Hermannplatz

Investor stellt Pläne für Umbau des Karstadt-Kaufhauses vor

Der Investor Signa sagt,wie es am Hermannplatz weitergehen soll. Mitarbeiter fürchten jetzt ihre Entlassung.

Beim Bau des neuen Karstadt am Hermannplatz, hier in einer Visualisierung, will man sich am alten Look orientieren

Beim Bau des neuen Karstadt am Hermannplatz, hier in einer Visualisierung, will man sich am alten Look orientieren

Foto: ChipperfieldArchitects

Innerhalb von fünf Jahren will die Signa-Gruppe am Hermannplatz ein neues Karstadt-Gebäude bauen. Das alte Warenhaus wird abgerissen, die bestehende Bruttogeschossfläche wird aufgestockt. Bei der jüngsten Sitzung des Bauausschusses stellte der Investor, dem die traditionsreiche Kaufhauskette gehört, im ehemaligen Kreuzberger Rathaus an der Yorckstraße seine Pläne vor.

Diesmal wurde mit Besuch getagt. Aus dem Nachbarbezirk Neukölln erschienen am Mittwoch Bezirksverordnete von CDU, SPD, Linken und Grünen sowie des Bauamtes, die sich anhören wollten, wie Vertreter von Investor und Architekten den Stand der Entwicklung in einem Bezirk vorstellen, in dem Bauherren von Bezirksverordneten und Bezirksamt nicht mit Samthandschuhe behandelt werden. So war der holzgetäfelte Saal der Bezirksverordnetenversammlung voll besetzt, auch mit Bürgern und Karstadtmitarbeitern.

Vorzeigeprojekt im Kiez

Die Umgestaltung des Warenhauses spielt unmittelbar in die Belange Neuköllns hinein. Dort besteht der kuriose Umstand, dass sich die Gebäudefläche in Friedrichshain-Kreuzberg befindet, der Hermannplatz sowie die fortführenden Einkaufszentren Karl-Marx-Straße und Sonnenallee aber in Neukölln.

Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) schickte voraus, es müsse hinterfragt werden, welche Auswirkung auf das Umfeld eine Aufwertung der Gegend durch ein derartiges Vorzeigeprojekt hat. Eine Bürgerbeteiligung müsse es im Vorfeld, und nicht erst dann geben, wenn in Bauantrag vorliegt. Zudem ließ Schmidt keinen Zweifel daran, dass ein Bebauungsplanverfahren erforderlich wird. Dadurch erhält der Bezirk Instrumente, stärker auf Gestaltung einzuwirken und dem Investor mehr abverlangen zu können. Als Gegenleistung der Signa regte Schmidt einen Fonds an, in den das Unternehmen eine Summe einzahlt. Davon würden städtebauliche Maßnahmen im Umfeld bis hin zur Wahrnehmung von Vorkaufsrecht finanziert werden können. Es müsse darüber hinaus beantwortet werden, warum die Signa überhaupt ein bestehendes Kaufhaus abreißt und welche ökologischen Folgen dies hätte.

Vollständige Schließung

Das beantwortete Anke Lawrence vom Büro des internationalen Star-Architekten David Chipperfield gleich zu Beginn recht rustikal: Das bestehende Gebäude sei eine „Energieschleuder“. Eine zeitgemäße Aufrüstung sei begrenzt möglich. Darum der Entschluss der Karstadt-Eigentümer für einen Neubau. Ob es während der Zeit zur vollständigen Schließung kommt, ließ man offen. Im Haus direkt sind 250 Mitarbeiter und mindestens weitere 100 Menschen in angeschlossenen Bereichen beschäftigt.

Betroffen ist voraussichtlich das Ensemble des 50er-Jahre-Baus und die Anbauten. Ein Reststück des Originalbaus von 1929 mit ursprünglicher Travertinfassade an der Hasenheide bleibt unberührt. Insgesamt ist das Gebäude als Baudenkmal ausgezeichnet. So legt sich die Signa auf Nachfrage auch nicht fest, was abgerissen wird.

71 Meter Gesamthöhe

Auf seiner Webseite teilt sie mit, man werde die Bruttogeschossfläche um ein Drittel auf rund 126.000 Quadratmeter erhöhen, im BVV-Saal hieß es am Mittwoch dagegen: 100.000 Quadratmeter. Mit dem Start einer fünfjährigen Bauphase rechnet die Signa 2020/21. Nicht bekannt gegeben wurde die Investitionssumme, es ist die Rede von 450 Millionen Euro.

Geplant ist, das neue Gebäude in der ursprünglichen Größe und dem Stil der 20er-Jahre zu errichten. Bei 71 Metern Gesamthöhe zählten dazu zwei markante Türme von 24 Metern sowie zwei 15 Meter hohe Lichtsäulen. Im neuen Karstadt soll es nach altem Vorbild eine Dachterrasse geben. Architekten und Investoren sprachen zudem von einer „Halle als Forum der Kieze“, Platz für Lastenfahrräder, eine Mediathek, ein multikulturelles Ärztehaus und einen kooperativen Supermarkt. Denkbar seien auch Wohn-, Hotel-, Büro- und weitere Gewerbeflächen.

„Nie jemand erklärt, wie es weitergeht“

Die Wortbeiträge der Mitarbeiterinnen der Lebensmittelabteilung von Karstadt zeugten von der Angst um ihre Arbeitsplätze. „Uns hat man nie jemand erklärt, wie es weitergeht,“ sagte eine Angestellte. Reiner Müller von der Signa-Projektleitung sagte, im August werde auf einer Versammlung darüber informiert. Eine Mitarbeiterin mit 35 Dienstjahren bemerkte im Anschluss an die Sitzung: „In der gesamten Präsentation tauchten überhaupt nicht wir auf. Was wird aus uns, wenn da ein kooperativer Supermarkt kommt. Und bei einer fünfjährigen Schließung: Welches Unternehmen kann es sich leisten, uns 100 Mitarbeiter auf die sechs Berliner Standorte umzuverteilen?“ Ein Drittel der Belegschaft sei zwischen 55 und 65 Jahren: „Die fänden bei Entlassung nichts Neues“, so die Mitarbeiterin.

M10 könnte bis Hermannplatz verlängert werden - zum Kaufhaus

Ein wichtiges Element ist die zukünftige Erreichbarkeit des Hermannplatzes. So ist neben den bestehenden U-Bahnlinien eine Heranführung der Straßenbahnlinie M10 vorgesehen. Der Vorschlag wurde bereits kurz nach der Wiedervereinigung verfolgt. Auf der Oberbaumbrücke wurden vorausschauend 1994 Schienen verlegt. Eine umsteigefreie Verbindung zwischen dem S- und U-Bahnhof Warschauer Straße und dem U-Bahnhof Hermannplatz ist in der „Stadtentwicklungsplanung Verkehr“ des Senats verankert. Weil die Strecke durch die vitalen Stadtteile Friedrichshain und Kreuzberg führen würde, gilt die Linie umgangssprachlich bereits als „Party-Tram“.

Gut klingende Gestaltungsmöglichkeiten

Eine Haltestelle Hermannplatz würde die überregionale Bedeutung des Platzes und des Warenhauses noch einmal erhöhen. Allerdings befindet sich die Planung noch in den Anfängen. Aus der zuständigen Senatsverwaltung heißt es, eine Verbindung aus Friedrichshain werde frühestens in sechs Jahren realistisch. Zuletzt wurden sieben mögliche Streckenverläufe diskutiert. Die Neuköllner Vorsitzende des Stadtplanungsausschusses, Marlies Fuhrmann (Linke) sagte, als Gegenleistung für die Ansiedlung eines neuen Karstadt-Gebäudes sollten Investoren dazu angehalten werden, städtebauliche Gutachten für eine für Tramverkehr erforderliche Umgestaltung des Platzes zu finanzieren.

Ärztehaus? Für die Linke „Planerblendwerk“

Während die Bezirksverordnete Marlene Heihsel von der FDP-Gruppe sich ebenfalls für eine Bürgerbeteiligung aussprach, das Projekt aber grundsätzlich begrüßte, kritisierte die Neuköllner Linke-Verordnete Claudia Assmann, die Präsentation sei letztlich „sehr schwammig“ geblieben. Die Verwendung gut klingender Gestaltungsmöglichkeiten im Bau, wie die eines multikulturelles Ärztehauses, hakte sie unter „Planerblendwerk“ ab. Reiner Müller von der Signa versicherte auf die Frage eines Ausschussteilnehmers, der auf Umsatzverluste der Karstadt-Häuser hinwies, dass man fest beabsichtige, Karstadt an dem Standort zu erhalten.

Chrysler Building übernommen

Die Signa Retail Gruppe zählt den größten Handelsunternehmen Deutschlands und ist unter den größten fünf in Europa. In Berlin zählt auch das KaDeWe zum Portfolio. Jüngst übernahm man mit einem Partner das New Yorker Chrysler Building. Signa ist an rund 320 Standorten und mit mehr als 100 Webshops in 20 Ländern vertreten. 45.000 Mitarbeiter sind dort beschäftigt, der Jahresumsatz liegt bei mehr als 7,5 Milliarden Euro.