Personalmangel

Neukölln streicht den Sozialpsychiatrischen Notdienst

Die Polizisten bekommen bei Einsätzen bei psychisch kranken Menschen keine Unterstützung mehr vom Sozialpsychiatrischen Notdienst.

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Berlin.. Die Krise in Neuköllns Gesundheitsamt spitzt sich weiter zu. Nun hat Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) den Not- und Krisendienst im bezirklichen Sozialpsychiatrischen Dienst (SpD) gestrichen. Das teilte Liecke gegenüber der Berliner Morgenpost mit.

Wollen sich Betroffene derzeit hilfesuchend an den SpD wenden, hören sie am Telefon lediglich eine automatische Bandansage. Die Stimme auf dem Anrufbeantworter rät dem Anrufer, ein Fax oder eine E-Mail mit ihrem Anliegen an den SpD zu senden. Eine persönliche Beratung ist zur Zeit nicht möglich.

Stellen wegen chronischem Personalmangel unbesetzt

Grund ist der anhaltende Personalmangel im Gesundheitsamt von Neukölln. Von sechs Arztstellen sind im SpD momentan nur noch zwei besetzt. Und auch die Amtsleitung wird ab Herbst vakant sein. Schlimmer noch: „Ab September haben wir keine Amtsärzte mehr im Bezirk“, so der CDU-Politiker.

Diese Woche informierte der Gesundheitsstadtrat zudem das Amtsgericht sowie Polizei und Feuerwehr in einem Schreiben, dass derzeit kein Krisen- und Notdienst mehr im Bezirk angeboten werden könne. Bisher konnten die den SpD um Unterstützung bitten, wenn sie bei Einsätzen auf seelisch kranke Menschen trafen.

Was passieren kann, wenn die Einsatzkräfte nicht mehr auf die Unterstützung des SpD zählen können, zeigte sich Mitte Juni, als ein 34-jähriger Mann bei einem Polizeieinsatz Beamte angriff und zwölf von ihnen verletzte. Der Mann war dem SpD bekannt. Liecke ist sich sicher, dass die Verletzung von Polizisten und Feuerwehrleuten hätte vermieden werden können, wenn fachärztliche Hilfe vor Ort gewesen wäre.

Betroffene werden direkt in die Psychiatrie gebracht

Als Konsequenz hat Neukölln daher als erster Bezirk die Reißleine gezogen: Feuerwehr und Polizei müssen nun psychisch kranke Menschen direkt ins Krankenhaus in die Psychiatrie bringen. Dort werden sie dann spätestens bis zum Ablauf des darauffolgenden Tages von Ärzten des SpD begutachtet. „Vorrang hat die Begutachtung von stationär aufgenommenen Patienten im Klinikum Neukölln, da es dort um die Beurteilung der Erforderlichkeit von Maßnahmen der Freiheitsentziehung geht“, so Liecke. Denn es sei „die hoheitliche Befugnis“ des SpD über eine „Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik“ zu entscheiden.

Andere Bezirke können Neukölln nicht helfen

Ähnlich wie Neukölln geht es übrigens noch weiteren Bezirken in der Hauptstadt. Ab 2022 wird es nur noch in vier Bezirken Amtsärzte geben. Und auch der SpD kann dort teilweise nur noch verkürzt oder tageweise gar nicht mehr angeboten werden. „Benachbarte Bezirke können die Aufgaben des SpD Neukölln nicht abdecken, da dort keine entsprechenden Kapazitäten vorhanden sind“, hieß es daher auch aus dem Neuköllner Rathaus.

Ursache für die unbesetzten Stellen im Gesundheitsamt sei die vergleichsweise schlechte Bezahlung, sagte Liecke. Mit knapp über 4000 Euro im Monat verdient ein Amtsarzt zwischen 1000 und 1500 Euro weniger als ein Klinikarzt. „Das jahrelange Sparen in Berlin hat den öffentlichen Gesundheitsdienst in die Handlungsunfähigkeit geführt“, ist sich der Gesundheitsstadtrat sicher.