Neukölln, ein heißer, trockener Sommer, in dem die Wiesen der Hasenheide gelb werden und der Schweiß nie trocknet. Die Straßen chaotisch, Drogenkonsumenten, die in U-Bahneingängen Schatten suchen und Drogenkonsumenten, die in Bars und Clubs drei Tage wach bleiben. Auf den ersten Blick nicht sichtbar, aber immer im Hintergrund: Die Spekulation mit Wohnraum, Immobilienunternehmen, die Menschen aus Wohnungen schmeißen und damit verbunden das Sterben des Raves.

Mittendrin spielt Sven Pfizenmaiers Roman „Schwätzer“, der durch und durch eine Neuköllner Erzählung ist. Schwätzer ist Pfizenemaiers zweiter Roman, nachdem sein 2022 erschienenes Debüt „Draußen feiern die Leute“ positiv besprochen und mit dem Aspekte Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Nach dem Coming-of-Age-Dorfroman Draußen feiern die Leute verlegt Pfizenmaier sein zweites Buch nun in die Berliner Großstadt.

Meteoriten, Zahnärzteverschwörung und Immobiliengeschäfte

Die Geschichte kreist um Meikel, einen ehemaligen Heroinsüchtigen, der seit drei Jahren clean ist und bei dem plötzlich sein früherer Freund und Konsumpartner Eddi mit einer absurden Geschichte vor der Tür steht. Eddi soll aus seiner Wohnung geschmissen werden, weil eine Immobilienfirma im Auftrag des Rentenfonds der Mecklenburg-vorpommerischen Zahnärztekammer dessen Wohnhaus gekauft hat, entwickeln will – so weit Neuköllner Alltagsrealität. Doch die Zahnärzte entpuppen sich als Teil einer esoterischen Verschwörung. Der einzige Ausweg für Eddi: Er muss für einen den Lehren Rudolf Steiners anhängenden Zahnarzt aus Usedom einen Meteoriten auftreiben, damit dieser das Investment verhindert.

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Gleichzeitig rutscht Farina, eine ehemalige Clubbesitzerin, die ihren geliebten Club April infolge der Pandemie und einer Mieterhöhung schließen musste, in die Depression ab. Nach mysteriösen Suiziden im Zusammenhang mit dem jetzt leerstehenden Fabrikgebäude entsteht der Verdacht, dass es in den ehemaligen Räumen des Aprils spukt. Irgendwann kreuzen sich Farinas Wege mit Meikels und Eddis.

Realistisches und Surreales

In Schwätzer mischt Pfizenmaier gekonnt Realistisches mit Surrealem. Das funktioniert so gut, weil der 1991 in Niedersachsen geborene und heute in Berlin lebende Autor seine Umwelt genau beobachtet, biografische Erfahrungen einfließen lässt und kleine Absurditäten absolut trocken und wie selbstverständlich einbaut.

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Detaillierte Innensichten und treffende Beschreibungen der Neuköllner Stadtlandschaft gehen nahtlos über in surreale, urkomische Bilder, etwa wenn Eddi von zwei Zahnärzten mit einem Zahnbohrer über die Sonnenallee gejagt wird, vorbei an einem Trupp Polizisten, die gerade eine Shishabar filzen. Auch Farinas Club April ist unverkennbar von der ehemaligen Griessmühle in der Ziegrastraße inspiriert, unter deren Schließung viele Neuköllner Partygänger litten.

Neukölln: Online-Dating, Partydrogen und der Kosmos

Pfizenmaier zeigt Neukölln so, wie junge, dem Feiern nicht abgeneigte aber durchaus politisch interessierte Menschen den Bezirk erleben. Vom Online-Dating zum Partydrogenkonsum, dessen Grat zur Sucht so schmal ist, dass es immer diejenigen gibt, die die Kurve kriegen, und die, die abstürzen. Dahinter stets die größeren Strukturen, die die Schicksale der Menschen bestimmen, und zwar eher die Immobilienwirtschaft als der Kosmos. Obwohl das in Schwätzer nicht immer ganz sicher ist.

Autor Sven Pfizenmaier
Sven Pfizenmaier in den Gemeinschaftsgärten neben dem Kindl-Zentrum in Neukölln, wo ein Teil der Handlung von „Schwätzer“ spielt.© FUNKE Foto Services | Maurizio Gambarini

Dabei macht die gar nicht so kleine Zahl an Figuren Freude, denn jeder Charakter hat seine eigenen Eigentümlichkeiten. Da ist der Sohn von Einwanderern, dessen Eltern ihn „sicherheitshalber“ Heinrich genannt hatten, während die Wände seines Elternhauses den Wetterbericht vorhersagten und Helmut Kohl huldigten. Oder Farinas Mitbewohnerinnen Svea und Lea, die beim BMIr (Bundesministerium für Irreales) arbeiten und dort in ihren Verwaltungjobs schädliche Fiktionen liquidieren.

Schwätzer: Man hätte am liebsten noch mehr gelesen

Pfizenmaiers skurril-normale Figuren reflektieren und diskutieren nebenher Themen, die Menschen um die 30 in Neukölln beschäftigen. Soll man daran arbeiten, „glücklich werden“ oder ist das der totale kapitalistische Blödsinn? Ist ein vollkommenes Verständnis der Gefühle eines anderen Menschen überhaupt möglich? Was wird aus Berlin, wenn niemand mehr etwas selbst organisiert und alle „nur noch Kundschaft sein wollen“?

Die Figuren und der Plot sind so interessant angelegt, dass man am Ende der 288 Seiten am liebsten noch mehr davon gelesen hätte. Seine Buchpremiere feiert Pfizenmaier am 4. September passenderweise am neuen Standort der Griessmühle, dem Kulturbiergarten „Baergarten“ in Schöneweide.

Schwätzer, 288 Seiten, 22 Euro, erscheint am 16. August bei Kein & Aber. Buchpremiere mit Aftershowparty, moderiert von Mascha Jacobs am 4. September im Baergarten, Schnellerstraße 137, 12439 Berlin

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