Der Hauptautor der renommierten Shell‑Jugendstudie, Professor Mathias Albert, bezeichnet die zwischen 1995 und 2010 geborene Gen Z als „Lost Generation“. Seine Diagnose sorgt für Widerspruch. Student Gianni Matheja (21), Seriengründerin Nour Idelbi (20), Keynote-Speakerin Anastasia Barner (27) und Politikberater Adrian Schimmelpfennig (24) erklären, warum ihre Generation zwar unter Krisen, digitalem Dauerstress und einer Vielzahl von Wahlmöglichkeiten leidet – aber keineswegs verloren ist.

Anastasia Barner: „Überfordert, aber nicht verloren“

„Gen Z ist nicht lost. Wir sind vielleicht teilweise überfordert, aber nicht verloren“, sagt Anastasia Barner. Das Problem seien nicht fehlende Perspektiven, sondern die unüberschaubare Zahl der Möglichkeiten: „Wir haben das Privileg der Überauswahl in allen Bereichen. Es ist wie in einem US-amerikanischen Supermarkt, in dem man allein in der Müsliabteilung vor 100 Optionen steht.“
Noch nie habe es so viele mögliche Lebenswege und Berufe gegeben. Gleichzeitig entstünden Tätigkeiten, die heute noch gar nicht als klassische Berufe wahrgenommen würden. Barner spricht deshalb lieber von der „Gen Z(ukunft)“. Ihre Generation sei „noch nah genug an dem technischen Wandel, dass wir uns darauf einstellen können“.

KI-Anwendungen wie ChatGPT und Claude gehörten für viele längst zum Alltag. „In meinem Umfeld nutzen viele KI im Alltag, aber auch im Job“, sagt Barner. Die pauschale Klage über die Jugend hält sie für ein jahrtausendealtes Muster. Jede Generation trage die Verantwortung, Neues anzunehmen. Im besten Fall unterstützen Ältere die Jungen mit ihrem Wissen, „statt nur über sie zu urteilen“.

„Faust statt KI“: Kritik am Bildungssystem

Besonders kritisch sieht Barner Schulen und Universitäten. Lehrerinnen und Lehrer verweigerten sich digitalen Lösungen häufig nicht aus Überzeugung, sondern weil Zeit, Ausstattung und Strukturen fehlten. „Faust statt KI, Brecht statt über Rente sprechen“, beschreibt sie zugespitzt den aus ihrer Sicht falschen Fokus.

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„Der Bildungsmarkt im weitesten Sinne, von der Grundschule bis zu den Universitäten, ist leider überhaupt nicht im neuen digitalen Zeitalter angekommen“, sagt Barner. Das gelte auch für viele Behörden. Freunde aus anderen Ländern amüsierten sich darüber, wie wenig in Deutschland digital erledigt werden könne.

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Anastasia Barner bei einem Auftritt im KaDeWe Berlin im August 2026.© Getty Images for MINI | Jeremy Moeller

Auch bei der Berufswahl fordert Barner ein Umdenken. „Jahrzehntelang hieß es: Studiert, egal was.“ Inzwischen gebe es eine Trendwende zum Handwerk und zu Ausbildungsberufen, die nicht ohne Weiteres durch KI ersetzt werden könnten. Das Dogma, nur Akademiker seien wertvolle Mitglieder der Gesellschaft, müsse überwunden werden. Zudem werde übersehen, wie viele junge Menschen Unternehmen gründeten und innovative Ideen umsetzten. Diese seien „überhaupt nicht lost, sondern nutzen die Chancen und erkennen die Zeichen der Zeit“.

Adrian Schimmelpfennig: Spaltung „in passive Konsumenten und aktive Gestalter“

Adrian Schimmelpfennig blickt deutlich kritischer auf Teile seiner Generation. „Die Mehrheit meiner Generation sind Dopamin-Junkies, deren Motivationssystem von profitoptimierten Big-Tech-Algorithmen gekapert wurde“, sagt er. Viele junge Menschen litten unter Einsamkeit und psychischen Problemen – und verlören zusammengerechnet „oft 20 bis 30 Jahre ihres Lebens an Bildschirmen“.

Adrian Schimmelpfennig
Der Berliner Politik-Influencer Adrian Schimmelpfennig (24) will junge Menschen vor der Vereinnahmung durch Algorithmen und Smartphones retten.© BM | Privat

Doch Schimmelpfennig sieht auch eine Gegenbewegung. Schätzungsweise 20 bis 30 Prozent hätten es geschafft, „Big Tech zu schlagen und Technik für sich zu nutzen“. Diese jungen Menschen bauten gesunde Routinen auf, schützten ihren Schlaf und verstünden, wie Algorithmen funktionierten. Manche seien durch Glück „in den richtigen digitalen Bubbles gelandet“.
Social Media, KI und der nahezu unbegrenzte Zugang zu Wissen könnten ein gewaltiger Hebel sein: „Sie lernen schneller, bauen Unternehmen und Projekte, sind kreativ und können in jungen Jahren Dinge schaffen, für die frühere Generationen weder die Werkzeuge noch den Zugang hatten.“

Schimmelpfennig beobachtet deshalb eine Spaltung „in passive Konsumenten und aktive Gestalter“. Die Grenzen seien allerdings fließend. Junge Menschen könnten sich seiner Ansicht nach vor allem gegenseitig helfen, einen selbstbestimmten Umgang mit der digitalen Welt zu finden.

Gianni Matheja: „Pathologisierender Alarmismus“

Student Gianni Matheja hält Alberts Diagnose für überzogen. Die Gen Z zur „Lost Generation“ zu erklären, sei „pathologisierender Alarmismus“. Natürlich gebe es große Verunsicherung: „Angesichts von Krieg, Klimakrise, hohen Lebenshaltungskosten und eines Arbeitsmarktes, den Künstliche Intelligenz grundlegend verändern dürfte, wäre alles andere auch erstaunlich.“

Gianni Matheja
Student Gianni Matheja (21).© BM | Pixeltanz

Albert beschreibe diese Herausforderungen richtig. „Aus Verunsicherung aber eine allgemeine Perspektivlosigkeit abzuleiten, halte ich für eine empirisch kaum gedeckte Verkürzung“, sagt Matheja. Selbst die Shell-Jugendstudie, für die Albert mitverantwortlich sei, zeichne ein differenzierteres Bild. Eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen habe sich mit der Demokratie zufrieden gezeigt und sei überzeugt gewesen, in Deutschland die eigenen Lebensziele verwirklichen zu können.

„Die Studie dokumentierte also keineswegs nur Sorgen, sondern auch den Pragmatismus und Optimismus der Generation“, sagt Matheja. Er erinnert zudem daran, dass Albert selbst vor plakativen Generationenbegriffen gewarnt habe. „Plakativer als das Etikett einer verlorenen Generation wird es wohl kaum.“

Studien zeigen Zuversicht unter Jugendlichen

Auch andere Untersuchungen widersprächen der Diagnose. Die aktuelle Sinus-Jugendstudie zeige, dass eine große Mehrheit der minderjährigen Befragten optimistisch auf die eigene Zukunft blicke. Untersuchungen der Bertelsmann Stiftung legten zudem nahe, dass junge Erwachsene teilweise sogar zuversichtlicher seien als ältere Menschen.

„Vielleicht projiziert die ältere Gesellschaft einen Teil ihrer eigenen Verunsicherung auf junge Menschen“, sagt Matheja. Es gebe einen Unterschied zwischen Wahrnehmung und Wahrheit. Aus einzelnen Beobachtungen Wesensmerkmale einer ganzen Generation abzuleiten, erzeugt lediglich ein verkürztes Bild.

Seriengründerin Nour Idelbi
Seriengründerin Nour Idelbi, 20, ist unter den „Forbes 30 unter 30“.© BM | Privat

Nour Idelbi: KI zerstört ein altes Versprechen

Auch Seriengründerin Nour Idelbi erlebt ihre Generation nicht als verloren, sondern als „extrem verunsichert darüber, welchen Weg sie überhaupt einschlagen soll“. Lange hat das Versprechen gegolten: „Mach einen guten Abschluss, studiere, arbeite hart – dann hast du Sicherheit.“ Durch KI verliert dieses Versprechen massiv an Glaubwürdigkeit.

Nour Idelbi
Gründerin Nour Idelbi ist Vorbild für viele andere in der Gen Z.© BM | Privat

Als Gründerin sieht Idelbi jedoch zugleich enorme Chancen. Noch nie hätten junge Menschen mit so wenig Kapital sowie mithilfe von Technologie und Social Media etwas Eigenes aufbauen können. „Ich glaube deshalb, dass wir weniger Angst vor KI brauchen und viel stärker lernen müssen, sie als Werkzeug zu nutzen“, sagt sie. Junge Menschen müssten wieder das Gefühl erhalten, ihre Zukunft selbst gestalten zu können.

Idelbi beobachtet ein historisches Hoch bei Gründergeist und Mut zur Selbstständigkeit. KI erleichtere es zusätzlich, Ideen umzusetzen. Was junge Menschen bremse, sei häufig das deutsche Verhältnis zum Scheitern: „Hier werden Fehler viel härter gewertet, als sie beispielsweise in Amerika gefeiert werden.“

Die vier Stimmen zeichnen damit kein sorgenfreies Bild der Gen Z. Sie zeigen aber eine Generation, die sich zwischen Krisen, Algorithmen und KI neu orientieren muss – und dabei nicht nur Risiken sieht, sondern ihre Zukunft selbst gestalten will.