Berlin

Warum sich Menschen Tierkostüme anziehen

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Emina Benalia

Bei der Furry-Convention treffen sich Erwachsene, die sich Fell-Kostüme anziehen. Aber warum machen die das eigentlich?

Im echten Leben heißt sie Elina, ist 30 Jahre alt und arbeitet in einem Casino. Hier, im Neuköllner Hotel Estrel, ist sie aber eine Wölfin namens Snow Shadow. Sie ist aufgeschlossen, flirtet gern und ist sehr verspielt – ganz anders als die menschliche Elina. Die menschliche Elina kommt an diesen Tagen auch nur selten zum Vorschein. Meistens bleibt sie versteckt hinter dem Cartoon-Tierkostüm: ein flauschiger Wolfskopf mit großen, grünen Augen, lange schwarze Handschuhe, die Beine stecken in einer Hose, die wie die Hinterpfoten eines Tieres aussehen. Der Körper der Wölfin ist in eine Tunika mit orientalischen Ornamenten gehüllt. Auf dem Kopf trägt Elina alias Snow Shadow ein bordeauxfarbenes Tuch, darüber eine Goldtalerkette, die an eine umgekehrte Pyramide erinnert. „Mein Outfit sollte zum Thema der Convention passen“, sagt sie kichernd.

Elina ist eine von knapp 3000 Besuchern der „Eurofurence“, der europaweit größten Versammlung von Furries. Zum dritten Mal findet das Treffen im Hotel Estrel, das sich auf Kongresse und Großveranstaltung spezialisiert hat, an der Sonnenallee statt. Das diesjährige Motto der fünftägigen Veranstaltung, die am Mittwoch begonnen hat, lautet „Ancient Egypt“ – „antikes Ägypten“. Manche Besucher kommen in Kostümen, andere hingegen tragen Alltagskleidung. Eines haben alle Furry-Fans (Furry engl. für fellig) aber gemeinsam: Sie teilen die Faszination für anthropomorphe Tierdarstellungen, also für Tiere mit menschlichen Eigenschaften.

Elina, die für das Treffen aus Finnland angereist ist, trägt ein sogenanntes Fursuit, also ein Ganzkörperkostüm. Verkleidet fühle sie sich dennoch nicht. Vielmehr stelle das Wölfinnen-Outfit ihre zweite Persönlichkeit dar. „In meinem Alltag muss ich seriös sein, komme bei anderen eher taff rüber. Als Snow Shadow kann ich meine kreative und verschmuste Seite ausleben.“

Verschmust sein scheint tatsächlich eine weitere Eigenschaft zu sein, die die Furries gemein haben. Es wird viel umarmt, gestreichelt und getätschelt. „Die meisten Furries kennen sich untereinander, auch wenn das Publikum international ist“, erklärt Maximillian Nitzschke-Stockmann, ein Pressesprecher der Berliner Eurofurence. Der 35-Jährige ist nur zum Teil kostümiert. Er trägt eine bunte Fellhose, hinten baumelt ein Tierschwanz in Regenbogenfarben. Um den Hals trägt Maximillian ein Halsband, auf der Marke steht sein Fursona-Name „Sazi“. Fursona, so erklärt er, sei eine Verschmelzung aus Furry und Person.

Es sei eine Art Krafttier, eine zweite Identität, die sich die Mitglieder zulegen. Ein Suit könnte als Höhepunkt der Verschmelzung interpretiert werden, ist aber nicht zwingend notwendig. Die meisten Besucher der Convention tragen ihre Fursona und den Nicknamen als Comic-Zeichnung an einem Schlüsselband. „Es ist wichtig, eine genaue Vorstellung zu haben, wie man als Tier-Mensch-Gestalt aussehen will“, sagt Maximillian. Detaillierte Beschreibungen helfen Künstlern, später Zeichnungen oder Skulpturen der Fursona anzufertigen. Auf der diesjährigen Messe erwarten die Organisatoren viele Zeichner, Kostümbauer und Künstler aus mehr als 40 Ländern. Auf die Frage, ob einer der Furries den Tierkopf für ein Foto kurz einmal absetzen würde, verneint Maximillian. „Das machen sie nicht in der Öffentlichkeit, das gehört zum Ehrenkodex.“ Ein ungeschriebenes Gesetz, das auch Gefahren birgt. „Einige Teilnehmer unterschätzen die Hitzeentwicklung unter den Fellanzügen und den Schaumstoffmasken“, sagt Maximillian. Das Risiko eines Hitzeschlags ist ein verbreitetes Problem.

Als Gegenmaßnahme schicken die Veranstalter Security-Leute mit Wärmebildkameras durch die Hallen. Diese Messen von Weitem die Körpertemperatur der übergroßen Kuscheltiere. Bei auffälligen Werten, also bei dunkelroter Färbung der Silhouetten auf den Bildschirmen, weisen sie die Teilnehmer darauf hin, etwas Trinken zu gehen oder sich eine Auszeit in Privaträumen zu nehmen. Für die Versorgung mit Getränken sorgen freiwillige Helfer, die alle paar Meter auf dem Gelände verteilt stehen und den Furries Wasser aus Trinkschläuchen anbieten.

Tierisch beste Freunde bei der Eurofurence-Messe 2017
Tierisch beste Freunde bei der Eurofurence-Messe 2017

Was aber bewegt erwachsene Menschen dazu, sich als Plüschtier zu verkleiden? Ist es der Spaß an der Verkleidung, der Wechsel der Persönlichkeit? „Unterschiedlich“, sagt einer der Furries, ein knapp zwei Meter großer Fuchs. Für ihn sei es eine Möglichkeit, aus sich heraus zu kommen, lustig zu sein. All das, was er als Versandleiter nicht ausleben kann. „Ich schätze, das trifft auf die meisten Furry-Fans zu – das Gefühl frei zu sein.“