Vietnamesische Restaurants werden in Berlin immer beliebter. Seit 2025 gibt es auch in der Friedrichstraße 30 in Berlin-Mitte ein vietnamesisches Fusion-Restaurant namens „Umami“. Es ist Teil eines ganzen „Umami“-Imperiums, dessen sechste Dependance gerade am Kudamm eröffnet hat. Doch was auf den ersten Blick mühelos aussieht, erschien für Tuyen Pham eigentlich unerreichbar. Bereits als 10-Jähriger träumte er von einem Leben in der Hauptstadt. In seinem Dorf gab es nur einen einzigen Fernseher. Dort hatte er einen Bericht über Berlin gesehen, die Stadt der Freiheit. Da wollte er hin.

Umami Mitte friedrichstraße
Lampions, dunkles Holz und gemütliche Sitzlounges: So wie das vietnamesische Fusion-Restaurant „Umami Mitte“ in der Friedrichstraße 30 sehen alle Dependancen aus.© BM | Maison Umami

Doch Tuyens Familie war sehr arm und er sprach kein Wort Deutsch. Trotzdem ging ihm „Béc-Lin“ nicht mehr aus dem Kopf, also Berlin. Vielleicht konnte er dort Polizist werden oder Politiker? In einem Land, in dem auch katholische Christen diesen Beruf ergreifen dürfen. Jeden Tag erzählte er seinem Vater von seinem Traum. Dieser hatte große Bedenken, seinen noch so jungen Sohn in die Fremde zu schicken. Doch Tuyen hörte nicht auf, von Berlin zu reden. Schließlich fuhr der Vater in die Großstadt Hanoi und kam mit einer überraschenden Nachricht zurück: „In zwei Tagen geht dein Flug!“, sagte er. „Ich weiß bis heute nicht, wie er das teure Flugticket kaufen konnte“, so Tuyen beim Treffen mit der Morgenpost.

Mit 13 Jahren verließ Tuyen seine Heimat

Es war das Jahr 2001, Tuyen war gerade erst 13 Jahre alt, sprach noch immer kein Deutsch und hatte weder eine Ausbildung noch einen Schulabschluss. Das Flugticket seines Vaters brachte ihn zunächst einmal nur nach Moskau. Erst nach einem Jahr gelangte Tuyen nach Deutschland. Doch weil er so jung war, steckte man ihn in ein Kinderheim bei Chemnitz. „Ich war sehr traurig und hatte Angst, habe viel geweint“, berichtet Tuyen der Morgenpost. Auch das deutsche Essen war ihm sehr fremd, und nur mit Mühe konnte er sich überwinden, etwas zu sich zu nehmen. Wollte er wieder nach Hause? „Nein!“, sagt Tuyen entschieden. „Ich wollte nach Berlin!“

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Mehrmals floh Tuyen aus dem Kinderheim, doch die Polizei griff ihn auf und brachte ihn wieder zurück. Bis er eines Tages entkam und wirklich in Berlin anlangte, vergingen weitere 1,5 Jahre. Tuyen meldete sich in einem Wohnheim in Berlin-Neukölln an. Doch nach zwei Monaten sah die Polizei in seinen Akten, dass er in Chemnitz gemeldet war, und wollte ihn wieder in den Zug dorthin setzen. Am Ostbahnhof warteten die Beamten mit Tuyen bei „Burger King“ auf den Zug, während er unter Tränen seine Situation erklärte. Sie ließen ihn gehen.

Ich habe immer wieder gesagt, dass ich nach Berlin will.

Tuyen Pham, Restaurantgründer „Umami“

Vietnamesische Jesuiten hatten eine Lösung

Nun kommt eine vietnamesischsprachige katholische Gemeinde in Berlin ins Spiel: die Kirche St. Aloysius in Wedding, die angegliedert ist an die Pfarrei Corpus Christi. Hier besuchte Tuyen jeden Sonntag den Gottesdienst. Dem katholischen Pater Stefan Taeubner, der fließend Vietnamesisch spricht, erzählte Tuyen seine Geschichte. Daraufhin besorgt die Gemeinde Tuyen eine Wohnung in Kreuzberg. In Neukölln kann er eine katholische Schule besuchen. Eines Tages trifft Tuyen auf einen Besucher des Gottesdienstes namens Eisenbarth, dem er seine Geschichte erzählt, während er eine Kirche saubermacht.

Umami Familie
Sechs Geschwister, sechs „Umami“-Restaurants: Tuyen Pham, Duan Pham, Chien Pham, Hoang Pham, Bien Pham und Ban Pham.© BM | Lilly Le

Man freundet sich an. Stefan Eisenbarth, der selbst fünf Kinder hat, bietet Tuyen schließlich das Dachzimmer des Familienwohnsitzes in Marienfelde an. Eines Tages wird Tuyen am Berliner Hauptbahnhof von der Polizei kontrolliert. Weil er keine Papiere hat, soll er abgeschoben werden. Mehrere Tage verbringt er im Abschiebegefängnis Grünau. In der Gefängniszelle schreibt er mit Marmelade seinen Namen an die Wand, betet zu Gott: „Wenn ich zurück soll, akzeptiere ich das, lieber Gott.“ Dann geschieht das Wunder: Die Tür öffnet sich, ein Polizist kommt herein und sagt: „Herr Pham, Sie können nach Hause gehen.“

Die Eisenbarths, die Tuyen ins Herz geschlossen haben, nehmen ihn schließlich im Jahr 2004 als Pflegeeltern auf. Heute sagt Tuyen „Papa“ und „Mama“ zu ihnen. Bei Putzjobs in Küchen sieht Tuyen, dass andere Nationen oft mit sehr viel Öl kochen. Die Idee von einer gesunden Fusion-Küche entsteht. Tuyen beschäftigte sich intensiv mit Kulinarik, Rezepturen und internationaler Küche. Der Rest ist Berliner Gastrogeschichte.

Tuyen ist ein Autodidakt, ein Koch-Naturtalent. 2014 gründete Tuyen das erste „Umami“ in der Knaackstraße 16 in Prenzlauer Berg, 2016 folgte eines in der Bergmannstraße 97 in Kreuzberg, dann 2018 eine Filiale in der Schlesischen Straße, 2019 in Friedrichshain, 2025 in der Friedrichstraße 30 in Mitte und 2026 in der Rankestraße 2 am Kudamm. Jedes der insgesamt sechs Geschwister leitet ein Restaurant. Die Lokale sind immer voll. Jetzt will Tuyen nicht nur deutschlandweit expandieren, sondern in ganz Europa.

„Umami“: leckeres Essen und Engagement

„Umami“ wurde nicht nur mit dem Berliner Gastro-Award 2022 als bestes Fusion-Restaurant ausgezeichnet, sondern erhielt wegen seiner positiven Kundenbewertungen auch das „Trip Advisor Certificate of Excellence“ in vier aufeinanderfolgenden Jahren. Darüber hinaus engagiert sich die Familie in Berlin sozial durch Partnerschaften mit der Berliner Tafel, der Arche und der Arne-Friedrich-Stiftung.

Umami Berlin: Die tragische Familiengeschichte hinter den Restaurants
Geheimtipp bei „Umami“: das vielfältige traditionelle Bao Dai‘s Dinner zum Teilen, wie es in Asien üblich ist.© FUNKE Foto Services | Florian Boillot

Die „Umami“-Restaurants bieten frisches Essen zu einem moderaten Preis und sind von 12 bis um Mitternacht geöffnet. Besonders beliebt sind Gerichte wie „Golden Poularde“, knuspriges Entenfilet auf einem Curry-Eintopf, oder die traditionelle Pho Bo (Reisbandnudel in einer Brühe mit Rind). Tuyens Geheimtipp: das 5‑Gänge-Menü „Bao Dai‘s Dinner“ für Familien.

Vietnamesen in Berlin

Die vietnamesische Community in Berlin ist mit 46.302 Menschen (Stand: Dezember 2025) die größte südostasiatische Gruppe der Stadt. Sie konzentriert sich vor allem in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf. Im Bezirk Lichtenberg sind 14.251 Menschen mit vietnamesischem Migrationshintergrund gemeldet. Dort befindet sich auch Berlins größter Asia-Markt, das Dong-Xuan-Center, und eine Geisterstadt, die ehemals von vietnamesischen Vertragsarbeitern bewohnt wurde. Der Hintergrund: In den 1980er-Jahren kamen vietnamesische Einwanderer als befristete Vertragsarbeiter nach Ostberlin, im Rahmen eines Abkommens zwischen der DDR-Regierung und der vietnamesischen Regierung. Südvietnamesen, die vor dem Vietnamkrieg geflohen waren, kamen stattdessen nach Westberlin.