht er „eine große Chance, Vorurteile abzubauen“. Im Frühsommer ist dann eine Lehrkooperation mit der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) geplant. An mehreren Terminen sollen die Konsumierenden zusammen mit einer Gruppe Studierender ein Vorhaben im Bereich Handwerk oder Gartenarbeit umsetzen.

„Kann lebensverändernd für manche sein“

Für die Peers bedeutet die Arbeit in dem Projekt eine Tagesstruktur. „Der Großteil unserer Projektteilnehmer empfindet es als eine sinnvolle Tätigkeit“, sagt Lager. Wichtig ist für die Betroffenen auch der Zuverdienst. Die Peers bekommen eine Ehrenamtspauschale für ihre Arbeit ausgezahlt. „Das kann lebensverändernd für manche von ihnen sein“, so Lager.

 „Der Großteil unserer Projektteilnehmer empfindet es als eine sinnvolle Tätigkeit.“

Robert Lager, Koordination Peer-Projekt, Fixpunkt

Aktuell sind 14 Menschen in dem Projekt beschäftigt und die Warteliste ist lang. Alterstechnisch ist es gut durchmischt, vom jungen Erwachsenen- bis ins Rentenalter. Doch: Nur zwei der 14 Personen sind weiblich. „Drogenkonsum ist kein geschlechtsspezifisches Phänomen, allerdings werden von der niedrigschwelligen Suchthilfe männliche Personen eher erreicht als weibliche.“ Bei diesen findet der Konsum öfter verdeckt statt, Abhängigkeits- und Wohnverhältnisse spielen eine Rolle, erklärt der Projektleiter.

Dass gut ein Drittel der Teilnehmenden schon seit Projektbeginn dabei ist, spricht für den Projekterfolg. „Zweieinhalb Jahre sind erstaunlich lange für die niedrigschwellige Suchthilfe“, betont Lager. Und auch aus der Nachbarschaft sei das Feedback positiv.