Schrottimmobilie

Müll, Lärm, Gewalt: Vor diesem Haus fürchten sich Nachbarn

Eine Schrottimmobilie an der Neuköllner Nogatstraße weckt im Kiez schlimme Befürchtungen. Bezirk hat Haus „unter Beobachtung“.

Blick in den vermüllten Innenhof der Schrottimmobilie an der Nogatstraße. Nachbarn beschweren sich über Lärm, Dreck und Gewalt.

Blick in den vermüllten Innenhof der Schrottimmobilie an der Nogatstraße. Nachbarn beschweren sich über Lärm, Dreck und Gewalt.

Foto: David Heerde

Neukölln. Dem Haus an der Nogatstraße in Neukölln sieht man an, dass es Probleme verursacht. Auf dem Gehweg davor liegt haufenweise Müll, achtlos weggeworfen von den Bewohnern, die in großen Gruppen laut redend vor der offenen Eingangstüre stehen. Im Innenhof stapelt sich ebenfalls alter Sperrmüll, dazwischen spielen Kinder.

Man sieht: Das Haus hat seine besten Zeiten hinter sich. Und Nachbarn aus dem umliegenden Gebiet – Kirchhofstraße, Nogatstraße, Rübelandstraße und Kirsten-Heisig-Platz – fürchten, dass es auch für ihre Häuser dank der Schrottimmobilie bergab gehen könnte.

So berichten sie es der Berliner Morgenpost, an die sie sich hilfesuchend gewendet haben. Der Bezirk Neukölln, so der Vorwurf der Anwohner, würde gegen die Schrottimmobilie nichts unternehmen. Ihre Namen wollen die Nachbarn des heruntergekommenen Hauses nicht in der Zeitung lesen. Aus Furcht vor mafiösen Strukturen, die in dem Haus herrschen würden, wie sie sagen. Was sie berichten, klingt ungeheuerlich.

Überbelegung, Vermüllung und horrende Mieten

Sie erzählen von Lärm, der bis tief in die Nacht geht, von Schreien und lauter Musik. Von einem blauen Lieferwagen, der etwa einmal im Monat vor dem Haus hält und neue Mieter bringt – und alte Mieter mit fort nimmt auf Nimmerwiedersehen. Von Kinderscharen, die unbeaufsichtigt auf der Straße spielen und von einem Mann Namens Mehmet, der als Geldeintreiber bei den Mietern der Schrottimmobilie fungiert.

Eine Anwohnerin erzählt, dass sie von ihrer Wohnung im dritten Stock im Nachbarhaus in die Wohnungen der Schrottimmobilie sehen könnte. „Dort liegen in einem Zimmer drei, vier, fünf Matratzen. Dort leben dann also in einem Zimmer bis zu fünf Menschen.“ Eine Matratze, so hätten es ihr gegenüber Mieter aus der Schrottimmobilie berichtet, würde 1000 bis 2000 Euro kosten.

Die Anwohner berichten aber auch von den Müllablagerungen, vor allem im Hinterhof der Schrottimmobilie. Und davon, dass der zu Mäuse- und Rattenplagen führt. „Nachbarn hatten Katzen, die die Mäuse jagen sollten. Aber die Katzen sind krepiert, nachdem sie die Mäuse gefressen haben – wir vermuten Rattengift“, so die nüchterne Analyse einer weiteren Anwohnerin.

Hausbesitzer soll noch weitere Schrottimmobilien besitzen

Der Besitzer des Hauses soll Thilo Peter sein, Steuerberater und aktiv im CDU-Ortsverband in Charlottenburg-Nord. Er soll mehrere Häuser in Berlin besitzen – allesamt mehr oder weniger baufällig, allesamt überwiegend vermietet an Südosteuropäer. Weshalb?

Darauf sagte sein Zwillingsbruder Michael Peter, der in den Häusern die Hausverwaltung leitet, dem ZDF 2012, Sinti und Roma seien aus Vermietersicht vorteilhaft, weil sie sich weniger beschwerten und Reparaturmaßnahmen oft selbst übernähmen. Auf eine Anfrage dieser Zeitung antworteten die Peter-Brüder nicht.

Die Nachbarn an der Nogatstraße jedenfalls wehren sich seit Jahren gegen das heruntergewirtschaftete Haus. Auf 25 Seiten haben sie zwischen 2012 und 2019 unzählige Fotos aufgelistet, die die Belästigungen dokumentieren sollen. In einem Brief an das Bezirksamt schrieben sie im Juli dieses Jahres, dass der Grund für die Probleme in unserem Wohnbereich nicht in den verschiedenen kulturellen Verhaltensweisen liege, sondern an der Überbelegung des Hauses sowie an der Vermüllung. „Der Vermieter kassiert so ein Maximum an Miete, kümmert sich aber weder um die Müllbeseitigung noch um die Einhaltung einer Hausordnung“, so der Vorwurf.

Bezirksamt nennt Haus „Problemimmobilie“

Dem Bezirksamt Neukölln ist das Haus an der Nogatstraße jedenfalls bestens bekannt. Christian Berg, Pressesprecher von Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD), spricht von einer „Problemimmobilie“ und erklärt, dass diese unter besonderer Beobachtung stehe – schließlich seien zwischen 2016 und 2019 insgesamt sieben Beschwerden wegen Lärmbelästigung und zwölf weitere Beschwerden wegen Vermüllung beim Bezirksamt eingegangen.

Laut Berg gab es „in der Immobilie in den vergangenen Jahren mehrere Einsätze im Verbund mit Polizei und weiteren Ämtern aufgrund von Hinweisen, wonach dort Matratzenlager im Keller beziehungsweise Dachboden vorhanden seien.“ Dies konnte nach Angaben des Bezirksamts jedoch nicht festgestellt werden.

Also alles nur halb so schlimm? Mehr als 20 Anwohner haben dem Bezirksamt einen offenen Brief geschrieben. Tenor: Das Bezirksamt soll endlich handeln. Dem Neuköllner Rathaus aber sind die Hände gebunden. Denn – und da sind sich Verwaltung und Anwohner ausnahmsweise einig – würde Peter gerade genug tun, um Strafen zu entgehen. „Erfahrungsgemäß kommt der Eigentümer seinen Pflichten auf Druck nach, etwa der Entsorgung von erhöhtem Müllaufkommen im Hof“, so Berg.

Will Besitzer Haus anschließend luxussanieren?

Die Anwohner vermuten, dass Peter die Wohnungen so gewinnbringend wie möglich vermietet – solange, bis das Haus komplett unbewohnbar sein wird. Dann, so der Verdacht, könnte das Haus luxusmodernisiert und anschließend teuer vermietet oder gar verkauft werden.

Und so denken nun einige Anwohner über einen Umzug nach. Nach acht Jahren „Terror“ durch die Nachbarn seien die Zustände so nicht mehr hinzunehmen, sagen sie. Ein Anwohner, der seit rund zehn Jahren hier lebt, sagt niedergeschlagen: „Eigentlich wollen wir uns nicht vergraulen lassen.“

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