Bezirks-Held

Berlins neuer Superheld: "Müllman" räumt Neukölln auf

Gregor Marvel ist der neue Superheld des Bezirks: Im Auftrag der Arcaden achtet der 47-Jährige auf Sauberkeit.

Wenn Gregor Marvel über die Karl-Marx-Straße läuft, erhält er viel Zustimmung für seine  Tätigkeit

Wenn Gregor Marvel über die Karl-Marx-Straße läuft, erhält er viel Zustimmung für seine Tätigkeit

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin.  Das rote Cape, das um seine Schultern gebunden ist, flattert im Herbstwind. Auf Brusthöhe seines schwarz-rot-weißen Superheldenanzugs prangt ein großes M. Sein Gesicht ist knallrot geschminkt. Und auf dem Kopf trägt er zwei rote Fühler, die entfernt an ein Marienkäferkostüm erinnern. Keine Frage. Es kann sich nur um einen handeln: um „Müllman“, Berlins neuesten Superhelden. Sein Gegner ist allgegenwärtig: illegal abgeladener Sperrmüll, achtlos weggeworfene Verpackungen, Kippenstummel, To-go-Pappbecher – die Liste könnte unendlich weitergeführt werden, der Superschurke Abfall ist überall. Der Einsatzort von Müllman: Rund um die Neukölln Arcaden auf der Karl-Marx-Straße. Und hier gibt es immer etwas zu tun.

Gotham hat Batman, Neukölln hat Müllman

Eigentlich ist ganz Nord-Neukölln ein Schwerpunktgebiet für Müll. Rund ein Drittel des illegal abgeladenen Berliner Unrats stamme aus Neukölln, heißt es aus dem Rathaus. Seit 2017 setzt der Bezirk auf die Unterstützung von Müll-Sheriffs bei der Verfolgung dieses Vergehens. Mit bis zu 50.000 Euro Strafe müssen diejenigen rechnen, die bei der illegalen Entsorgung erwischt werden. Tatsächlich haben sich im vergangenen Jahr die Bußgeldeinnahmen in Neukölln auf 6800 Euro gegenüber dem Vorjahr erhöht. 2016 nahm der Bezirk 1080 Euro ein. Die Müll-Sheriffs können also durchaus Erfolge vermelden. Trotzdem: Noch immer sind überall auf den Straßen im Kiez alte Matratzen, Schränke, Kleider oder Farbeimer zu finden. Da braucht es schon einen waschechten Superhelden, um ein so großes Problem in den Griff zu bekommen.

„Ich komme immer dann, wenn ich gebraucht werde. Wie Batman“, sagt Müllman, der eigentlich Gregor – kein Witz! – Marvel heißt. Marvel, wie jener amerikanische Verlag, der mit Superhelden-Comics berühmt geworden ist. Für den 47-Jährigen ist das eine Herzensangelegenheit. Seit etwa 15 Jahren betreibt der Kostümbildner und Grafikdesigner die Galerie „Friendly Society“ in Mitte. Ein respektvoller Umgang, ein Miteinander und mit der Umwelt ist ihm wichtig. Müll sammelt er nicht nur in Neukölln, sondern auch privat in seinem Kiez: „Ich will nicht nur meckern, ich will anpacken und etwas verändern.“

Acht Mal in der Woche

Bis zu acht Mal in der Woche ist er in Neukölln unterwegs. Die Anwohner danken es ihm. Dabei ist die Aufgabe von Müllman eigentlich gar nicht, Abfall und Schrott zu entsorgen, sondern vielmehr auf die Problematik hinzuweisen. „Ich arbeite ja nicht bei der Berliner Stadtreinigung. Und allein könnte ich auch gar keinen Sperrmüll fortschaffen“, sagt er. Trotzdem: Auf der Karl-Marx-Straße gibt es mal ein aufmunterndes Lächeln, mal einen in die Höhe gestreckten Daumen. Eine Frau spricht den roten Helden sogar direkt an: „Ich finde es klasse, was Sie hier machen.“ Viele Fußgänger fragen nach einem Selfie – kaum einer, der Müllman noch nicht kennt. Dabei ist der Müllgegner erst seit wenigen Wochen im Einsatz .

Die Neukölln Arcaden haben das Projekt zu ihren Nachhaltigkeitstagen Ende September ins Leben gerufen. Sie finanzieren Müllmans Engagement. Das Ganze sei eine Initiative, sagt Centermanager Alexander Ullrich, die so schnell nicht wieder enden soll. „Aber wo es genau hingeht, können wir heute noch nicht sagen.“ Die Neuköllner Arcarden beschäftigen sich seit Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit und haben zum Beispiel eigene Bienenvölker auf dem Dach, die Honig produzieren, oder heizen mit umweltfreundlicher Fernwärme.

Mit Humor und Freundlichkeit

„Überall, wo schon Müll liegt, legen Menschen ihren eigenen noch dazu. Vielleicht ist das ein Urinstinkt wie bei Hunden, die auch überall dort ihr Revier markieren, wo davor schon ein anderer war“, sagt Müllman und lacht. Trotzdem: Er will niemandem auf die Finger klopfen. Lieber möchte er mit Humor und Freundlichkeit die Neuköllner auf die Problematik aufmerksam machen. Direkt und unverblümt spricht er Fußgänger an. Zum Beispiel solche, die gerade ihren letzen Schluck Kaffee aus dem Pappbecher getrunken oder den letzten Biss von ihrer Stulle genommen haben und sich nun nach einem Mülleimer umschauen. Dann ruft er schon einmal quer über den Gehweg, dass der Abfall in die Tonne und nicht auf die Straße gehöre.

„Neulich stand ich vor einer Bäckerei, davor lagen unzählige Kaffeepappbecher auf dem Bürgersteig. Ich habe geschaut: Logo vom Becher und von der Bäckerei waren gleich. Also bin ich rein und habe gefragt: Gefällt euch der Style – Becher auf dem Bürgersteig – vor eurem Laden?“, erzählt Müllman. Als ein Nein als Antwort kam, hat er kurzerhand einen Mülleimer vorgeschlagen. „Das fanden die eine ganz tolle Idee.“

Erfolge, die den Superhelden beflügeln. Mittlerweile träumt Müllman von einem Müll-Mobil, einem Müll-Girl. Und vielen anderen Nachahmern. Damit Neukölln sauberer wird.