Martina Witsch arbeitet bei U25, einer Beratungs-Plattform für jugendliche Suizidgefährdete in Berlin. Dort gilt das Peer-to-Peer-Prinzip. In anonymen Nachrichten schildern die jungen Menschen ihre Nöte gegenüber jungen Freiwilligen, die häufig selbst Krisenerfahrungen durchgemacht haben. Einsamkeit und Überforderung sind große Krisen-Themen. Junge Mädchen sind besonders stark betroffen.

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„Wir bekommen oft die Rückmeldung, dass die niederschwellige, anonyme Beratung unheimlich geholfen hat“, sagt Witsch. Eine 25-Jährige, die nicht wusste, was sie nach dem Studium machen sollte, sei ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Martina Witsch beobachtet, dass viele durch das ständige Vergleichen in Essstörungen rutschen. „Die sozialen Medien beeinflussen nicht nur das Körperbild immens, sondern auch die Wahrnehmung über das eigene Leben.“
Soziale Medien beherrschen das Leben vieler
Auch Adrian Schimmelpfennig, der als Politikberater beruflich täglich mit sozialen Medien arbeitet, kennt die Gefahr: „Ich habe viele Freunde dabei beobachten können, wie sie sich in Abgründe gescrollt und verglichen haben“, verrät er gegenüber der Morgenpost.
Schimmelpfennigs Eltern-Medien-Akademie will Jugendliche aus der Dopamin-Falle des ständigen Scrollens herausholen. Denn er weiß: „Seit der Erfindung des Smartphones 2007 ist die Suizidrate bei Teenagern in den USA um über 60 Prozent gestiegen.“ In Deutschland sei ein ähnlicher Trend festzustellen. Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen sei von Angststörungen und Depressivität betroffen.
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Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren verbringen laut der aktuellen Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (JIM-Studie 2025) im Schnitt etwa vier Stunden täglich mit ihrem Smartphone. Die Postbank-Jugend-Digitalstudie 2025 ergab: Spätestens mit zwölf Jahren haben 71 Prozent der Mädchen und Jungen heutzutage ein eigenes Smartphone. In Australien wurde die Altersgrenze für Soziale Medien jetzt per Gesetz auf 16 Jahre festgelegt. In Deutschland gibt es kein gesetzliches Mindestalter.
Mädchen machen Soziale Medien unglücklicher
Die exzessive Nutzung des Smartphones macht junge Menschen nicht glücklich, wie die Schulbefragung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von Jugendlichen im Alter von 11, 13 und 15 Jahren belegt. Die jungen Menschen beschrieben ihr suchtartiges Verhalten, das sie davon abhielt, aktiv zu sein und sich mit echten Menschen zu treffen. Besonders 13-jährige Mädchen berichteten von ihrem „problematischen Social-Media-Konsum“, der sie nonstop beschäftige.
Suizide zählen bei Heranwachsenden zu den häufigsten Todesursachen. „Dies unterstreicht, wie wichtig kontinuierliche Präventionsarbeit auch und gerade bei jungen Menschen ist“, sagt Markus Geißler von der Berliner Fachstelle Suizidprävention. Einen kausalen Zusammenhang zwischen sozialen Medien und Suiziden möchte Geißler aber nicht herstellen. „Öffentliche Statistiken erfassen keine Motive von Suiziden und insbesondere für Kinder und Jugendliche liegen hierzu keine systematischen Daten vor“, erklärt er. Die Gefahren sozialer Medien schlagen sich auch in der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) der Polizei Berlin nicht nieder. Faktoren wie Hasskriminalität und Beleidigungen im Internet spielen dort mit fünf Prozent nur eine vergleichsweise geringe Rolle.
BKA-Chef Münch: „Die großen Social-Media-Unternehmen kümmern sich nicht“
Der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, sagte der „Zeit“ Ende 2025: „Die Versuche, soziale Medien zu regulieren, haben leider bisher nur sehr beschränkten Erfolg. Beim Digital Services Act ist die Regelung zur Meldepflicht extrem schwammig. Gemeldet werden müssen nur Inhalte zu Straftaten, die eine Gefahr für das Leben oder die Sicherheit einer Person darstellen. Es ist aber nicht geregelt, was genau darunter zu verstehen ist und wie gemeldet werden muss. Außerdem fehlt es zumindest bislang an Konsequenzen.“
Von allen großen Online-Anbietern habe es 2025 nur 92 Meldungen an das BKA gegeben, vor allem zu Hasskriminalität und Suiziden und angedrohten Amokläufen oder Gewaltdelikten. „Die großen Social-Media-Unternehmen kümmern sich einfach nicht“, sagt Holger Münch.
„Schweigen kostet Leben“
Die Fachstelle Suizidprävention in Berlin existiert erst seit drei Jahren. Sie wird vom Land Berlin durch die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege gefördert und befindet sich in Trägerschaft des Caritasverbands für das Erzbistum Berlin. Hier arbeiten aktuell drei Personen. „Zu unseren Aufgaben gehört es, mit Veranstaltungen, Kampagnen und unserer Website Tabus zu brechen und den Mut zum Reden zu fördern“, sagt Thomas Geißler von der Suizidpräventionsstelle. Er weiß: „Es gibt Personengruppen mit besonders hohem Suizidrisiko: queere Menschen, solche mit psychischen Erkrankungen, Hinterbliebene nach Suizid, Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund sowie hochaltrige Menschen.“

„Schweigen kostet Leben“ heißt eine Kampagne der Suizidpräventionsstelle. Zuhören, Verständnis zeigen und Trost anbieten, hilft, Suizide zu verhindern. Auf der Webseite suizidpraevention-berlin.de sind 50 Hilfsangebote für Suizidgefährdete aufgelistet.
Anmerkung der Redaktion
Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über (mögliche) Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Suizidgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen.
Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.






