Von , Bezirksreporterin Mitte

Ein Schwertransport brachte am Freitagmittag eine besondere Fracht zur Gedenkstätte Berliner Mauer in Berlin-Mitte. Es handelte sich um drei tonnenschwere Teile eines Spionagetunnels, der 1955/56 elf Monate lang die Grenze zur DDR unterwanderte. Britischer und amerikanischer Geheimdienst arbeiteten während des Kalten Kriegs zusammen, um die Telefone des sowjetischen Militärs abzuhören.

Das Unglaubliche: Noch vor der Entdeckung durch die Sowjets 1956 hatte deren Militär von der „Operation Gold“ gewusst. Der britische Doppelagent George Blake hatte die Pläne an den sowjetischen Geheimdienst KGB verraten. Dennoch ließ Moskau die Abhöraktion zunächst weiterlaufen.

Berliner Unterwelten erhält Spionage-Tunnel
Geheimdienstexperte Helmut Müller-Enbergs (li.) und Unterwelten-Chef Dietmar Arnold in einem tonnenschweren Teil des Spionagetunnels. Drei von diesen Elementen wurden am Freitag auf dem Gelände der Mauergedenkstätte in der Gartenstraße abgeliefert.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Spionageexperte Helmut Müller-Enbergs ist sich sicher: „Dieser Tunnel ist ein Meilenstein in der Spionage-Geschichte!“ Warum? „Die Informationen, die darüber abgesaugt werden konnten, bewahrten tatsächlich den Frieden. Sie sorgten dafür, dass sich der Kalte Krieg nicht in einen heißen Krieg verwandelte.“

Entwarnung der CIA: „Die Russen kommen nicht“

Laut Müller-Enbergs hat der Nachrichtendienst CIA Unterlagen freigegeben, aus denen ersichtlich ist, dass die Informationen dazu beitrugen, den Frieden zu erhalten. „Die Russen kommen nicht!“, meldete der Geheimdienst damals nach Washington. Kaum jemand ist so tief in der Materie drin wie der Geheimdienstexperte: Er hat acht Jahre lang die Spionageabwehr des Landes Berlin geleitet. Und ist gegenwärtig Gastwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Außerdem betrieb er nach eigenen Angaben ein Vierteljahrhundert lang Grundlagenforschungen bei der Stasiunterlagenbehörde.

Berliner Unterwelten erhält Spionage-Tunnel
Die Spionagetunnelteile auf dem Gelände der Gedenkstätte Berliner Mauer. Im Vordergrund ein alter Wachturm der DDR.© FUNKE Foto Services | Jörg Carstensen

Der Spionagetunnel zwischen Rudow und Altglienicke steht für eine der spektakulärsten Spionageaktionen des Kalten Kriegs: Der britische Geheimdienst MI6 (SIS) und die amerikanische CIA errichteten ihn 1954/55, um das sowjetische Militärtelefonnetz anzuzapfen. Ausgehend von einer zur Tarnung auf West-Berliner Seite errichteten Radarstation führte der rund 460 Meter lange Stollen etwa 330 Meter ins DDR-Gebiet hinein. Von Mai 1955 bis April 1956 konnten die Geheimdienste auf diese Weise hunderttausende Telefongespräche der sowjetischen Militärs abhören. 70 Jahre nach der Entdeckung der Tunnelstücke werden sie nun in Berlin restauriert und aufgestellt.

Paradox: Ost und West kannten alle Pläne voneinander

Obwohl die Sowjets durch den Doppelagenten George Blake von Anfang an über den Tunnel informiert waren, ließen sie das Projekt absichtlich laufen, um ihre Quelle nicht zu gefährden. Dies führte zu einer paradoxen Situation: Die durchgesickerten Informationen zeigten dem Westen unmissverständlich, dass die Sowjetunion zu diesem Zeitpunkt weder einen Angriff plante noch an einer militärischen Eskalation interessiert war. Diese Gewissheit verhinderte in einer Phase extrem hoher politischer Spannungen fatale Missverständnisse, Fehlreaktionen und einen atomaren Erstschlag zwischen Ost und West. Die Spionageaktion lieferte somit den entscheidenden Schlüssel zur Deeskalation und bewahrte den Frieden auf dem europäischen Kontinent. Die paranoide Geschichte wurde 1993 mit Isabella Rossellini unter dem Titel „… und der Himmel steht still“ (Originaltitel: The Innocent) verfilmt. Gedreht wurde unter anderem auf dem Flughafen Tempelhof.

George Blake
Doppelagent George Blake († 2020 in Moskau), aufgenommen im Jahr 1950. Er spielte eine Schlüsselrolle beim Spionagetunnel.© BM | Autor unbekannt / gemeinfrei

Aufdeckung des Spionagetunnels 1956

In der Nacht vom 21. auf den 22. April 1956, elf Monate nach Inbetriebnahme des Tunnels, wurde das Ostende des Tunnels von sowjetischen und ostdeutschen Soldaten freigelegt, nachdem es in den Tagen zuvor durch starke Regenfälle zu Störungen an verschiedenen Telefonleitungen gekommen war. Die verschollen geglaubten Tunnelsegmente wurden erst im August 2026 gefunden. Sie waren einst auf dem Standortübungsplatz der „Pionierkaserne am Küchensee“, wie der Ort zu DDR-Zeiten hieß, zu Übungszwecken vergraben worden.

USA-Spionagetunnel unter DDR-Gebiet
Aufdeckung des US‑Spionagetunnels unter der DDR: Bei einer Pressekonferenz der Sowjets fand eine Besichtigung der amerikanischen Abhörzentrale mit internationaler Presse statt.© Bundesarchiv | Junge, Peter Heinz

Die vom Verein Berliner Unterwelten geborgenen Tunnelstücke sollen zunächst denkmalpflegerisch untersucht und anschließend konserviert werden. Ein Teilstück soll das DDR-Museum erhalten, ein weiteres künftig im Rahmen der Tour 3 „U-Bahn, Bunker, Kalter Krieg“ des Unterwelten-Vereins gezeigt werden. „Ein drittes Teilstück könnte dann am Originalschauplatz am Mauerweg zwischen Rudow und Altglienicke aufgestellt werden, wo heute nur vier Stelen an den Spionagetunnel erinnern“, so Arnold.

„Operation Gold“ – Informationen als Lebensretter

Bei der „Operation Gold“ verhinderten CIA und MI6 eine militärische Eskalation zwischen Ost und West, wodurch Millionen Menschenleben gerettet wurden. Das erfolgreiche Sachbuch „Operation Gold – Der Spionagetunnel in Berlin“ von Dietmar Arnold und Helmut Müller-Enbergs muss nun um ein neues Kapitel erweitert werden. Den Kern des Werks bildet eine Originaldokumentation der Humboldt-Universität für den DDR‑Innenminister. Während der Historiker Prof. Müller-Enbergs darin die Sichtweisen der Beteiligten analysiert, beleuchtet Berliner-Unterwelten-Gründer Dietmar Arnold in einer reich bebilderten Chronik die DDR-Propaganda und die heutige Freilegung der Tunnelrelikte.