Coronavirus in Berlin

Corona-Ausbruch: Wohnblock in Neukölln unter Quarantäne

In einem Neuköllner Wohnblock sind viele Menschen an dem Coronavirus erkrankt. Dort leben überwiegend Roma-Familien.

Die Bewohner des Hauses Harzer Straße Ecke Treptower Straße dürfen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen.

Die Bewohner des Hauses Harzer Straße Ecke Treptower Straße dürfen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE FotoServices

Berlin. In einem Neuköllner Wohnblock an der Harzer Straße Ecke Treptower Straße haben sich zahlreiche Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Wie Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) und Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) am Dienstag auf einer Pressekonferenz sagten, sei noch unklar, wie viele Menschen tatsächlich in dem großen Wohnblock leben würden.

Die aktuelle Information des Hauseigentümers besage, dass es 130 Mietverhältnisse gebe, es sei aber unklar, wie viele Menschen in jedem Haushalt leben würden. Laut Liecke könnten das eine bis zu zehn oder mehr sein. "Eine Gesamtzahl lässt sich valide nicht sagen."

Insgesamt gibt es sieben Standorte im Bezirk, die von Corona betroffen sind, mit insgesamt 369 Haushalten. Die Harzer Straße sei ein Standort, so Liecke, die Treptower Straße sei ein weiterer Standort, alle anderen würden nicht kommuniziert. An allen Standorten seien inzwischen 57 Fälle bekannt geworden. insgesamt habe man bislang 265 Testungen vorgenommen und werde die ganze Woche weitertesten, bis man alle erreicht habe.

"Wichtig ist uns, dass wir in mehreren Stufen vorgehen, was die Einhaltung der Quarantäne angeht", sagte Liecke. Grundsätzlich sei die Quarantäne keine unverbindliche Empfehlung, sondern ein Verwaltungsakt, der dazu verpflichte, Wohnungen nicht zu verlassen. In der ersten Stufe gehe man informativ und beratend auf die Menschen zu, um ihnen deutlich zu machen, warum die Quarantäne wichtig sei. Dazu seien auch Sprachmittler im Einsatz. Hikel: "Darunter sind viele Menschen, die Deutsch schlecht verstehen, das macht es ziemlich kompliziert."

Sollte es Hinweise auf Quarantänebrecher geben, "werden wir mit einer strengeren Ansage - einer normenverdeutlichenden Ansprache - deutlich machen, was die rechtliche Konsequnez sein kann", so Liecke weiter. Erst in der dritten Stufe werde man die Polizei um Amtshilfe bitten. Man könne Quarantäne auch per Zwang durchsetzen. Das sei aber das allerletzte Mittel. Bislang setze man auf Überzeugen und Vermitteln.

Aufgefallen seien die Infektionen am Freitag, 5. Juni. An diesem Tag habe man die Information über drei positiv getestete Schüler von zwei Schulen bekommen und bei der Kontaktverfolgung festgestellt, dass alle Kinder an einem Standort wohnen. Darauf habe man sich entschieden weitere Abstriche vorzunehmen. Erst seien 39 Menschen positiv getestet worden, vergangenen Freitag seien 13 weitere hinzugekommen. Jetzt sei man bei 57 an allen sieben Standorten. Der Gesundheitsstadtrat rechnet mit weiteren Fällen, da man weiter teste, die Tests aber immer ein bis drei Tage bräuchten, bis ein Ergebnis vorliege.

Insgesamt seien 13 Schüler in Quarantäne, fünf aber auch schon wieder aus der Quarantäne raus. Bei den 57 Fällen gebe es einige, die schon wieder aus der Quarantäne raus seien.

Corona in Neukölln: Mieter werden nach und nach getestet

Das Mietshaus an der Harzer Ecke Treptower Straße ist nach Aussage des Stadtrats hauptsächlich von Roma-Familien bewohnt. „Die Lage hatte sich in der letzten Woche zugespitzt“, ergänzte er am Montag. Einzelne Schulkinder, die mit ihren Familien in dem Eckgebäude leben, waren positiv getestet worden. „Um vorzubeugen, haben wir beschlossen, dass wir nicht die Schulen, sondern die Hauseingänge dichtmachen“, so Liecke. Grund sei, dass die Kinder sonst im öffentlichen Straßenraum und auf den Spielplätzen präsent gewesen und so weitere Ansteckungen möglich gewesen wären.

Der Schwerpunkt der Betroffenen liege „auf der Roma-Community“, sagte er. Dem Bezirksamt sei von Betroffenen Antiziganismus vorgeworfen worden – doch das weist der Stadtrat zurück. „Wir testen nicht nur rumänische, sondern genauso auch deutsche oder arabische Leute, die dort wohnen“, machte er deutlich.

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Stimmung gegenüber Journalisten aggressiv

Dass sich viele Mieter diskriminiert fühlten, machten sie am Montag von den Balkonen ihres Hauses aus deutlich, auf denen sie sich am Nachmittag versammelten. Die Medien würden sie brandmarken, sich nur darauf stürzen, dass sie „Rumänen“ seien. „Was soll das, warum berichten Sie so über uns? Wir sind ganz normale Menschen“, rief eine Frau. Die Stimmung gegenüber Journalisten kochte über, es hagelte Beleidigungen – und mehrere rohe Eier, die aus den oberen Stockwerken auf den Gehweg flogen.

Ahmed, der an einem Kiosk gegenüber arbeitet, sagte, er könne die Wut der Bewohner nachvollziehen. Dass alle Mieter in Quarantäne bleiben müssen, auch die Nicht-Infizierten, findet er „sehr unfair“. Auch er beschwert sich über Medienberichte. „Es wird zu viel auf die Rumänen gezeigt“, meinte der junge Mann. Er kenne viele Bewohner des Hauses – sie versorgten sich auch bei ihm im Kiosk. „Jetzt können sie erstmal nicht mehr herkommen“, kritisierte er. Das Problem der Versorgungslage sieht auch Liecke. Nachbarschaftsangebote und Ehrenamtliche würden versuchen, Lebensmittel einzukaufen und die Versorgung zu organisieren.

Mieter leben in beengten Verhältnissen, sagt der Stadtrat

Der Stadtrat weiß auch: Für die Mieter sind die zwei Wochen Quarantäne, die angeordnet sind – bei zurzeit schönstem Sommerwetter – „eine echte Katastrophe“. Es gebe in dem Haus sechs-, sieben- oder achtköpfige Familien, die in extrem beengten Verhältnissen lebten und nun 14 Tage nicht vor die Tür gehen dürften. Das Bezirksamt prüfe daher, die Hinterhofbereiche freizugeben. „Sonst werden die Kinder ja verrückt.“

Die Inzidenz (Fälle je 100.000 Einwohner) liegt mit 259,8 in Neukölln besonders hoch, nur in Mitte ist die Zahl etwas höher. Liecke untermauerte: „Das ist eine Auffälligkeit, der wir nachgehen und versuchen, das so schnell wie möglich einzudämmen. Wir können bei diesem hohen Infektionsgeschehen nicht tatenlos zugucken.“ Das bedeute, dass das Bezirksamt für die Einhaltung der Quarantäne sorgen müsse. Was schwierig werden dürfte. „Die Überprüfung der Quarantäne ist ein Knackpunkt“, so Liecke. Er sieht in dem betreffenden Umfeld eine „geballte Problemlage“.

Insgesamt gestalte sich die Kommunikation problematisch. „Es ist schwierig bei dieser Bevölkerungsgruppe“, räumte der Stadtrat ein. Viele seien nicht deutschsprachig und auch „bildungsmäßig nicht auf dem Stand, dass sie alle medizinischen Informationen verstehen können“. Man habe daher auch Sprachmittler im Einsatz, die übersetzen. „Wir klingeln, wir versuchen zu erklären, aber es ist eine Riesenherausforderung für unser Team.“ Rund 120 Leute kümmern sich derzeit um die Corona-Belange in Neukölln: 90 Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, dazu Kollegen aus dem medizinischen Dienst der Krankenkassen sowie fünf Bundeswehrsoldaten.

Wird Wachschutz an den Eingängen eingesetzt?

Bisher sind die Hauseingänge in dem Wohnblock an der Harzer Straße unbewacht. Ob sich alle Bewohner an die Quarantäne halten? Am Montag zumindest war der Gehweg vor den Wohnhäusern menschenleer, ebenso der direkt gegenüber liegende Spielplatz. „Sonst ist um diese Zeit alles voll“, sagte Ahmed vom Kiosk, der jeden Tag hier ist.