Gesundheitsamt in der Krise

Weitere Einschränkungen im Sozialpsychiatrischen Dienst

Die Krise in Neuköllns Gesundheitsamt spitzt sich zu: Es hat keine Leitung mehr und es gibt nur noch eine Sprechstunde.

Die wöchentliche Dienstags-Sprechstunde im Sozialpsychiatrischen Dienst in Neukölln wird gestrichen.

Die wöchentliche Dienstags-Sprechstunde im Sozialpsychiatrischen Dienst in Neukölln wird gestrichen.

Foto: Marijan Murat / dpa

Berlin. Die Krise im Gesundheitsamt Neukölln spitzt sich weiter zu. Nachdem seit Anfang Juni bereits der Not- und Krisendienst im bezirklichen Sozialpsychiatrischen Dienst (SpD) gestrichen ist, folgt nun die nächste schlechte Nachricht: Ab dem 24. September wird die wöchentliche Dienstagssprechstunde im SpD ausfallen. Damit wird es künftig nur noch eine Sprechstunde pro Woche geben, immer donnerstags zwischen 16 und 18 Uhr. Das teilte nun Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) mit.

Und: „Die Einschränkung gilt bis auf Weiteres.“ Als Grund für den Ausfall der Sprechstunde am Dienstag nannte Liecke die „aktuelle Personalknappheit in der Berufsgruppe der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter“.

Neuköllner Gesundheitsamt ohne Leitung

Außerdem steht das Gesundheitsamt Neukölln seit Kurzem ohne Leitung da. Liecke erklärte gegenüber der Berliner Morgenpost: „Wir haben zwar noch Ärzte im Dienst, aber keinen Leiter des Gesundheitsamtes.“ Bereits Ende Juni war Klaus Morawski, der bisherige Amtsarzt und zugleich Leiter des Gesundheitsamtes, in den Ruhestand gegangen. Auch sein Stellvertreter, Leiter des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes, hörte auf.

Dessen Stelle konnte zwar nachbesetzt werden, doch der Neue an der Spitze des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes habe nicht die Qualifikation zum stellvertretenden Leiter des Gesundheitsamtes, erklärte Liecke weiter.

Vorübergehend habe er auch die Leitung kommissarisch besetzt, allerdings bedürfte es für den Leitungsposten einer speziellen Facharztausbildung. Mit der Ist-Situation ist Liecke jedenfalls merklich unzufrieden: „Wir mussten für die Leitung des Gesundheitsamtes eine Übergangsvariante wählen, so dass diese Aufgabe teilweise erfüllt werden kann – das ist aber keine gute und vor allem keine dauerhafte Lösung.“

Sozialpsychiatrischer Dienst hatte 2018 in Neukölln 644 Notdiensteinsätze

Schon jetzt kann das Gesundheitsamt Neukölln Menschen in akuten Krisen keine Hilfe mehr leisten durch den SpD. Und das, obwohl allein im Jahr 2018 insgesamt 644 Notdiensteinsätze des Sozialpsychiatrischen Dienst in Neukölln gezählt wurden.

Wollen sich Betroffene derzeit hilfesuchend an den SpD wenden, hören sie am Telefon lediglich eine automatische Bandansage. Die Stimme auf dem Anrufbeantworter rät dem Anrufer, ein Fax oder eine E-Mail mit ihrem Anliegen an den SpD zu senden. Außerdem könne man sich an den Berliner Krisendienst oder die Polizei wenden. Eine persönliche Beratung ist nicht möglich.

Rettungskräfte bringen psychisch kranke Menschen direkt ins Krankenhaus

Mit der Streichung des Notdienstes hat Neukölln als erster Bezirk die Reißleine gezogen: Feuerwehr und Polizei müssen nun psychisch kranke Menschen direkt ins Krankenhaus in die Psychiatrie bringen. Dort werden sie dann spätestens bis zum Ablauf des darauffolgenden Tages von Ärzten des SpD begutachtet.

„Vorrang hat die Begutachtung von stationär aufgenommenen Patienten im Klinikum Neukölln, da es dort um die Beurteilung der Erforderlichkeit von Maßnahmen der Freiheitsentziehung geht“, so Liecke. Denn es sei „die hoheitliche Befugnis“ des SpD über eine „Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik“ zu entscheiden.

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