Mobbing

Neukölln verbannt Anti-Mobbing-Trainer Carsten Stahl

Das Neuköllner Bezirksamt beendet die Zusammenarbeit mit dem Camp Stahl. Nun ist darüber ein erbitterter Streit entbrannt.

Die Arbeitsweise des Anti-Mobbing-Trainers Carsten Stahl ist nicht unumstritten.

Die Arbeitsweise des Anti-Mobbing-Trainers Carsten Stahl ist nicht unumstritten.

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Welche Dimension die Debatte um das „Camp Stahl“ in Neukölln mittlerweile angenommen hat, sieht man unter einem Facebook-Post der SPD-Politikerin Mirjam Blumenthal vom 21. März dieses Jahres. Unter dem Beitrag, in dem sie ankündigt, dass der Jugendhilfeausschuss sich mit großer Mehrheit gegen die weitere Zusammenarbeitarbeit des Bezirksamtes mit „Camp Stahl“ ausgesprochen hat, sind mittlerweile mehr als 1000 Kommentare aufgelaufen. Viele davon in den letzten Tagen. Ein Großteil beleidigend im Ton.

Um was geht es? Das „Camp Stahl“ ist eine Erfindung des bekannten Anti-Mobbing-Trainers Carsten Stahl (47), der auch aus Neukölln stammt. Stahl, über den die New-York-Times in einem großen Report schon wohlwollend berichtete, ruft zum Kampf gegen Mobbing auf. Seine Methoden sind aber nicht unumstritten. Zu heftig im Ton, sagen seine Kritiker. Genau richtig, um Jugendliche zu erreichen, die kein anderer mehr erreicht, sagen seine Unterstützer wie der Neuköllner Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU), der sogar Werbung für den Anti-Mobbing-Trainer macht.

Blumenthal ist Fraktionsvorsitzende der SPD in Neukölln. Auf Facebook erklärte sie den Beschluss damit, dass Stahl verbale und physische Erniedrigungen anwende, die so weit gehen würden, dass er Schülern sogar Waffen an den Hals halte. Dabei stützt sich Blumenthal unter anderem auf einen Bericht einer Berliner Boulevardzeitung aus dem Jahr 2015. Darin heißt es: „Er pöbelt, brüllt und zielt sogar mit einer Waffe auf einen Schüler. Um den Jugendlichen zu zeigen: Brutalität ist keine Lösung. Diese Anti-Gewalt-Training der etwas anderen Art fand jetzt in einer Berliner Schule statt.“

Im März, als Blumenthal den Beschluss postete, interessierte das nur wenige Leute. Doch vor wenigen Tagen entdeckte Carsten Stahl den Beitrag und erstatte Strafanzeige gegen Blumenthal. Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost sagte Stahl, dass er nichts von der Entscheidung gewusst habe und er auch nicht angehört worden sei. Er habe nie einem Kind eine Waffe an den Kopf gehalten. In einem Video, das er auf Youtube und Facebook veröffentlichte, greift er Blumenthal direkt an. In dem Video sagt Stahl unter anderem: „Sie werden dafür bezahlen, dass sie Lügen über mich verbreiten.“ Wenig später postete Stahl die Strafanzeige bei Facebook. Darunter schrieb er: „Meine Strafanzeige gegen eine Politikerin aus Berlin, auch für Sie gilt das deutsche Strafrecht, und ich lasse mir nicht alles von euch gefallen, nur weil ihr denkt ihr seit unantastbar und Politiker !!!“.

Nach diesem Beitrag fingen Menschen an, Mirjam Blumenthal zu drohen. Eine Nutzerin schreibt: „Oh, oh, diese gute Frau sollte besser untertauchen“. Ein anderer Nutzer: „Stück Dreck, mehr sind Sie nicht“. Viele der Nachrichten sind in diesem Ton verfasst. Blumenthal, deren Auto schon von Neonazis angezündet wurde und die als SPD-Politikerin seit Jahren Morddrohungen erhält, ist beim Umgang mit Hass-Nachrichten mittlerweile routiniert. „So einen Shitstorm wie jetzt habe ich aber noch nicht erlebt“, sagte Blumenthal.

Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost sagte Carsten Stahl, dass er nicht gewusst habe, dass Mirjam Blumenthal selbst schon massiv bedroht werde und dass ihm das leid tue. Trotzdem gebe ihr das nicht das Recht, ihn öffentlich zu diskreditieren. Für die Kommentare, die sie jetzt bekomme, könne er nichts. Seine Strafanzeige ziehe er zurück, wenn Blumenthal sich bei ihm entschuldige und den Post lösche.

Bürgermeister verurteilt Attacken auf Abgeordnete

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) sagte der Berliner Morgenpost, dass er die persönlichen Angriffe auf Blumenthal verurteile. Das sei nicht hinnehmbar. Zum verbannten „Camp Stahl“ könne er sich nicht äußern. Er kenne weder Carsten Stahl noch seine Arbeit persönlich.

Der Jugendhilfeausschuss wird da deutlicher. Man lehne die Arbeit aus fachlich pädagogischen Gründen ab. In einer Stellungnahme zum Antrag, die der Berliner Morgenpost vorliegt, heißt es: „Die Arbeitsgemeinschaft der freien Träger der Jugendarbeit vertritt die Ansicht, dass Anti-Mobbing-Arbeit nicht nach dem Prinzip ,der Zweck heiligt alle Mittel‘, sondern nach den fachlichen und pädagogischen Standards erfolgen muss.“

Der Konflikt zieht nun immer weitere Kreise. Es geht nicht mehr nur um Neukölln, sondern um Partei-Politik und darum, wie Berlin mit dem Thema Mobbing umgeht. Ein Problem, sagen Experten, sei allerdings, dass Berlin seit ein paar Jahren keine Zahlen zum Thema Mobbing erhebe und das Thema somit nicht fassbar sei. Keiner wisse, wie groß das Problem sei.

Unterstützung bekommt Stahl von CDU-Jugendstadtrat Liecke. „Wir stehen im engen Austausch“, sagte Liecke der Berliner Morgenpost. Stahl komme von der Straße und erreiche mit seiner Art Menschen, die niemand sonst mehr erreiche. „Das Thema Mobbing ist so wichtig, dass man alles probieren muss“, sagte Liecke. Ausgerechnet seine eigenen Fachleute sehen das ganz anders. Und haben mit dem Beschluss Stahl quasi vor die Tür gesetzt. Der Stadtrat Liecke darf den Anti-Mobbing-Trainer nicht mehr einladen. Der Privatmensch Liecke hält das für einen Fehler. Auch deshalb werde er weiter Werbung für Stahl machen. Der Neuköllner Jugendstadtrat ist damit nicht allein. Auch andere Berliner Politiker zeigen sich gern mit Stahl. Darunter etwa der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Marcel Luthe, und der Abgeordnete und ehemalige Berliner CDU-Fraktionschef Florian Graf.

Stahl wirft den Neuköllnern Fachleuten vor, dass die sich nicht mit seiner Arbeit beschäftigen würden. In sechs Jahren sei er in 250 Schulen gewesen und habe mit mehr als 50.000 Schülern gearbeitet. Weltweit seien über ihn Artikel erschienen. „Man kann meine Arbeit blöd finden, aber man muss mit mir reden“, sagte Stahl. Dem Reporter der Berliner Morgenpost schickte er nach dem Telefonat mehr als 100 Nachrichten per Whatsapp mit Videos und Links zu positiven Zeitungsartikeln.