Am frühen Mittwochmorgen geht an der Karl-Marx-Straße in Neukölln alles seinen gewohnten Gang. In einem Café an der Ecke zur Schierker Staße stehen die Leute Schlange für ihr Frühstück, ein Späti-Betreiber diskutiert mit einem Kunden über Gott und die Welt, in einer 24-Stunden-Bar sitzen die ersten Gäste schon an den Spielautomaten. Mitbekommen haben will aber niemand von ihnen etwas von dem, was hier, an der Ecke zur Schierker Staße und zur Kirchhofstraße, nur wenige Stunden zuvor passiert ist. Dabei verhinderte die Polizei wohl nur durch ihr schnelles Eingreifen Schlimmeres.

In der Nacht zu Mittwoch kam es genau an dieser Kreuzung gegen 2:30 Uhr zu einer brutalen Massenschlägerei, bei der auch ein Klappmesser und ein Küchenmesser gezückt wurden. Mehrere Polizisten auf Steife beobachteten, wie an der Ecke Schierker Straße eine große Menschenmenge aufeinander losging und alarmierten sofort Verstärkung. Augenzeugen berichteten später, die Männer wirkten alkoholisiert. Ein Atemtest bei einem der Beteiligten ergab laut Polizei einen Promille-Wert von zwei.

Zwei Männer geraten in Streit und holen Verstärkung

Informationen dieser Redaktion zufolge gerieten zunächst ein 23-jähriger Georgier und ein 26-jähriger Türke in einer Bar in Streit miteinander, der sich später vor das Lokal auf die Straße verlagerte. Die Kontrahenten trommelten daraufhin, so heißt es, Verstärkung aus den umliegenden Kneipen herbei. So sei laut Polizei etwa der 35-jährige Bruder des 26-Jährigen hinzugekommen. Der Streit blieb allerdings nicht nur verbal. Die Männer attackierten sich schon bald mit ihren Fäusten und mit Tritten, schließlich wurde auf beiden Seiten auch jeweils ein Messer gezückt.

Nun mussten die Polizisten einschreiten, auch wenn sie in deutlicher Unterzahl waren. Einige der Beteiligten flohen darauf in Richtung des S- und U-Bahnhofs Neukölln und die Schierker Straße hinunter.. Die beiden Männer, die mit einem Messer auf ihre Gegenüber losgingen, wurden von den Beamten mit gezogener Dienstwaffe zur Aufgabe gezwungen. Sie wurden überwältigt und ihnen wurden umgehend Handschellen angelegt. Die drei 26-, 23- und 35-jährigen Hauptbeteiligten der Auseinandersetzung wurden festgenommen. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen kamen alle wieder auf freien Fuß. Sie müssen sich nun wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung verantworten, gegen den 23-Jährigen wird außerdem wegen unerlaubten Aufenthalts ermittelt.

Immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen an der Karl-Marx-Straße

Die Brüder erlitten Hämatome und Hautabschürfungen. Ihr Kontrahent trug eine Schnittverletzung davon. Die Beteiligten wurden von alarmierten Rettungskräften noch vor Ort untersucht, einer wurde ambulant behandelt. Zu schweren Verletzungen kam es nicht. Die Kriminalpolizei ermittelte vor Ort zu den Hintergründen des Streits, auch ob es einen Bezug ins Clanmilieu gibt. Hierzu wurden Zeugen vernommen, darunter der Fahrer eines Kleintransporters, der zufällig in die Auseinandersetzung geriet. Zudem wurden Spuren gesichert, unter anderem DNA an den vor Ort gefundenen Tatwaffen.

„Dass es in Berlin regelmäßig zu Gruppenkeilen kommt, bei denen auch Waffen zum Einsatz kommen, sollte keinen mehr überraschen“, sagt Benjamin Jendro, Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei GdP. „In bestimmten Kreisen hat man beim abendlichen Barbesuch auch stets ein Messer in der Tasche.“ Dass zudem die Zündschnur nicht wirklich lang sei und es keinen großen Grund geben müsse, um andere abzustechen, überrasche die Polizei auch nicht mehr. Man sei demenstprechend froh, dass die Polizeikollegen durch ihr beherztes Eingreifen Schlimmeres verhindert hätten, so Jendro weiter.

Die Polizei kontrolliert die Gegend um die Karl-Marx-Straße insbesondere nachts verstärkt, da es dort immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Schüssen kommt. So explodierte dort erst vor wenigen Tagen eine Kugelbombe vor einem Ladengeschäft.

Laut Polizei kam es im vergangenen Jahr in Berlin zu 3412 Straftaten, die als Messerangriff klassifiziert wurden. 2023 waren es 3482, knapp zwei Prozent mehr. Am häufigsten wird als Delikt die Bedrohung festgestellt, mit 1507 Fällen macht sie rund 44 Prozent aller Messerangriffe aus. Gegenüber 2023 ist allerdings die Zahl der Körperverletzungen mit Messern gestiegen. Waren es 2023 noch 918 Taten, wurden 2024 insgesamt 991 gezählt. 36 Mal wurde bei Morden, Raubmorden oder Totschlag zugestochen, 459 Mal bei Raubüberfällen.