Führungen durch Neukölln

Wie ein Flüchtlings-Paar aus Syrien Berlin sieht

Unter dem Motto „Geflüchtete zeigen ihr Berlin“ bietet ein Paar aus Syrien eine Tour durch Neukölln an und räumt mit Vorurteilen auf.

Samer (2.v.r) und Arij Serawan (r) zeigen Berlin aus der Sicht von Flüchtlingen

Samer (2.v.r) und Arij Serawan (r) zeigen Berlin aus der Sicht von Flüchtlingen

Foto: Jörg Carstensen / dpa

"Die Deutschen sollen direkt mit den Geflüchteten sprechen, und nicht nur die Vorstellungen aus den Medien haben", sagt Samer Serawan. Er ist Syrer und seit fünf Monaten in Deutschland. Und er will seinen Teil dazu beizutragen. Gemeinsam mit seiner Frau Arij wird er ab Sonntag zum Stadtführer. Unter dem Motto "Geflüchtete zeigen ihr Berlin" zeigt er Interessierten Orte in der Hauptstadt, die ihm wichtig sind - und dass Flüchtlinge nicht immer das sind, was sich Deutsche vielleicht unter ihnen vorstellen.

Das Treffen am Mittwoch ist die Generalprobe - und wirkt ein wenig bizarr. Während Samer Serawan die Medien für ihre Klischees kritisiert, treten ihm Pressefotografen fast auf die Füße, Journalisten kritzeln jedes Wort mit. Arij Serawan hat bisher nicht die besten Erfahrungen mit deutschen Medien gemacht. Als sie vor fünf Monaten nach Deutschland kamen, schrieben Journalisten, dass sie in Deutschland endlich Freiheit hätte. Dabei habe sie in Damaskus alle Freiheiten gehabt, die sie sich wünschte, sagt sie. Vor dem Krieg.

Die 29-Jährige ist Anwältin, hat sechs Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Ihr Mann hat ebenfalls Jura studiert und war 10 Jahre in der Verwaltung tätig. Fünf Jahre haben sie im Bürgerkrieg in Syrien gelebt, schließlich schien ihnen die Flucht der einzige Ausweg aus dem Bombenhagel. 30 Tage waren sie unterwegs, mit Bus, Taxi und zu Fuß. Sie fuhren mit einem Schlauchboot übers Mittelmeer, 47 Menschen waren an Bord - doppelt so viele wie zugelassen.

Die Sonnenallee wird zur "Arab Street"

"Wir erzählen nicht nur unsere Geschichte, sondern die Geschichte vieler Flüchtlinge in Berlin", sagt Samer Serawan. Flüchtlinge assoziiere man oft mit hilfsbedürftig. Doch das seien bei weitem nicht alle. "Wir suchen nur Schutz vor den Bomben", ergänzt er. Er will möglichst wenig Geld aus den Sozialkassen, höchstens eine Starthilfe. In fünf Jahren will er in Deutschland erfolgreich auf eigenen Beinen stehen. Die Wahrnehmung von Flüchtlingen als Bittsteller will das Ehepaar auf seiner Stadtführung ändern.

Rund 80 000 Flüchtlinge sind nach Angaben der Senatssozialverwaltung 2015 nach Berlin gekommen. Seit Januar sind noch einmal knapp 9 400 dazugekommen. Die meisten stammen aus Syrien. Oft ist ihre Bildung und Ausbildung noch gar nicht erfasst.

Der neue syrische Stadtführer spricht Englisch - und sagt kein einziges Mal "refugee" - Flüchtling. Er sagt "Newcomer", Neuankömmlinge. Sie treffen sich meist in der "Arab Street", wie das Ehepaar die Sonnenallee nennt. Sie ist eine der sieben Stationen auf der rund zweistündigen Tour durch Neukölln. An jedem Stop erklären sie, wieso dieser Ort wichtig für sie ist. Zum Beispiel die Sparkasse in der Karl-Marx-Straße. Hier können Flüchtlinge ein Konto eröffnen und bekommen einen Ansprechpartner, der arabisch spricht. Samer Serawan hat sich um drei Uhr morgens angestellt, weil die Schlange so lang war.

Auch wenn die neuen Stadtführer englisch sprechen und deutsch lernen - eine arabische Übersetzung ist für sie wichtig. Deswegen gehört auch der arabische Supermarkt "Baraka" auf der Sonnenallee zu der Tour. Hier sind die Produkte auch in ihrer Sprache beschrieben.

Das Paar hat großen Ehrgeiz: In drei bis vier Monaten wollen sie ihre Tour auf deutsch anzubieten. Die Organisatoren, die auch Führungen mit Obdachlosen anbieten, kümmern sich zur Zeit um eine Arbeitserlaubnis. Damit könnten Samer und Arij Serawan eine Ehrenamtspauschale für ihre Führungen bekommen. Doch wie so oft heißt es warten, das Prozedere dauert. Bis die Erlaubnis da ist, führen die beiden Syrer ohne Lohn durch Neukölln. Erste Touren sind bereits für Juni und Juli gebucht, sagt "Querstadtein". Samer Serawan konnte gar nicht glauben, dass die Deutschen so weit im Voraus planen.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.