Corona-Pandemie

Partys in der Hasenheide: Ein Club trotz Corona

Auf einer kleinen Lichtung in der Hasenheide trifft sich die Berliner Subkultur. Was passiert dort wirklich?

Nach einem Fernsehbericht sind die illegalen Partys in einem Bereich der Hasenheide im Fokus der Öffentlichkeit.

Nach einem Fernsehbericht sind die illegalen Partys in einem Bereich der Hasenheide im Fokus der Öffentlichkeit.

Foto: Abendschau Screenshot

Berlin. Lalo G. stellt zunächst klar, dass er niemanden beleidigen oder angreifen wolle, mit dem, worüber er schreiben möchte. „Aber ich habe lang genug in Berlin gelebt, und das gibt mir das Recht, hier zumindest meine Meinung zu äußern.“ Dann schreibt der Künstler aus Venezuela in einem auffallend eloquenten Stil, was ihn ärgert: Die Hasenheide war lange Zeit ein Ort für ihn gewesen, wo er seine Freizeit verbringen, Ruhe finden und – manchmal in den Büschen jemanden unverbindlich kennenlernen konnte. „Mit den vielen jungen Menschen, die jetzt dazukamen, ist etwas Wichtiges in Gefahr: Es ist auch kein sicherer Ort mehr.“ Lalo G. hat seinen „safe space“ verloren.

Nun ist es zunächst verwunderlich, dass jemand ausgerechnet in einem Park, der seit Jahren für Drogenkriminalität und damit zusammenhängende Gewaltdelikte bekannt ist, einen „safe space“ für sich findet. Aber diese Ecke des Parks, eine Wiese südlich der Rixdorfer Höhe, war bis zum Beginn des Sommers ein Ort, wo Männer und Frauen, sich sämtlicher Kleidung entledigt, in der Sonne baden konnten. Ein Vergnügen, das auch in Corona-Zeiten als sicher gilt, wenn auf Abstand geachtet wurde. Umgeben ist die Wiese von einem ausgedehnten Waldstück, das von Trampelpfaden labyrinthartig durchzogen ist. Der Drogenhandel findet in anderen Teilen des Parks statt.

Seit einigen Wochen hat sich in diesem Teil von Freitag bis Sonntag allerdings das entwickelt, was viele schon „Berlins neuesten Club“ nennen. Hunderte Menschen sitzen auf mitgebrachten Decken, trinken mitgebrachten Alkohol, rauchen mitgebrachte Joints oder legen weißes Pulver auf ihren iPhones in Linien und lassen dieses Telefon in der Runde kreisen. Allein, dass sie das zum Teil auch nackt tun, erinnert an den früheren „safe space“, den diese Wiese einmal ausmachte. Jetzt allerdings dröhnt von jeder Decke eine andere Form von House-Musik, und abends drängen Hunderte in die Trampelpfade und folgen der Musik, die dort von irgendeiner kleinen Lichtung kommt.

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Illegale Partys in der Hasenheide: Als ein DJ auftrat, kam Partystimmung auf

Edin sitzt am Donnerstag dieser Woche in diesem Park mit drei Spaniern auf einer Decke, die er soeben erst kennen gelernt hat. „Wo soll ich denn sonst hin?“, fragt der 28-Jährige. „Es ist Sommer, alle Festivals sind abgesagt, die Kinos noch geschossen. Ich bin froh, wenigstens hier neue Leute kennen lernen zu können.“ Jesús, der neben ihm sitzt, sagt, dass das hier sein zweiter Berlin-Sommer sein sollte. „Aber es ist alles geschlossen, und wir wissen noch nicht, wann die Clubs wieder öffnen werden.“ Als vor drei Wochen zum ersten Mal hier ein DJ auftrat, kam wirklich Partystimmung auf.

Das allerdings brachte die Polizei auf den Plan, seitdem sind solche Veranstaltungen verboten. Auch an diesem Wochenende will die Polizei einschreiten, sollten die Abstandsregeln nicht eingehalten werden. „Wir waren vor Ort und mussten die Party beenden“, sagt ein Polizeisprecher, „vor allem wegen der Abstandsregeln und der lauten Musik.“ Anwohner hatten sich beschwert. „Aber nach unseren Erfahrungen haben sich die Feiernden in der Hasenheide ruhig verhalten und sind unseren Anweisungen gefolgt.“

Mehr Probleme hatten die Beamten mit illegalen Partys im Mauerpark und im neuen Park am Gleisdreieck. „Dort wurden Kollegen zum Teil mit Flaschen beworfen.“

TV-Bericht brachte Park in den Fokus der Öffentlichkeit

Doch nach einem Bericht des Rundfunks Berlin-Brandenburgs (RBB) vor einer Woche über die illegalen Partys in der Hasenheide ist vor allem dieser Park nun im Fokus der Öffentlichkeit. Dabei sind die Drogen, die von den Feiernden konsumiert werden, für die Polizei derzeit nicht sichtbar. „Ich gehe mal davon aus“, so der Sprecher, „dass, wenn unsere Kollegen mit einem Polizeiwagen auf den Platz fahren, niemand offen Drogen konsumiert.“ Wenn es ihnen aber doch auffallen sollte, würden sie einschreiten.

Die Hasenheide ist nicht der einzige Ort, an dem Drogenhandel und -konsum sichtbar sind. Im Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg sind Görlitzer Park, Kottbusser Tor und die Gegend um das RAW-Gelände im Fokus der Polizei. Der Drogenhandel in der Hasenheide sei „weniger bedeutsam“, heißt es. Dort konzentriere sich der Handel auf Cannabis. Käufer sind Menschen aus der Umgebung. Im Vergleich zum Görlitzer Park, wo die Behörden von 80 bis 120 Händlern ausgehen, sei in der Hasenheide rund ein Drittel tätig.

Begleitkriminalität ist in dieser Grünanlage geringer

Ein wesentlicher Unterschied zu den umliegenden Drogenschwerpunkten ist die Gewaltsituation. Während etwa in und um den Görlitzer Park die Zahl schwerer Körperverletzungen in den ersten fünf Monaten 2019 im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent stieg, die Raubtaten gar um 30 Prozent, ist Begleitkriminalität dieses Ausmaßes in der Hasenheide laut Polizei nicht zu beobachten.

Und so bietet die Hasenheide, und speziell diese kleine Wiese südlich der Rixdorfer Höhe, schlicht einen guten Ort, um geschützt vor zu viel Blicken zu feiern. Auch an diesem Wochenende will Edin wieder dorthin gehen, obwohl er schon am Donnerstagabend hier war. Er sagt: „Ich bin gerade auf Kurzarbeit und habe vielleicht auch zu viel Zeit.“