Berlin-Neukölln

Illegales Riesenplakat: Hüllen am Dunkel-Haus sind gefallen

| Lesedauer: 5 Minuten
Victoria Atanasov
Für mehrere Tage war ein  Wohnhaus in der Neuköllner Sonnenallee, direkt am Hermannplatz, mit einem Werbeplakat verhüllt.

Für mehrere Tage war ein Wohnhaus in der Neuköllner Sonnenallee, direkt am Hermannplatz, mit einem Werbeplakat verhüllt.

Foto: Victoria Atanasov

Ein Riesenplakat an einem Wohnhaus am Hermannplatz sorgte für dunkle Wohnungen – für Politiker ein „absoluter Skandal“.

Berlin. Bei der Familie Glaser-Weis war es bis Dienstagvormittag ziemlich dunkel. Das Paar wohnt mit seinem vierjährigen Kind ganz oben an der Sonnenallee 7. Normalerweise ist ihre Wohnung sonnendurchflutet, doch seit letztem Dienstag gab es kein natürliches Sonnenlicht mehr.

Als die Bewohner vor wenigen Tagen morgens aufwachten, begrüßte sie nicht mehr die Sonne durch die Fenster, sondern die Rückseite eines Werbeplakats: „Sorry, Katzen. Auch Technik hat mehrere Leben”, warb darauf das Elektronik-Unternehmen Backmarket. Nachts dagegen sorgte das grelle Licht der Reklame für Beleuchtung in der Wohnung.

Für mehrere Tage war das Wohnhaus in der Neuköllner Sonnenallee, direkt am Hermannplatz, mit einem Werbeplakat verhüllt. Die Außenfassade war von drei Seiten komplett plakatiert. Weil sie ganz oben wohnen, hatte die Familie an sonnigen Tagen immerhin noch etwas Licht. Dennoch schränkte sie das Werbeplakat in ihrer Wohnsituation ein: „Es ist einfach Stress”, sagt Sadie. Kornelius ergänzt: „Das Blöde ist, man weiß einfach nicht, wie lange es so dunkel bleibt. Auf Dauer ist so ein Plakat einfach deprimierend. Vor allem, weil man im Winter viel zu Hause ist und dann die ganze Zeit kein Licht sieht. Insofern sofern schränkt es das Leben ein.”

Mieter kritisieren mangelnde Kommunikation des Eigentümers

Kornelius Glaser kritisiert vor allem die mangelnde Kommunikation seitens des Vermieters. Trotz eines allgemeinen Informationsschreibens habe jede Information darüber gefehlt, dass die Wohnungen abgedunkelt und welche konkreten Baumaßnahmen unternommen würden. Auch ein Hinweis auf die Dauer fehlte. Sie hätten Verständnis für Baumaßnahmen, es ginge jedoch darum, als Mieter den Stand der Arbeiten zu erfahren: „Wir wollen einfach nur, dass mit uns kommuniziert wird.”

Außerdem machten sich Bewohner und Bewohnerinnen des Hauses Sorgen darüber, dass die lichtundurchlässige Plane Einbrüche erleichtern könnten: „Du kommst super leicht aufs Gerüst und von außen sieht man ja nichts”, sagt Kornelius. Auch eine direkte Brandbekämpfung sei nicht mehr möglich.

Sadie Weis wendet sich mit einem Instagram-Beitrag an die Öffentlichkeit. Bewohnerinnen und Bewohner des Hauses kontaktierten die Werbefirma, das Ordnungsamt, Anwälte und den Eigentümer selbst.

Bezirksamt Neukölln: Werbung ist illegal

Die Reaktion kam rasch: Die Neuköllner Ordnungsstadträtin Sarah Nagel (Linke) bezeichnete die Verhüllung auf Twitter als „absoluten Skandal” und nimmt Anteil mit der Bewohnerschaft: „Für die Mieter:innen eine schlimme Situation. Ich werde mich dafür einsetzen, dass das Bezirksamt schnell handelt.”

Auch Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) meldete sich auf Twitter zu Wort und teilte mit, die Werbeplakatierung sei nicht genehmigt und somit illegal. Das Straßen- und Grünflächenamt sowie das Ordnungsamt seien bereits informiert. Der Anwalt und Bezirksverordnete von Friedrichshain-Kreuzberg, Moheb Shafaqyar, forderte auf Twitter, schnell zu handeln, denn „diese Masche hat schon Schule gemacht in der Stadt, man kalkuliert sich Gewinne ein für die illegale Zeit, in der aufgestellt bleibt.”

Der Eigentümer aber selbst reagierte nicht auf ein Schreiben der Mieterinnen und Mieter, in dem sie unter anderem fordern, das Werbeplakat abnehmen zu lassen.

Eigentümer: Vom Bezirksamt gab es ein Okay am Telefon

Auf Anfrage der Berliner Morgenpost rechtfertigte sich die Eigentümer. Es handle sich lediglich um die Vorderseite des Hauses, für die es keine Werbegenehmigung gibt. Bei einem Telefonat mit zwei Mitarbeitern des Ordnungsamtes sei signalisiert worden, dass die Werbung okay sei. Nach Rückfrage der Morgenpost beim Amt wurden die Gespräche jedoch nicht bestätigt.

Grund für die Plane seien notwendige Sanierungen wegen gerissener Balkon-Kanten: „Sobald der nächste Frost kommt, drohen die Balkonträger wegzubrechen”, heißt es von Seiten des Eigentümers. Deshalb brauche es die Plane, um die Fußgänger vor herabfallenden Steinstücken zu schützen.

Balkone müssen saniert werden

Auch für die Mieter mit Balkonen bestehe ein gewisses Risiko, da die Balkonböden und Einfassungen nicht mehr sicher seien: „Wenn ich keinen Schutz habe, fallen die herausgebrochenen Stücke herunter”, und das könne auch tödlich enden. Eine dickere Plane sei bei den winterlichen Temperaturen zudem notwendig, um gegen den Frost zu schützen. Man habe die Baumaßnahmen extra in den Winter gelegt, wo es in Berlin eh dunkel ist. Wie lange die Baumaßnahmen durchgeführt werden sollen, bleibt dagegen unklar. Das komme auf die Baumaßnahme an, zwei bis vier Wochen werde es aber dauern, heißt es. Immerhin wurden die Lichter der Reklame abgestellt, die nachts die Wohnungen beleuchteten.

Laut Bezirksamt wurde am Montag eine Beseitigungsanordnung per Post und E-Mail an die Eigentümer geschickt: „Nach der förmlichen Zustellung hat das verantwortliche Unternehmen eine Frist von einer Woche zur Beseitigung”, andernfalls drohten 25.000 Euro Zwangsgeld.

Die Beseitigungsanordnung zeigte prompt Wirkung: Am Dienstagmorgen wurde damit begonnen, das Werbeplakat abzunehmen. Genau eine Woche verdunkelte es die Wohnungen der Anwohnerinnen und Anwohner.

Der Pressesprecher des Bezirksamts Neukölln bestätigte am Dienstagmorgen der Morgenpost, dass der von den Eigentümern eingereichte Antrag auf Sondernutzung als Werbefläche von der Sondernutzungsbehörde geprüft und abgelehnt wurde.

Bezirksstadträtin Sarah Nagel (Linke) jubelt auf Twitter und dankt unter anderem dem Straßen- und Grünflächenamt für das schnelle Handeln.

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