Der Molkenmarkt in Berlin-Mitte: Auf den flüchtigen ersten Blick bloß eine der unzähligen Baustellen im Bezirk. Intensiv wurde in den vergangenen Jahren um die Bebauung gestritten, im Januar 2025 beginnt nun der erste Wettbewerb, um die passende Architektur für die angestrebten neuen Wohnungen zu finden. Wer sich aber detaillierter mit dem Ort in der Nähe des Nikolaiviertels auseinandersetzt, weiß: Der Molkenmarkt ist viel mehr als bloß eine Baustelle mit all ihren kommunalen Dramen.

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Der älteste Platz Berlins ist seit 2019 vor allem eine Ausgrabungsstätte, seit nun mehr fünf Jahren findet dort die größte Stadtkerngrabung Deutschlands statt. Kurz vor Weihnachten hat das Landesdenkmalamt (LDA) jetzt stolz einen neuen Fund von fast 200 Figuren präsentiert. Highlight ist eine kleine Statuette der Heiligen Katharina, die aus dem 15. Jahrhundert stammt und nahezu unversehrt geborgen werden konnte. Wie ist so etwas möglich, dass eine Tonfigur 600 Jahre im Berliner Boden liegt, ohne Schaden zu nehmen?

Archäologie: Heilige Katharina vom Molkenmarkt lag in einer Latrine

„Das liegt daran, dass sie in einer Latrine gefunden wurde“, erklärt Nicole Hildebrand vom LDA. Unter einer Latrine versteht man im historischen Kontext eine gelegentlich etwas behelfsmäßige sanitäre Anlage für die Verrichtung der Notdurft. In der Archäologie liefern Latrinen heute immer wieder spektakuläre Fundstücke, da regelmäßig Gegenstände versehentlich hineingefallen oder absichtlich darin entsorgt und so ganz natürlich konserviert wurden.

Die Statuette der Heiligen Katharina stammt ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert und wurde in Berlin bei Ausgrabungen am Molkenmarkt gefunden.
Die Statuette der Heiligen Katharina stammt ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert und wurde in Berlin bei Ausgrabungen am Molkenmarkt gefunden.© Landesdenkmalamt Berlin / Julia-Marlen Schiefelbein | Landesdenkmalamt Berlin / Julia-Marlen Schiefelbein

„Latrinen sind für Archäologen wie Schatzkisten im Boden, weil sie irgendwann wie Müllhalden genutzt wurden“, erklärt Hildebrand. Die Heilige Katharina wurde im Spätmittelalter als Nothelferin und Schutzpatronin angesehen und hatte deshalb schon einen gewissen Wert für die Menschen. Sebastian Heber, Leiter der Bodendenkmalpflege beim LDA, erkannte auf einem Presstermin am Montag die Katharina und die ebenfalls gefundene Figur einer Madonna mit Jesuskind als besonderen Ausweis bürgerlicher Frömmigkeit.

Katharina-Statuette einer der wichtigsten Funde der gesamten Ausgrabungen

„Wie die Katharina in die Latrine hereingekommen ist und wann, kann man leider nicht genau sagen“, erklärt Hildebrand, „aber sie lag wirklich ganz unten und war deshalb sehr gut erhalten.“ Die Ausgrabung der Latrine wurde schichtweise in Schritten von fünf bis zehn Zentimetern vorgenommen. Weil sich in solchen Fundstellen immer auch Aufschlussreiches über die damalige Ernährung der Menschen herausfinden lässt, wendete die Archäologen höchste Sorgfalt an – und konnten dementsprechend auch die nur elf Zentimeter große Statuette der Heiligen Katharina entdecken.

„Wir arbeiten sehr, sehr kleinteilig, bis hin dazu, dass Erde durchgesiebt wird, um auch kleine Perlen und so etwas zu finden“, erläutert Hildebrand. So sprang die Katharina auch wegen ihres guten Zustands dann sofort ins Auge. Kleinere, noch etwas ältere Figürchen, die auch jetzt wieder zahlreich entdeckt wurden, seien öfters dabei. Ein Einzelfund wie die Heilige Katharina hat allerdings eine große Bedeutung und zählt zu den Höhepunkten der Untersuchungen am Molkenmarkt. „Das ist herausragend, sehr besonders“, jubelt Hildebrand.

Ausgrabungen gehen noch bis Ende des nächsten Jahres weiter

Erst im August dieses Jahres hatte das Landesdenkmalamt schon einmal ein echtes Highlight vermeldet, als die Ausgrabungen ein japanisches Kurzschwert aus dem 17. Jahrhundert hervorgebracht hatten. Archäologen bezeichneten das im Kern des historischen Berlins als „Sensationsfund“. Nun reiht sich die Heilige Katharina auf ähnlichem Niveau an der Speerspitze der über 600.000 Fundstücke ein, die insgesamt seit 2019 in Mitte entdeckt wurden.

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Noch bis Ende 2025 sollen die Ausgrabungen fortgesetzt werden. Erfolge wie die beiden jüngsten Beispiele ermutigen die Forscher für das letzte Jahr der Untersuchungen. „Man kann natürlich nicht konkret sagen, was dort noch verborgen ist“, erklärt Hildebrand, „aber wir erwarten schon noch einige mittelalterliche Reste und da kann uns auch das ein oder andere überraschen. Da wird sicher noch einiges rauskommen.“

So werden auch im kommenden Jahr womöglich zunächst noch Relikte aus der alten Zeit am Molkenmarkt für Schlagzeilen sorgen, ehe die Pläne für die neuen Gebäude konkretisiert werden. Ursprünglich war der Baubeginn für 2026, direkt nach dem Ende der Ausgrabungen, geplant. Doch inzwischen ist dieser schon auf 2029 verschoben. Wenn es dann so weit ist, wird aber auch die Archäologie nicht verschwinden: In den neuen Gebäuen sind archäologische Fenster eingeplant, die einen Blick in die Vergangenheit des historischen Herzens von Berlin ermöglichen sollen.