Prozess

Doppelmord in Neukölln - Zeugin mit dem Tod bedroht

Im Januar starben zwei Schwestern durch mehrere Schüsse in den Hinterkopf in einer Neuköllner Bäckerei. In dem Prozess um die blutige Tat soll nun eine Zeugin massiv eingeschüchtert worden sein.

Die Zeugin wollte den Gerichtssaal zunächst nicht betreten. Sie habe Angst, sagte sie zu dem Schwurgerichtsvorsitzenden, der sie zu beruhigen versuchte. Sie sei massiv bedroht worden.

Die 25 Jahre alte Kellnerin hatte den wegen Doppelmordes Angeklagten Mehmet Ö. unmittelbar vor der Tat beobachten können. Er saß am 16. Januar 2013, wie in den Wochen zuvor, in der Flughafenstraße in Neukölln in der Gaststätte „Endstation“ und starrte aus dem Fenster zu einer Bäckerei, deren Inhaberinnen seine ehemalige Lebensgefährtin Nura H. und deren Schwester Gyulten H. waren. Die 33-jährige Nura H. hatte sich von ihm getrennt, lebte inzwischen mit einem anderen Mann.

Mehmet Ö. habe vorher schon mehrfach gesagt, dass er Nura H. wegen der Trennung töten wolle, gab die Kellnerin zu Protokoll. In dieser Nacht – unmittelbar vor der Tat – habe er diese Drohungen wiederholt. Sie habe es aber nicht glauben können, so die Kellnerin. „Ich kannte ihn als Mann, der keiner Fliege etwas zuleide tun kann. Freundlich, höflich, respektvoll.“ Er habe am Abend vor der Tat auch – wie stets – keinen Alkohol getrunken oder Drogen genommen. Sie sei dann entsetzt gewesen, so die Zeugin, als sie hörte, dass Mehmet Ö. wenig später in dem Bäckerladen auf die Schwestern geschossen hatte. Nura H. starb, von neun Kugeln im Kopf getroffen, noch am Tatort. Schmauchspuren beweisen, dass die Schüsse aus unmittelbarer Nähe abgegeben wurden. Auch der fünf Jahre älteren Schwester Gyulten H. hatte der Angeklagte in den Kopf geschossen. Sie erlag ihrer Verletzung einen Tag später im Krankenhaus.

Schüsse in der Bäckerei

Am 18. August, sagte die Kellnerin, sei sie im Friseurgeschäft der Schwester von Mehmet Ö. gewesen, um sich das Haar schneiden zu lassen. Die Schwester habe sie beschimpft, weil sie in den Akten gelesen hatte, dass Mehmet Ö. von der Kellnerin belastet wurde. Sie habe gefordert, dass die Zeugin ihre Aussagen zurück nimmt. „Ich sollte sagen, dass ich bei der Vernehmung bei der Polizei Kopfschmerzen hatte und deswegen etwas Falsches gesagt habe. Wenn ich das nicht tue, würde sie mich erschießen“, so die Kellnerin.

Als weiterer Zeuge wurde am Dienstag der Mitarbeiter einer Security-Firma vernommen. Der 43-Jährige wollte sich am Morgen des 16. Januar in der Bäckerei zwei Schrippen kaufen. Als er den Laden betrat, sah er, wie sich der Angeklagte mit einer Verkäuferin heftig stritt. Mehmet Ö. sei dann an ihm vorbei gegangen und habe plötzlich eine Pistole in der Hand gehalten. „Ich habe 20 Jahre Berufserfahrung“, so der Security-Mitarbeiter, „ich habe sofort gespürt, dass es eine hoch gefährlich Situation ist.“ Mehmet Ö. habe ihn angeherrscht: „setzen, setzen“, sei dann aber wieder zu den Frauen gegangen. Diese Gelegenheit hatte der Zeuge genutzt, aus dem Laden zu fliehen. Draußen fuhr zufällig gerade ein Streifenwagen vorbei. Der Security-Mitarbeiter stoppte ihn. „Als ich dem Beamten gerade schilderte, dass sich in dem Geschäft ein Mann mit einer scharfen Waffe befindet, hörten wir auch schon die Schüsse“, erinnerte sich der Zeuge. Der Polizist sei sofort ausgestiegen, habe seine Waffe gezogen – in dem Moment habe Mehmet Ö. die Bäckerei verlassen und sei sofort von dem Beamten gestellt worden: „Hände hoch! Polizei! Waffe fallen lassen!“

Patrone in der Pistole verklemmt

Der Security-Mitarbeiter wusste nicht mehr genau, ob Mehmet sofort reagierte. Der Polizeibeamte hatte in Erinnerung, dass Mehmet Ö. seiner Aufforderung nicht sofort folgte, sondern zunächst mehrfach an seiner Pistole nestelte, offenbar jedoch ohne Erfolg. Erst danach und auf Drängen des Beamten habe er die Waffe fallen lassen und sich auf den Boden gelegt. Der Polizeikommissar hielt ihn in Schach, der Security-Mitarbeiter legte ihm Handfesseln an. Wenig später kam auch schon Verstärkung. Später stellten Kriminaltechniker fest, dass sich in der Pistole eine Patrone verklemmt hatte. Der Polizeikommissar geht davon aus, dass Mehmet Ö. ansonsten versucht hätte, auch auf ihn und den Security-Mitarbeiter zu schießen. „Das war schon eine brenzlige Situation“, sagte der Polizist vor dem Gerichtssaal. Er weiß, wovon er redet. Der Beamte war auch im Dienst, als am 17. März 2006 nur einen Steinwurf entfernt sein Kollege, der Polizeihauptkommissar Uwe Lieschied, erschossen wurde.

Der Prozess wird fortgesetzt.