Neukölln

Corona in Mietskasernen - Quarantäne für 369 Haushalte

Nach mehreren Corona-Fällen in 13 Häusern greift der Berliner Bezirk Neukölln zu drastischen Maßnahmen.

Das betroffene Haus an der Harzer Ecke Treptower Straße in Neukölln.

Das betroffene Haus an der Harzer Ecke Treptower Straße in Neukölln.

Foto: Getty

  • Ein Corona-Ausbruch in mehreren Wohnblöcken alarmiert die Neuköllner Behörden.
  • 13 Häuser an sieben Standorten wurden unter Quarantäne gestellt, betroffen sind 369 Haushalte. Einige Tausend Bewohner könnten von der Quarantäne betroffen sein.
  • Wenn der Bezirk Neukölln von Quarantäne-Brechern erfahre, will er diese gezielt ansprechen - auch mit Nachdruck und gegebenenfalls mit Hilfe der Polizei.
  • Ein Amtsarzt sieht keine Gefahr einer Ausbreitung auf ganz Berlin.

Berlin. Die neuesten Corona-Zahlen aus Neukölln setzen das Bezirksamt unter Druck, so viel ist klar. Auch der Berliner Senat beschäftigt sich bereits intensiv damit. Fakt ist: An sieben Standorten im Bezirk wurden 13 Wohnhäuser unter Quarantäne gestellt – bislang wurden dort 70 Menschen, vornehmlich mit rumänischer Staatsbürgerschaft, positiv auf das Coronavirus getestet, wie Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) dem rbb am Mittwochmorgen sagte. Am Vortag hatte die Zahl noch bei 57 gelegen.

Am Donnerstag stieg die Zahl der Corona-Infektionen in den unter Quarantäne gestellten Wohnblöcken weiter an. Dem Ausbruch werden nun 85 Fälle zugerechnet, wie der Bezirk am Donnerstagnachmittag mitteilte. Das sind 15 Fälle mehr als am Vortag bekannt waren. Unter den Infizierten seien 36 Kinder und Jugendliche, hieß es. 75 Kisten mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln seien zur Versorgung erster Haushalte verteilt worden.

In einem Interview mit "Spiegel Online" am Mittwoch zeigte sich Hikel sehr besorgt über die vielen Neuinfektionen. In Neukölln zeige sich gerade, „dass die Pandemie äußerst ernst zu nehmen ist“, das Virus sei immer noch hochansteckend, sagte Hikel. „Und noch wissen wir nicht, wo das Ende der Fahnenstange ist.“

Coronavirus in Neukölln: Drei Schulkinder waren positiv getestet worden

Menschen aus insgesamt 369 Haushalten, in denen jeweils bis zu zehn Personen leben, dürfen für 14 Tage ihre Wohnungen nicht verlassen. Alle müssen getestet werden. Personell sei das Bezirksamt dafür immerhin gut gewappnet, erklärte Stadtrat Falko Liecke (CDU), zuständig für den Bereich Gesundheit in Neukölln am Dienstag. Mit dem Corona-Abstrich-Zentrum (CAZ) am Estrel-Hotel könne man „quasi wie am Fließband“ von morgens bis abends Abstriche machen.

In den Fokus gelangte das hohe Aufkommen am 5. Juni, so Liecke, als drei Schulkinder aus zwei Schulen positiv getestet worden waren – sie stammten alle aus demselben Umfeld. Mittlerweile sind zehn Schulen in Neukölln betroffen, die jeweiligen Lerngruppen wurden unter Quarantäne gestellt. Geschlossen würden die Schulen nicht, bestätigte Liecke auf Nachfrage. Über die Standorte sagte er: „Die betroffenen Häuser sind zum Teil sehr groß, sie reichen über mehrere Straßenzüge. Öffentlich bekannt geworden sind davon zwei.“

Gemeint sind die Standorte Harzer Straße und Treptower Straße im Harzer Kiez. Dort gibt es die meisten der bislang bestätigten neuen Corona-Fälle – 130 Wohneinheiten vermietet der Hausverwalter, die Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft, dort nach Aussage aus dem Bezirksamt.

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Quarantäne in Neukölln: Freiwillige Helfer erklären die Hygieneregeln

Den Blick auf die Menschen richtete Bezirksbürgermeister Hikel bei einer Pressekonferenz im Neuköllner Rathaus, zu der auch viele Fernsehteams anrückten. Es sei eine schwierige Situation für die Familien, die größtenteils in beengten Verhältnissen wohnten, so Hikel. Sprachmittler seien im Einsatz, die übersetzen müssten. Sozialarbeiter seien vor Ort, soziale Träger, Integrationslotsen. Man wolle aufklären, für Verständnis sorgen, auch über die Wichtigkeit von Hygieneregeln. In den besagten Mietshäusern herrsche Armut vor. Hikel formulierte: „Dieses Virus hat in den Skigebieten begonnen und ist jetzt in den Mietskasernen angekommen.“ Froh sei er über das Engagement verschiedener Ehrenamtlicher wie dem THW und dem Neuköllner Engagement-Zentrum. Und eine Bitte richtete er auch an die Medien: „Videobilder vor Ort führen zu einer Beunruhigung seitens der Betroffenen. Bitte verzichten Sie darauf, Interviews mit Anwohnern vor Ort zu führen.“

Die Quarantäne sei „nichts Schönes“, so Hikel, sie müsse von den Menschen jetzt ertragen werden. Und sie müsse natürlich umgesetzt werden – grundsätzlich vertraue das Bezirksamt aber auf die Einsicht der Menschen. „Quarantäne ist ja keine unverbindliche Empfehlung“, sagte Hikel. Sondern eine behördliche Anordnung, die besagt: Aus Gründen des Infektionsschutzes darf niemand das Haus verlassen. Wer das doch tue, den wolle das Bezirksamt gezielt ansprechen. Man werde insbesondere auf Hinweise reagieren, so Hikel.

Corona in Neukölln: Polizisten als letzte Eskalationsstufe

Erst als letzte Eskalationsstufe würden Polizisten eingesetzt. Und dies auch nur auf den Einzelfall bezogen. Deutschland sei kein Polizeistaat, betonte der Bürgermeister, „und es ist nicht unser Wunsch, die Quarantäne mit Zwang durchzusetzen“. Durchgesetzt wurden solche Maßnahmen in Neukölln in der Vergangenheit auch schon in anderen Kontexten. „Diese Möglichkeit ist aber das letzte Mittel“, untermauerte Hikel.

Ob es ein infizierter Pfarrer aus der rumänischen Kirchengemeinde war, der das Virus um Pfingsten herum weitergegeben haben könnte? Ein bislang unbewiesener Hinweis. Zum Ursprung der gehäuften Neuinfektionen lasse sich Hikel zufolge „nichts Eindeutiges sagen“. „Wir müssen nach vorne schauen, und alle Bewohner müssen getestet werden“, so der Verwaltungschef.

Zu den Verläufen äußerte sich Amtsarzt Nicolai Savaskan: Ein Fall werde derzeit stationär behandelt. „Die meisten Verläufe sind bislang milde bis asymptomatisch“, so der Mediziner. Ein weiterer Verlauf sei „etwas stärker als milde“ einzustufen. Für die Corona-Ampel sei noch nichts zu befürchten, sagte Savaskan. Denn die springt nur um bei 50 positiven Fällen auf 100.000 Einwohner – bezogen auf sieben Tage. In Neukölln stehen jetzt zwar besagte 57 Fälle zu Buche. Diese lägen aber zeitlich mehr als sieben Tage auseinander, erklärte Savaskan.

Nur Spandau und Mitte sind Liecke als Bezirke in Berlin bekannt, in denen bisher Häuser unter Quarantäne gestellt wurden. Dass die Zahlen in Neukölln in nächster Zeit weiter steigen, davon geht der Stadtrat aus. Besonders die Kontaktverfolgung müsse man im Blick behalten, um das Infektionsgeschehen weiter eindämmen zu können.

Bewohner der Häuser werden mit Hilfspaketen versorgt

Erste Bewohner der unter Quarantäne gestellten Häuser in Berlin-Neukölln werden mit Hilfspaketen versorgt. Das Technische Hilfswerk habe Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs eingekauft und gepackt, sagte ein Bezirkssprecher am Mittwoch auf Anfrage. Die Pakete sollten am größten der betroffenen Standorte ausgegeben werden.

Ob es bei dem Ausbruch möglicherweise Verbindungen in andere Städte gibt, sei frühzeitig geprüft worden, schilderte der Sprecher. Der Bezirk habe darüber keine Erkenntnisse. In Magdeburg waren nach Corona-Fällen Vermutungen über einen Bezug zum Berliner Ausbruch angestellt worden.

Amtsarzt sieht nicht die Gefahr einer Ausbreitung auf ganz Berlin

Aus Sicht eines Berliner Amtsarztes stellt der Ausbruch in Neukölln eher kein Risiko für die Allgemeinbevölkerung dar. Trotz Querverbindungen in andere Bezirke sei die Wahrscheinlichkeit, dass ein berlinweites Problem entstehe, „nicht besonders groß“, sagte der Leiter des Gesundheitsamts Reinickendorf, Patrick Larscheid, am Mittwoch im RBB-Inforadio. Er begründete dies auch mit den Erfahrungen von den Ausbrüchen in Fleischzerlegebetrieben in anderen Bundesländern: Die Betroffenen dort hätten so abgeschottet gelebt, dass das Virus nicht übergeschwappt sei - ähnlich scheine es auch aktuell in Berlin zu sein. In Reinickendorf gibt es Corona-Fälle, bei denen Bezüge nach Neukölln vermutet werden.

Die vom Ausbruch betroffenen Gruppen seien sehr arme und zum großen Teil auch bildungsferne Menschen, die „uns sehr vertraut sind im Gesundheitsamt“, sagte Amtsarzt Larscheid im Inforadio. Sie seien schwer zu schützen. Manchen könne man die grundlegenden Dinge im Infektionsgeschehen nicht klar machen. „Das ist die reale Arbeit in den Gesundheitsämtern, damit kämpfen wir und dem stehen wir auch ein bisschen ratlos gegenüber hier und da“, sagte Larscheid.