Regina Römhild, Professorin für Europäische Ethnologie an der Humboldt Universität Berlin, nimmt Stellung zu neuen Quellen, die Historiker Michael Zeuske über Anton Wilhelm Amo untersucht hat. Sklavereiforscher Zeuske hegt Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Umbenennung der Mohrenstraße vom 23. August. Seine Begründung: Amo soll selbst am Sklavenhandel beteiligt gewesen sein. Er beruft sich bei seiner Behauptung auf Dokumente aus den Jahren 1706 und 1746.

Regina Römhild, Professorin i.R. am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität und Mitglied des Amo Kollektivs, leitet jedoch etwas ganz anderes aus den neuen Quellen-Funden ab. Sie sagt: „Es ist jetzt Zeit, aus der Geschichte, die uns Anton Wilhelm Amo erzählen kann, für unsere Gegenwart und Zukunft zu lernen.“

Amo: „Eine schillernde, historische Figur“

Regina Römhild, Professorin für Europäische Ethnologie an der HU Berlin. Das Institut sitzt in der ehemaligen Mohrenstraße.
Regina Römhild, Professorin für Europäische Ethnologie an der HU Berlin. Das Institut sitzt in der ehemaligen Mohrenstraße. © heike zappe | Heike Zappe

Regina Römhild, die sich so intensiv wie kaum eine andere mit der Person befasst hat, hält die Umbenennung nach dem Philosophen dennoch für passend. Römhild ist Professorin am Institut für Europäische Ethnologie in der ehemaligen Mohrenstraße und Mitglied des so genannten Amo-Kollektivs. Gegenüber der Morgenpost erläutert sie ihren Standpunkt. Die neuen Quellen würden Anton Wilhelm Amo zu „einer umso schillernderen historischen Figur in der europäisch-afrikanischen Verflechtungsgeschichte“ machen, so Römhild.

Wörtlich sagte sie: „Wenn sich die Interpretationen, die Zeuske aus seinem Quellenfund ableitet, als belastbar erweisen sollten – was sicher noch einige wissenschaftliche Auseinandersetzungen erfordert -, würde das bedeuten, dass Amo nicht als versklavtes Kind nach Preußen kam, sondern als einzigartig privilegierter achtjähriger Mensch afrikanischer Herkunft, der besonderen Schutz und Förderung genoss, um später eine wissenschaftliche Ausbildung absolvieren und eine akademische Karriere im damaligen Ostdeutschland realisieren zu können. Bislang ist kein anderer Fall dieser Art bekannt.“

Amo steht für Widersprüche des 18. Jahrhunderts

Es ist bislang nicht vollständig geklärt, ob Anton Wilhelm Amo einer in den Versklavungshandel des 18. Jahrhunderts aktiv verstrickten Familie entstammte, die ihn, so vermutet, mit Bildungsabsichten nach Europa schickte. „Wenn es denn so wäre,“ so Römhild, „dann spricht all das nur um so mehr dafür, dass Anton Wilhelm Amo als neuer Namensgeber für die M*Straße in Berlin-Mitte ausgewählt wurde.“ Warum? Amo steht für Römhild „wie kein anderer für die vielen Ambivalenzen und Widersprüche, die das Zeitalter des 18. Jahrhunderts im Vorfeld des institutionalisierten Kolonialismus und Rassismus hervorbrachte.“

Mein Berlin-Mitte-Newsletter

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit allen Themen aus Berlin Mitte

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Anton Wilhelm Amos Biographie zeige auch ohne die neuen Quellenfunde, dass er „durch die aufklärerisch-liberalen Auffassungen seines Gönners Herzog Anton-Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel, an dessen Hof er lebte, und dessen Sohn August Wilhelm Privilegien erhielt, die sonst praktisch allen Menschen afrikanischer Herkunft in Europa und den Kolonien der Amerikas vorenthalten waren.“ Die Verfügung, dass Straßen nicht nach Personen benannt werden dürfen, die mit dem Kolonialismus in Zusammenhang stehen, lasse sich „nicht gegen ihn als dezidierten zeitgenössischen Kritiker dieser Verhältnisse richten, wenn man den Sinn der Verfügung nicht komplett verzerren will.“

Weiterführende Informationen: Website des Amo Kollektivs.
Der Audio Walk des Dekolonialen Flanierens 2022 steht kostenlos zum Download bereit.