Als Kadir im Jahr 2009 seiner Gülistan einen Heiratsantrag macht, sind Hunderte Menschen live dabei. Denn Kadir wählt für die Frage aller Fragen einen besonderen Ort: Im voll besetzten Kinosaal des Sony Centers am Potsdamer Platz lässt er vor der Vorführung einen befreundeten Musiker mit einer Bağlama, einem typischen Musikinstrument der Aleviten, das Lied „Nasil anlatayim hasretim seni“ anstimmen. Als Gülistan klar wird, dass ihr das Lied gewidmet ist, sagt sie unter Tränen „Ja“.

Geheiratet haben die beiden in Neukölln – und dort ist derzeit auch das Foto zu sehen, das Kadir und Gülistan zusammen mit dem befreundeten Musiker nach dem geglückten Heiratsantrag zeigt. Das Bild ist eines von mehr als 150 Fotos, aufgenommen zwischen 1900 und 2022, aus der Ausstellung „#DerSchönsteTag – Hochzeit in Neukölln“ im Museum Neukölln.

​​Ein edles Kaffeeservice zur Silberhochzeit.
​​Ein edles Kaffeeservice zur Silberhochzeit.© Katrin Starke

Ist das Heiraten etwa ein Fall fürs Museum geworden? „Genauso wie bei vielen anderen Phänomenen der Kultur scheiden sich bei der Beantwortung dieser Frage die Geister“, sagt Museumsleiter Matthias Henkel. „Für manche gehören Hochzeit und Ehe zum festen Bestandteil ihres Lebens, manch andere hingegen leben unkonventionellere Beziehungskonzepte.“ Eines sei bei aller ­Diversität ­geblieben: „Entscheidet sich ein Paar heute zur Eheschließung, wird in der Regel auch gefeiert.“ Nicht selten im Festsaal auf dem Gelände des Gutshofes Britz – also in direkter Nachbarschaft zum Museum Neukölln. Auch für Fotoshootings stehe das historische ­Museumsgebäude bei ­Neuköllner Hochzeitspaaren hoch im Kurs. Gleich mehrere Gründe also, dem Heiraten eine eigene Ausstellung zu widmen.

Ein begehbares Panorama der Hochzeit

Mit den Fotos, zusammengetragen in Archiven und in Fotoateliers, habe man ein „begehbares Panorama der Hochzeit geschaffen – vom ersten Kuss bis zur Goldenen Hochzeit“, erklärt Henkel. Im Kapitel „Kennenlernen“ findet sich ein Foto von Hilde und Franz Stepper, die 1940 ein Paar wurden. Franz wird noch im selben Jahr trotz jüdischer Abstammung eingezogen, überlebt drei Jahre an der Ostfront und wird im letzten Kriegsjahr in einem Wehrmachtsgefängnis nahe Torgau zum Flugplatzbau gezwungen. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg heiraten er und Hilde – am 2. Juni 1945, dem ersten Öffnungstag des Standesamts Neukölln nach Kriegsende. Ohne Fest und ohne einen Fotografen. Weitere thematische Stationen des Ausstellungsrundgangs heißen „Standesamt“, „Zeremonien“, „Hochzeitsfeier“ und „Epilog“.

Das könnte Sie auch interessieren: Joe Chialo: Das ist Berlins neuer Kultursenator

Da ist zu erfahren, dass die gebürtige Neuköllnerin Margot und ihr Verlobter Promod 1959 vom Neuköllner an das Schöneberger Standesamt verwiesen wurden, weil Promod keine Geburtsurkunde vorweisen konnte und die Heirat der beiden erst die zweite deutsch-indische Eheschließung in Berlin überhaupt war. Oder dass Melanie und Martina 2008 in der Neuköllner Philipp-Melanchton-­Kirche den Segen bekamen, obwohl die Evangelische Kirche in Berlin queere Paare eigentlich erst ab 2016 traute, man aber für Pfarrerin Martina eine Ausnahme machte. Es gibt Fotos von einer Trauung unter freiem ­Himmel, von einer nicht-religiösen Zeremonie, bei der das Paar mit einem Tau aneinander gefesselt wird, oder von Hochzeitsgesellschaften, die kurz zum Beginn des 20. Jahrhundert sfür den Fotografen posierten – als die Brautkleider noch schwarz waren.

Sieben Paare haben die Ausstellungsmacher zudem nach den Erinnerungen an ihre Hochzeit befragt, die dabei entstandenen Audio-Sequenzen können an Hörstationen abgerufen werden. Auch vier Objekte aus der Sammlung des Museums Neukölln sind ausgestellt: eine Aussteuertruhe und Eheringe ebenso wie der Füllfederhalter (Modell „Kaweco Sport“) des Neuköllner Standesbeamten ­Günter Heinrich, mit dem der im Laufe seiner Dienstzeit die Heiratsurkunden von mehr als 10.000 Paaren unterschrieb. Außerdem ein Geschirrservice, mit dem das Ehepaar Poethke aus der Steinmetzstraße (heute Kienitzer Straße) seine Silberhochzeit ­feierte. „Dem Silberbräutigam“ und „Der Silberbraut“ ist auf den Tassen zu lesen, „Ich gratuliere“ steht in Silber­buchstaben auf dem Milchkännchen.

Besucher können an einer Hochzeitstafel Platz nehmen

Zudem ist symbolisch eine Hochzeitstafel aufgebaut, an der Besucher Platz nehmen können, um sich über die ­verschiedensten Fragen rund ums ­Heiraten zu informieren – über Agenturen für Hochzeitsfotografie und Blumengeschäfte ebenso wie über Konditoreien, die Hochzeitstorten ­herstellen. Auch Themen wie Scheidung, häusliche Gewalt oder Zwangsehe werden an den Info-Stationen nicht ausgespart. Außerdem stehen Holzklötze auf dem Tisch bereit, an denen man sein Wissen testen kann. Da lässt sich beispielsweise in Erfahrung bringen, dass es schon in den 1920er-Jahren eine Ehe- und Sexualberatungsstelle in Neukölln gab.

Auch die Meinung der Ausstellungsbesucher zum Heiraten bleibt nicht außen vor. Am Ende des Rundgangs können sie beim Hochzeits­barometer ihre persönliche Einstellung zum Thema Hochzeit äußern. „62 Jahre sind wir (92 Jahre alt) verheiratet und haben uns immer noch etwas zu sagen!“, schreibt ein Ehepaar stolz. „Hohe Erwartungen an den schönsten Tag im Leben, die im weiteren Leben niemals erfüllt werden können. Eine Nummer kleiner tut’s auch“, schreibt dagegen ein anderer Besucher. Ein zeitloses Thema.

Museums-Info

  • Museum Neukölln Alt-Britz 81 (auf dem Gelände des Schloss- und Gutshofes Britz), Neukölln, Tel. 627 27 7716, tgl. 10-18 Uhr, Eintritt frei. museum-neukoelln.de
  • „#DerSchönsteTag – Hochzeit in Neukölln“ Ausstellung bis 29.5. Nicht von ungefähr gibt es das #-Zeichen im Ausstellungstitel: Mit dem Hashtag #DerSchönsteTag können sich Besucher in den sozialen Medien mit eigenen Beiträgen an der Debatte ums Heiraten beteiligen. Es werden auch noch weitere Inhalte ins Netz gestellt.