Nachdem die Bundesregierung die Umnutzung alter Nazi-Tunnel als Bunker für den Kriegsfall erwägt, Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) für die Einführung von Krisen-Unterricht an Schulen wirbt und Rheinmetall in Wedding auf Rüstungsbetrieb umgestellt hat, könnte der Eindruck entstehen: Wir stehen in Deutschland vor einem neuen Krieg. Die „Friedensgespräche“, eine neue Veranstaltungsreihe in Mitte, sind allerdings kein Indikator dafür.

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Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger hat nicht den Eindruck einer unmittelbaren Kriegsbedrohung, wie sie am Montagabend gegenüber der Morgenpost sagte: „Ich bin ja keine Bundespolitikerin. Ich wollte mit den Friedensgesprächen auf der lokalen Ebene eine Chance bekommen für den gesitteten Dialog. Weil ich weiß, dass der Ukraine-Krieg vielen Angst macht und weil der Nahostkonflikt, insbesondere das Leid der Palästinenser, viele Menschen im Bezirk ins Herz getroffen hat.“
Kritik an „Zeitenwende“ und Begriff „kriegstüchtig“

Am Montag ging es mit der ersten Veranstaltung in der VHS Mitte los. „Kriegstüchtig statt friedensfähig? Kriege der Gegenwart und neue Weltordnung“ lautete das Thema, dem sich Experte Andreas Zumach widmete. Der Sachbuchautor („Die kommenden Kriege“), erörterte, sehr sparsam moderiert von TAZ-Journalist Bernd Pickert, seine Sicht auf Nahost-Konflikt, Ukraine-Krieg und Friedensgruppierungen. Eine Handvoll Menschen hatte sich eingefunden, Raum für Dialog blieb wenig.
Andreas Zumach kritisierte die derzeitige politische Rhetorik in Deutschland. Weder stimmte er der von Scholz proklamierten „Zeitenwende“ – Wort des Jahres 2022 – zu, noch hieß er die Nutzung des Begriffs „Kriegstüchtig“ von Verteidigungsminister Pistorius gut. „Kriegstüchtig“ sei ein Begriff, der 1942 von Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels geprägt worden sei.
Die Einschätzung des 71-Jährigen zum Ukraine-Krieg: „Putin will nur die Ukraine, vielleicht nur einen Teil.“ Er plädierte dafür, wieder normale Beziehungen zu Russland aufzubauen und Städtepartnerschaften wieder zu beleben. Bisher, so bedauerte Zumach, sei es der internationalen Friedensbewegung nicht gelungen, zur Mitte der Gesellschaft vorzudringen. Er sagte auch: Die Nato habe ihre aggressive Atomwaffen-Doktrin nie geändert. Und die junge Generation habe praktisch keine Kriegserfahrungen.
Nächste Veranstaltung: Der israelisch-deutsche Autor Tomer Dotan-Dreyfus liest aus seinem neuen Buch „Keinheimatland“, moderiert von Mohamed Amjahid, 7. November, 18 Uhr, Schiller-Bibliothek, Müllerstr. 149, Berlin-Mitte





