Der Berliner Senat plant, 10,1 Millionen Euro in den Umbau der Torstraße zu investieren. Die Straße in Berlin-Mitte soll vierspurig bleiben und sogar noch breiter werden – obwohl die tatsächliche Verkehrsstärke diesen Ausbau laut Experten nicht rechtfertigt. Die Pläne sorgen seit Monaten für heftigen Widerstand bei Anwohnern, Naturschützern und Verkehrsinitiativen.

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Bei solchen Projekten sind die Verwaltungen verpflichtet, ein Sicherheitsaudit durchzuführen, um zu prüfen, ob die Verkehrssicherheit berücksichtigt wird. Während der Berliner Senat sein eigenes Sicherheitsgutachten zur Torstraße bislang unter Verschluss hält, hat die Verkehrsinitiative Changing Cities e.V. nun ein externes Gutachten vorgelegt.

Dieses zeigt erhebliche Defizite: Die Straßenplanung des Senats verstoße gegen zentrale Grundregeln der sicheren Verkehrsführung. Die festgestellten Mängel sollen nicht nur Rad- und Fußverkehr betreffen, sondern gefährden nach Einschätzung des Auditors Roland Hauschulz auch die Autofahrer.

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Gutachten listet 90 Sicherheitsdefizite auf – 34 davon mit hohem Risiko

Das Gutachten identifizierte 90 Sicherheitsmängel, von denen 34 als besonders kritisch eingestuft werden. Sie sollen ein hohes Risiko für schwere Unfälle mit Personenschäden bergen. Besonders problematisch sei die gewählte Fahrbahnbreite: Sie sei fachlich nicht gerechtfertigt, sondern würde laut Gutachten die Geh- und Radwege so stark einschränken, dass die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer gefährdet wird.

Changing Cities betont, dass die „überdimensionale“ Fahrbahn für alle Verkehrsteilnehmenden Nachteile hätte: Autofahrende würden durch schlechte Sicht und Raser gefährdet, ÖPNV-Nutzende seien an Bushaltestellen nicht ausreichend geschützt, und Schulkinder müssten ungesichert eine vierspurige Straße überqueren. Aufenthaltsflächen für Fußgänger oder Gastronomie blieben unberücksichtigt.

Torstraße
Viel Raum für Fußgänger und Außengastronomie auf der Torstraße – fraglich, wie sich das mit der neu geplanten breiteren Fahrbahn künftig verändern wird.© Berliner Morgenpost | Lisa Schmiedlin

Torstraße: „Stadtautobahn mitten im Wohngebiet“

„Die Torstraße benötigt keine zwei Fahrspuren pro Richtung, und die geplanten Investitionen von über zehn Millionen Euro für eine ‚Stadtautobahn‘ mitten im Wohngebiet sind nicht zu verantworten“, kritisiert Verkehrsplaner Stefan Lehmkühler bei der Vorstellung des Gutachtens.

In der Planung des Senats würden Unfallhäufungsstellen nicht beachtet werden, obwohl Behörden verpflichtet seien, an bekannten Gefahrenpunkten gegenzusteuern. An Haltestellen, Schulen und stark frequentierten Abschnitten fehlten sichere Querungsmöglichkeiten für Fußgänger und Radfahrende, obwohl dort nachweislich viele Menschen die Straße überqueren.

Rettungsdienst kann Knotenpunkte kaum passieren

Am Rosenthaler Platz soll die Radverkehrsanlage aufgelöst werden, dort wo aktuell schon viele Fahrradunfälle passieren. An Knotenpunkten würden Sichtdreiecke nicht eingehalten. Für jeden der zu fällenden Bäume soll laut Senat zwar ein neuer gepflanzt werden, allerdings an Stellen, die die Sicht einschränken und Fahrradfahrer gefährden. Sicherheitstrennstreifen, die Radfahrende vor plötzlich geöffneten Autotüren – sogenannte Dooring-Unfällen – schützen, fehlten sowohl an der Torstraße als auch in den Nebenstraßen.

Ein weiteres Problem betreffe die Verkehrsknotenpunkte: Mehrere Kreuzungen sollen demnach in der Neubauplanung ohne strukturelle Verbesserungen übernommen werden, obwohl sie für den Rettungsdienst schon heute schwer passierbar sind. Der Auditor empfiehlt daher dringend, zumindest in Richtung Charité eine baulich geschützte Sonderfahrspur für Einsatzfahrzeuge einzurichten.

Auditor fordert Neuplanung – So reagiert der Senat

In seiner Gesamteinschätzung kommt der Sicherheitsauditor zu einem eindeutigen Urteil: „In Summe sind die identifizierten Sicherheitsdefizite so groß, dass sie nicht mehr im Rahmen von Detailänderungen zu beheben sind. Die Planung sollte daher grundlegend überarbeitet werden“. Der Fokus müsse auf der Einhaltung aller sicherheitsrelevanter Vorschriften liegen.

Changing Cities verweist auf eine eigene alternative Planung, die zeige, dass innerhalb der bestehenden Straßenbreite eine funktionierende Verkehrslösung möglich wäre – ohne Gastronomie, Fußverkehr oder Aufenthaltsqualität einzuschränken.

Der Verein fordert den Senat nun auf, sein eigenes, bislang unveröffentlichtes Sicherheitsaudit offenzulegen und die Planung auf Grundlage der neuen Erkenntnisse vollständig neu aufzusetzen. Dabei müssten reale Gegebenheiten herangezogen werden – wie das tatsächliche Verkehrsaufkommen, die bekannten Unfallstellen und die Schutzbedürfnisse der Menschen, die täglich auf der Torstraße unterwegs sind.

Die Senatsverwaltung teilt auf Anfrage der Berliner Morgenpost mit, dass die vorliegende Planung „von zertifizierten Sicherheitsauditoren geprüft wurde und den geltenden Vorschriften sowie dem einschlägigen Regelwerk entspricht.“