Wie sie da so auf dem Stuhl sitzt, die Beine weit geöffnet, mit den kleinen Metallbolzen an den Gelenken, erinnert die Keramikfigur spontan an eine Marionette. Vor ihrem Oberkörper, ganz in der Nähe des Herzens, hält sie eine riesige Nadel. Damit näht sie sich in einen engen schwarzen Anzug, der einer Taucherkluft ähnelt.
„Stitches“, zu deutsch: Stiche, hat die Künstlerin Paloma Proudfoot diese Arbeit genannt. Zu sehen ist sie in der Ausstellung „In Watte und Nadeln – Konturen von Trauer“ in der Galerie im Körnerpark. Die Schau nähert sich mittels verschiedener künstlerischer Medien – von der Installation bis zur Videoperformance – den vielfältigen emotionalen Ausprägungen von Trauer. Gezeigt werden Arbeiten von neun Künstlerinnen und Künstlern.
Trauer wird häufig tabuisiert
Wie der Titel der Ausstellung zu verstehen ist, wird im ausliegenden Flyer erläutert: „Wir können uns wie in Watte gepackt fühlen – abgeschnitten von der Welt, mit Druck auf der Brust und Leere im Herzen. Gleichzeitig holen uns schmerzhafte Erinnerungen immer wieder ein und durchstechen die gleichgültige Schutzschicht wie heiße Nadeln. Auf Wut folgt Verzweiflung, auf Einsamkeit Erschöpfung, aus Schuld ergibt sich Resignation.“
Noch immer werde Trauer in der westlichen Kultur oft tabuisiert, erklären die Galerie-Chefinnen Dorothee Bienert und Yolanda Kaddu-Mulindwa, die die Schau gemeinsam mit den wissenschaftlichen Volontärinnen Nina Marlene Kraus und Beatris Wakaresko kuratiert haben. Auf den Trauernden laste der gesellschaftliche Druck, schnell wieder „funktionieren“ zu müssen.
Das symbolisiert auch die Keramikfigur von Paloma Proudfoot: Indem sie sich ihre eigene Schutzschicht näht, verbirgt sie ihre Verletzlichkeit hinter einem Panzer. Doch das Zusammennähen steht auch für die Forderung der Gesellschaft sich „zusammenzureißen“. Ob der Kokon der Figur letztlich Schutz bietet oder sie sich selbst die Luft abschnürt, bleibt offen.

Die Ausstellung zeigt, wie mit der Trauer weltweit umgegangen wird
Die Ausstellungsmacherinnen verweisen auf die Psychologin Pauline Boss, einstige Professorin der Universität Minnesota. Boss hat jahrelang zu Verlusterfahrungen geforscht – mit dem Ergebnis, dass Trauer als Prozess zu verstehen sei, der nie vollständig abgeschlossen werden könne. „Doch können wir lernen, Trauer nicht als Ende, sondern als Veränderung zu begreifen“, beschreibt Kuratorin Kaddu-Mulindwa den Ansatz von Trauerforscherin Boss. Ziel der Ausstellung sei es, „nach diesem Vorbild einen Raum für die Ambivalenzen von Trauer zu schaffen“.
Ausgangspunkt für die Installation der schwedisch-zypriotischen Künstlerin Melanie Wiksell sind Trauerrituale. Mit Nelken gespickte Zitronen, die sie auf einem Tisch drapiert hat, stehen für einen in Dänemark, aber auch in Deutschland üblichen Brauch, den Verstorbenen diese Frucht in die Hand zu legen. Davor steht ein Eimer mit einem Gemisch aus Weizen und Kohlepigmenten. Die Künstlerin hat es nach einem Rezept aus dem 19. Jahrhundert angerührt. An der schwedischen Westküste wurden damals Särge damit angemalt. Eine Holzkiste mit Weizenkörnern gehört ebenfalls zur Installation – ein Hinweis darauf, dass in Schweden Weizen zentraler Bestandteil vieler Trauerspeisen ist.
Den eigenen Trauerprozess stellt Mazen Khaddaj in den Mittelpunkt seiner Videoperformance. Er versucht, den Tod seines an Covid verstorbenen Vaters zu verarbeiten, indem er sich nützlich machen will – und Kartoffeln schält. Nackt hockt er in einem gefliesten Raum und schält in rasantem Tempo, wobei er sich selbst verletzt und zu bluten beginnt. Der Ausstellungstext bietet eine Interpretation an: „Er trägt nicht nur Schicht um Schicht von den Kartoffeln ab, sondern häutet sich selber und legt dabei die Schichten seiner Verzweiflung und Verletzlichkeit frei.“ Zudem wird erläutert, warum die Verzweiflung so groß ist: Unter dem Einfluss seiner konservativen libanesisch-drusischen Erziehung hatte Khaddaj dem religiösen Vater nie seine Homosexualität gestehen können.
Arbeiten setzen Zeichen der Hoffnung
Auch bei der Fotografin Claudia Reinhardt war der Tod eines Elternteils, ihrer Mutter, der Auslöser, sich künstlerisch mit dem Tod zu beschäftigen. Über Jahre fotografierte sie Wohnungen von Witwen, ohne dabei aber die Frauen selbst abzulichten. Fotografiert hat sie einzelne Zimmer und Gegenstände – ein ordentlich gemachtes Bett, ein gerahmtes Foto auf einer Kommode, vier Kleiderhaken, von denen zwei leer bleiben. Entstanden sind Bilder, die eindrücklich die Einsamkeit der Witwen verbildlichen.
Bedrückend wirkt das fast 37 Minuten lange Video von Nadine Byrne, in dem Frauen mittels Ritualen gemeinsam trauern. In einer Szene tragen sie Kleider mit einem Loch im Brustbereich, durch das sie ein nicht enden wollendes schwarzes Stoffband ziehen und einander weiterreichen. Die Kleider und Bänder hängen auch im Ausstellungsraum.
Trotz der Schwere des Themas macht die Ausstellung zwar nachdenklich, aber nicht traurig. Denn sie setzt auch Zeichen der Hoffnung – mit dem Regenbogen im Gemälde von Cecilia Granara beispielsweise oder den Trost spendenden Vögeln in der Installation von Aneh Ondare.
„In Watte und Nadeln – Konturen von Trauer“ Galerie im Körnerpark, Schierker Str. 8, Neukölln, tgl. 10–20 Uhr, Eintritt frei, bis 18. Mai, www.galerie-im-koernerpark.de


