Karl-Marx-Straße

Erste feste Fixerstube in Neukölln eröffnet

Neukölln bekommt einen festen Drogenkonsumraum an der Karl-Marx-Straße. Es ist erst die dritte fixe Fixerstube in ganz Berlin.

Vergangenen Sommer wurde hier noch gebaut, jetzt hat Neuköllns erster Drogenkonsumraum eröffnet

Vergangenen Sommer wurde hier noch gebaut, jetzt hat Neuköllns erster Drogenkonsumraum eröffnet

Foto: Nina Kugler

Neukölln. Berlin hat insgesamt nur zwei feste Drogenkonsumräume, einen in Moabit und einen in Kreuzberg. Ein dritter eröffnet nun an der Karl-Marx-Straße, unweit des S- und U-Bahnhofs Neukölln. Bisher stand hier nur ein Konsummobil, also ein Bus, in dem Drogen wie Heroin gedrückt werden durften. Damit ist nun Schluss. Künftig wird in zwei Räumen, die mit Milchglasfenstern vor neugierigen Blicken von außen schützen, gespritzt und geraucht.

"Wir sind aber kein rechtsfreier Raum", versichert Nicola Blättner, die als Standortleiterin des Trägers Fixpunkt in Neukölln arbeitet. "Natürlich stellen wir hier keine Drogen zur Verfügung." Vielmehr sollen die neuen Räumlichkeiten dazu genutzt werden, die Drogenabhängigen von der Straße zu bekommen. Konsumiert wird unter Aufsicht von medizinisch geschultem Personal - und unter hygienischen Bedingungen. Hier können Drogenabhängige ihr benutztes Fixerbesteck gegen neue Spritzen eintauschen. Und im Umkreis des Drogenkonsumraums darf nicht gedealt werden.

12 Plätze gibt es in den Räumen an der Karl-Marx-Straße, je sechs für in­ji­zie­renden Konsum und sechs Rauchplätze. Darüber hinaus haben die Konsumenten hier die Möglichkeit sich zu duschen oder ihre Wäsche zu waschen. Es gibt auch einen Aufenthaltsraum, in dem aber keine Drogen genommen werden dürfen.

So ist die Situation in anderen Berliner Bezirken

In Mitte hat die BVV das Bezirksamt aufgefordert, sich auf Landesebene für mindestens einen weiteren Standort neben der „Birkenstube“ in Moabit einzusetzen. Die ist schon heute an ihren Kapazitätsgrenzen. Forderungen des Bezirks nach einer kurzfristigen Öffnungszeit-Verlängerung hat die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung wegen fehlender Haushaltsmittel für 2019 jedoch ausgeschlossen. Ab 2020 sollen die Türen jedoch länger offen stehen: Statt bisher Werktags sechs Stunden, sollen alle Konsumräume dann sieben Tage pro Woche für acht Stunden öffnen, wie die Landesdrogenbeauftragte Christine Köhler-Azara auf Anfrage mitteilte. Zudem ist vorgesehen, 2020 einen Konsumraum in Charlottenburg und 2021 einen zweiten in Mitte einzurichten.

Doch in Charlottenburg-Wilmersdorf ist ein fester Drogenkonsumraum umstritten. Seit langem läuft dort die Diskussion um einen Standort am Stuttgarter Platz. Aktuell stehen dort Montag bis Freitag zwischen 14 und 18 Uhr ein Drogenkonsum- und ein Präventionsmobil des Vereins Fixpunkt an der Lewishamstraße. In der Nachbarschaft findet sich bislang aber kein Vermieter, der Räume für einen solchen Zweck vermieten will. Stadtentwicklungsstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) hat bei der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz deshalb Mittel für eine Machbarkeitsstudie für einen Kombi-Bau aus Fahrradparkhaus und Drogenkonsumraum beantragt. Eine Mittelzusage gibt es bislang jedoch nicht.

In Neukölln hingegen befürworteten die Anwohner den Drogenkonsumraum, sagt Blättner. „Es war bemerkenswert, wie sachlich die Anwohner diskutiert haben, als wir die Pläne für den Raum vorgestellt hatten.“ Die Devise: Lieber den Drogenabhängigen einen Raum zum konsumieren geben, als den Konsum auf der Straße, auf Spielplätzen oder in Parks mit ansehen zu müssen.

Neukölln gilt schon lange als Drogen-Hotspot Berlins

Der Norden von Neukölln gilt seit Jahren als Hotspot für Drogenhandel und Konsum. 2015 gab es in Neukölln 28 Drogentote, 21 von ihnen lebten auch im Bezirk. Berlinweit gab es damals 154 Drogentote. 2016 entspannte sich die Situation leicht - zumindest in Neukölln: Es wurden 19 tote Drogenopfer gefunden, 15 davon hatten ihren Wohnsitz auch im Bezirk. In ganz Berlin kamen hingegen zehn Menschen mehr durch ihren Drogenkonsum zu Tode als noch im Vorjahr. Und immer häufiger werden auch Spritzen auf Spielplätzen und in Parks gefunden, nicht selten sieht man Junkies Drogen auf öffentlichen Plätzen oder in U- und S-Bahnhöfen konsumieren.

Kein Wunder, sagt Blättner. Schließlich sei das Drogengeschäft ein mobiles Business. Dealer halten sich dort auf, wo sie der Polizei im Ernstfall schnell entkommen können - an U- und S-Bahnhöfen. Dort sind sie mobil, müssen nicht den ganzen Stoff zum Verkaufsort mitnehmen und können ihn bei Bedarf bequem aus einem Versteck eine Station weiter holen. Drogenabhängige "reisen" ihren Dealern nach. Und auch die Polizei hält sich vermehrt dort auf, wo besonders viele Drogenkonsumenten und -dealer sind.

Neukölln Gesundheitsstadtrat kritisiert Drogenraum

Neuköllns Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) kritisiert deshalb das stationäre Angebot an der Karl-Marx-Straße. Er spricht sich seit Jahren für die mobile Lösung aus. "Suchtkranke Menschen fahren nicht durch die halbe Stadt, um zu konsumieren. Sie konsumieren dort, wo sie kaufen", sagt er und befürchtet, dass "wir schlimmstenfalls einen tollen Raum habe, den keiner nutzt." Der Ansatz des mobilen Angebotes bietet in den Augen Lieckes den Vorteil der Flexibilität. "Das bedeutet, dass auf die ständige Verlagerung von Handels- und Konsumorten reagiert werden kann."

Blättner widerspricht dem Neuköllner Gesundheitsstadtrat in diesem Punkt allerdings. Denn auch wenn die Konsumenten und Dealer mal eine S-Bahnstation weiter ziehen würden - den Bezirk wechselten sie dennoch nur äußerst selten. Für Neuköllner Süchtige bietet das stationäre Angebot mehr Komfort und Sicherheit als beispielsweise der Drogenbus. Blättner ist sehr zufrieden mit den Räumen unweit des Neuköllner S-Bahnhofs. Der Fixpunkt hier an der Karl-Marx-Straße sei für jeden gut zu erreichen. Darüber hinaus rechnet die Standortleiterin sogar noch mit mehr Klienten in dem Drogenkonsumraum als noch im Bus. Auch, weil es jetzt hier einen "Raucherraum" gibt. "Im Bus hatten wir circa 200 Konsumenten im Monat", berichtet sie. "Ich schätze, in die Räumen kommen dann so 30 bis 50 jeden Tag."

Die stetig steigenden Zahlen von Drogenkonsumenten ist auch im Bezirksamt bekannt. Liecke fordert deshalb seit Langem eine berlinweite Statistik über Drogenkonsum. "Ohne ein berlinweites Lagebild kann bestenfalls erahnt - oder geraten - werden, wie sich die Belastung des Sozialraums in den nächsten Monaten und Jahren entwickelt", sagt Neuköllns Gesundheitsstadtrat. Zudem fordert er eine starke Ausweitung der Straßensozialarbeit mit Fremdsprachenunterstützung - immerhin rund ein Viertel der Drogenabhängigen in Neukölln kämen laut Liecke aus Russland oder Polen. Und er fordert den Senat auf, im Kampf gegen den illegalen Drogenhandel gezielter vorzugehen. "Wir brauchen eine Soko Opium bei der Polizei, um dem Handel entgegen zu treten und die Netzwerke der Hintermänner zu zerschlagen."

Der Neuköllner Drogenabhängige: männlich und obdachlos

Blättner sieht hingegen vor allem die Einzelschicksale hinter den Drogenkonsumenten. In Neukölln, so beobachtet sie es schon seit Langem, besteht die Drogenszene schätzungsweise zu zwei Dritteln aus Männern. Und sie sind zumeist obdachlos. "Natürlich ist das Gesprächsbedürfnis da sehr hoch", erklärt sie. Dabei geht es aber nicht immer als erstes darum, wie man jemanden von den Drogen dauerhaft wegbekommen könnte. "Wer auf der Straße lebt und sich zum Beispiel prostituieren muss, um seine Drogen bezahlen zu können, hat erst mal andere Probleme", sagt Blättner. Ratschläge, wo man Essen oder Übernachten kann, werden besonders im Winter gegeben. „Aber am Ende unserer Arbeit steht natürlich das Ziel die Menschen von den Drogen loszubekommen“, sagt Blättner.

Der Konsumraum wird montags bis freitags zwischen 13 und 18 Uhr geöffnet sein. "Mehr gibt die finanzielle Situation nicht her", erklärt Blättner und seufzt. "Aber wir hier sind uns alle einig: Mehr wäre besser." Damit meint Blättner nicht nur längere Öffnungszeiten, sondern insgesamt mehr Fixerstuben in ganz Berlin. Denn, und da ist Blättner einer Meinung mit Liecke, kein Konsument würde extra von einem anderen Bezirk nach Neukölln fahren, um seine Drogen zu nehmen. "Dann muss es schnell gehen", sagt Blättner.

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