Milieuschutzgebiet

Fonds kauft ganze Straße in Neukölln

In der Thiemannstraße herrscht Angst vor dem Wohnungsverkauf an einen Großinvestor. Berlinweit sind rund 400 Wohnungen betroffen.

Fordern, dass die „BoeThie bleibt!“ (v.l.): Neuköllns Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne), Gabriele Gottwald (Die Linke), BoeThie-Sprecherin Elena Poeschl und Cansel Kiziltepe (SPD).

Fordern, dass die „BoeThie bleibt!“ (v.l.): Neuköllns Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne), Gabriele Gottwald (Die Linke), BoeThie-Sprecherin Elena Poeschl und Cansel Kiziltepe (SPD).

Foto: Anikka Bauer

Neukölln. Eigentlich sind die Bewohner der Thiemannstraße in Neukölln schon in Weihnachtsstimmung. An den Fenstern hängen Lichterketten, durch die Vorhänge sieht man Adventskränze glitzern. Doch bei den rund 300 Anwohnern der Thiemannstraße 16 bis 23 – einer rund 100 Meter langen Straße, die die Sonnenallee kreuzt – wie auch bei den Mietern der Böhmischen Straße 21 und 23 mag dieses Jahr keine weihnachtliche Stimmung aufkommen.

Denn ihre Häuser wurden von dem fünftgrößten Pensionsfonds Europas, der dänischen PFA, gekauft. Dies geschah zwar bereits im Sommer, doch erst im November wurden die Anwohner über den Verkauf informiert. Nun ist die Sorge in der Thiemannstraße groß, dass die zumeist günstigen Mietwohnungen zu teuren Eigentumswohnungen umgewandelt werden könnten.

Und das, obwohl beide Straßen zum Milieuschutzgebiet Rixdorf gehören. Eigentlich ist es in Milieuschutzgebieten untersagt, Miet- in Eigentumswohnungen umzuwandeln, Wohnungen mit einem höheren Standard zu modernisieren oder kleinere Wohnungen zusammenzulegen. Eigentlich.

Immer häufiger aber wird in Milieuschutzgebieten die Milieuschutzverordnung umgangen. Wurden beispielsweise in Neukölln 2012 noch 318 Umwandlungen von Miet- in Eigentumswohngen genehmigt, waren es 2014 schon 1090 und im Jahr 2016 dann 1448 Umwandlungen. In ganz Berlin gab es im Zeitraum von Anfang Juni 2017 bis Ende Mai 2018 Umwandlungen von insgesamt 14.053 Wohnungen.

„Mieter fühlen sich in Milieuschutzgebieten eigentlich sicher“

Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietvereins, versteht die Sorge der Anwohner in Neukölln. „Mieter fühlen sich in Milieuschutzgebieten eigentlich sicher.“ Aber wenn die Firmen zu hohen Preisen Immobilien kaufen, seien Mieter verunsichert, „weil Firmen ja auch Rendite aus solchen Käufen erwarten“, erklärte er.

Im Falle der von der PFA gekauften Immobilien handelt es sich sogar um das größte bekannte Wohnimmobilieninvestment in Deutschland in diesem Jahr. Das sogenannte „Century“-Portfolio wurde von Industria Wohnen mit Sitz in Frankfurt am Main verkauft. 1,2 Milliarden Euro hat sich PFA insgesamt 3700 Wohnungen in ganz Deutschland kosten lassen. Darunter sollen etwa 400 Wohnungen in Berlin sein.

33 bis 40 davon liegen in Prenzlauer Berg, 80 bis 110 in Wedding, 113 in Tempelhof-Schöneberg und 140 in Neukölln. Das sind allerdings nur die Wohnungen, die in Milieuschutzgebieten liegen. Ob PFA noch weitere Objekte erworben hat in Gebieten, die keinem besonderen Schutz unterstehen, ist nicht bekannt.

Portfolio Manager für PFA in Deutschland ist die Münchener Domicil Real Estate Group. Über die Berliner Wohnungen schreibt Geschäftsführer Khaled Kaissar auf der Internetseite: „Die Objekte befinden sich überwiegend in guten bis sehr guten Wohnlagen in begehrten Wohnumfeldern. Darüber hinaus bietet das Portfolio zusätzliches Mietsteigerungspotenzial.“

Bezirk prüft nun sein Vorkaufsrecht

In Neukölln prüft nun der Bezirk sein Vorkaufsrecht. Davon kann er im Milieuschutzgebieten Gebrauch machen. Neuköllns Baustadtrat Jochen Biedermann (Grüne) möchte sich aber nicht äußern zum aktuellen Stand in dem „schwierigen Prozess“. Sicher ist nur: Bis zum 7. Januar muss eine Entscheidung gefallen sein. Denn das Vorkaufsrecht kann nur innerhalb von zwei Monaten ausgeübt werden.

Etwa 300 Menschen leben in den 140 Wohnungen in der Thiemann- und Böhmischen Straße, die verkauft wurden. Darunter etwa 60 Rentner. Eine davon ist Edeltraud Wude. 72 Jahre ist sie alt und lebt seit 2011 im Erdgeschoss in der Thiemannstraße. Auch sie hat ihre Wohnung bereits weihnachtlich geschmückt. Kleine Engel-Figuren und Weihnachtsmänner stehen im Fenster. Drinnen leuchten LED-Kerzen. Wude leidet seit Jahren an einer Erkrankung der Atemwege, kann ohne zusätzlichen Sauerstoff kaum Atmen. Treppen gestiegen ist sie seit Jahren nicht mehr.

„Jeden Morgen kommt meine Enkeltochter vorbei und sieht nach dem Rechten. Sie wohnt auch hier in der Straße“, erzählt sie. Ihre rund 50 Quadratmeterwohnung kostet weniger als 550 Euro im Monat. Als im November der Brief vom Bezirksamt kam, dass ihre Wohnung an PFA verkauft wurde, war sie geschockt. Wude hat Angst, ihr Zuhause zu verlieren oder mehr Miete zahlen zu müssen: „Das könnte ich mir nicht leisten.“

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