Co-Working-Space

Ein Gründer-Dorf für Neukölln

Die Berliner Firma Unicorn eröffnet in Rixdorf ein Co-Working-Space mit fast 300 Plätzen. Was das für den Bezirk bedeutet.

Blick in den Hof des „Unicorn Village“ im Neuköllner Ortsteil Rixdorf. Vermietet wird an Start-ups, jedoch nicht an einzelne Freiberufler.

Blick in den Hof des „Unicorn Village“ im Neuköllner Ortsteil Rixdorf. Vermietet wird an Start-ups, jedoch nicht an einzelne Freiberufler.

Foto: Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Rixdorf ist ein Dorf, inmitten von Neukölln. Rund 300 Meter im Westen liegt die quirlige Karl-Marx-Straße, etwa 300 Meter im Osten die Sonnenallee. Im Viertel zwischen den Magistralen leben teils seit Generationen Familien in denselben Häusern, kennen Nachbarn beim Namen, grüßen sich auf der Straße. Und bei Familie Rosenthal-Schöne stehen auf dem Hof ihres 125 Jahre alten Familienunternehmens im Sommer sogar manchmal Pferde.

Dreizehnter Unicorn-Standort in Berlin

In diesem Großstadtdorf eröffnet nun an diesem Montag das Berliner Start-up Unicorn seinen dreizehnten Standort – auf dem ehemaligen Gelände einer Autowerkstatt, einem Hof, der auf allen vier Seiten von dreistöckigen Häusern umgeben ist. In 40 Räumen auf insgesamt 2100 Quadratmetern gibt es Arbeitsplätze für 298 Co-Worker. Es ist der bisher größte Co-Working-Space von Unicorn. Vermietet werden aber nicht einzelne Arbeitsplätze an Freelancer, sondern ganze Büros an Start-ups. Mindestens einen Monat muss eine Firma hier ein Büro mieten, kürzer geht es nicht. „Die meisten Mieter bleiben zwischen sieben und zwölf Monaten“, das weiß Benjamin Nick, Marketingchef von Unicorn aus Erfahrung.

Der Eröffnung voraus gingen langjährige Bauarbeiten an dem denkmalgeschützten Gebäuden. Allein der Kopfsteinpflasterboden im Innenhof musste drei Mal neu gelegt werden, weil Rohre und anschließend Glasfaserkabel nicht gleichzeitig verbaut werden konnten, erzählt Nick. Wie viel die Umbauarbeiten genau gekostet haben, will er nicht sagen. Nur soviel: Es werden mehrere Million gewesen sein.

Ein Start-Up für viele Start-Ups

„Start-Ups finden in Berlin nur schwer Büros“, sagt der Marketingchef. Zu Beginn stehe den meisten Unternehmen nur wenig Geld zur Verfügung, es sei unklar, ob sie überhaupt ein Jahr durchhalten würden. „Wir bieten ihnen kurze Mietverträge an. Und ein Rundum-Sorglos-Paket noch dazu: es gibt hier eine Küche, ein Café, Meeting-Räume“, erklärt Nick das Unicorn-Konzept.

Der größte Raum, ein Maisonette-Büro mit großen Panoramafenstern mit Blick auf den Innenhof, hat 36 Plätze. Ein Arbeitsplatz kostet im Monat zwischen 340 und 380 Euro. Drei Start-Ups mit insgesamt 69 Mitarbeitern sind schon auf das Gelände in Neukölln gezogen. „Drei Monate nach der Eröffnung sind dann meisten 90 bis 95 Prozent der Büros ausgebucht“, sagt Nick.

Masoud Kamali gründete das Start-Up 2015

Das Start-Up Unicorn wurde 2015 von Masoud Kamali in Berlin gegründet. Kurze Zeit später wurde der erste Co-Working-Space in Mitte eröffnet, in den folgenden Jahren folgten insgesamt zwölf weitere. Nun sieht es nach Expansion aus bei Unicorn: Das erste Büro außerhalb Berlins hat eben erst in Potsdam eröffnet. 200 Arbeitsplätze stehen hier in der Innenstadt zur Verfügung. Und es sollen weitere Büros in ganz Deutschland folgen: München, Köln. „Aber nicht in Frankfurt, der Markt dort ist schon gesättigt“, sagt Nick.

Wie sich der Kiez verändern könnte

Für den Richardkiez dürfte die Eröffnung des Co-Working-Spaces jedenfalls eine Herausforderung und Chance zugleich sein. Bereits jetzt gibt es rund um den Platz schon einige Cafés, Bars, Spätis und Restaurants. Wollen aber ab nun jeden Mittag 300 hungrige Co-Worker satt werden, dürfte sich das Bild im gediegenen Rixdorf wohl schon bald ändern. Nicht umsonst gelten Start-Ups als Vorhut der Gentrifizierung.

Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) freut sich jedenfalls über die neuen Arbeiter im Kiez. Er sagt: „In einem denkmalgerecht umgebauten Ensemble entsteht ein Ort, an dem Gründerinnen und Gründer neue Innovationen entwickeln können. Für den Kiez heißt das: Traditionelles Unternehmertum trifft auf Start-Ups. Ich erhoffe mir davon neue Impulse und Synergien für den Wirtschaftsstandort Nord-Neukölln.“

Fair-Trade-Kaffee für Co-Worker

Unicorn selbst hat in seinem neuen Co-Working-Space an der Richardstraße ein Café für Mitarbeiter eingerichtet. Der hauseigene Barista bereitet hier Fair-Trade-Kaffee zu. Zunächst ist das kleine Café aber nur für die hier arbeitenden Co-Worker vorgesehen. Ob es später einmal auch für Neuköllner hier einen Coffee to go zu kaufen geben wird, ist noch nicht sicher. „Jetzt wollen wir natürlich erstmal sehen, dass hausintern alles rund läuft“, sagt Nick.

Und auch neben Fair-Trade-Kaffee setzt Unicorn auf Nachhaltigkeit. Im rund 400 Quadratmeter großen Hof stehen verschiedene Pflanzenkübel, in denen die Co-Worker Tomaten, Gurken und Co. anbauen sollen. Wie in allen Unicorn-Spaces wird auch an diesem Standort ausschließlich Ökostrom bezogen. Außerdem wurde das Interieur der Büros wie üblich von lokalen Schreinereien gezimmert. „Und im Dachstuhl werden wir ein Bienen- oder Hummelvolk ansiedeln“, erzählt Nick.

Stipendium für nachhaltige Konzepte

Außerdem sollen in Rixdorf nachhaltige oder soziale Start-Ups einziehen. Dafür vergibt Unicorn sogar ein eigenes Gründer-Stipendium. Voraussetzung: Das Start-Up darf nicht älter als drei Jahre sein und muss eine soziale und nachhaltige Orientierung nachweisen können. Zu gewinnen gibt es drei Monate lang ein kostenloses Büro in einem der Co-Working-Spaces.

Gemeinsam mit den Co-Workern soll hier ein Ort der Nachhaltigkeit geschaffen werden, an dem gleichzeitig die Anonymität der Großstadt gegen ein Dorfgefühl ausgetauscht wird, so die Idee hinter dem Start-Up-Dorf in Rixdorf. Und auch die Anwohner will Unicorn in seinen neuen Standort miteinbeziehen. So hätten Nachbarn darum gebeten, den Hof als Durchgang zwischen zwei Straßen nutzen zu dürfen. „Natürlich haben wir nichts dagegen“, sagt Nick.